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„EL ÑATO“ – FREUND UND FEIND DER MILITÄRS

In den 1960er Jahren rutschte Uruguay immer tiefer in eine politische, soziale und wirtschaftliche Krise. Zeit für radikale Veränderungen glaubten viele, so auch die Nationale Befreiungsbewegung – Tupamaros (MLN-T), die sich die sozialistische Revolution auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Auch der 1942 geborene Bankangestellte Eleuterio Fernández Huidobro, genannt „El Ñato“, schloss sich der Stadtguerilla an. Er nahm 1963 an ersten Aktionen teil. Schon bald saß er mit dem legendären Raúl Sendic in der MLN-Führung. 1969 wurde er erstmals gefangen genommen, 1972 erneut.
Huidobro versuchte im Kerker mit Armee-Offizieren zu verhandeln: Er bot die bedingungslose Kapitulation der Tupamaros an, im Gegenzug forderte er Reformen und ein Ende der Folter. Raúl Sendic nannte ihn daraufhin einen Verräter. Der Riss zwischen den beiden war nicht mehr zu kitten.
Zu den Offizieren sollte Huidobro auch später den Kontakt halten. Kritiker*innen wollen deshalb bei ihm das Stockholm-Syndrom erkannt haben. Die zivil-militärische Diktatur, die seit 1973 das Land brutal unterdrückte, unterband schließlich alle weiteren Gespräche. Neun Tupamaros, darunter Raúl Sendic, Pepe Mujica und El Ñato, wurden zu „Geiseln“ der Streitkräfte und unter barbarischen Bedingungen gefangen gehalten. Die 13 Leidensjahre hat der redegewandte Huidobro gemeinsam mit dem Kampfgenossen und Dramatiker Mauricio Rosencof in ihrer Chronik Memorias del Calabozo eindringlich beschrieben.
Nach dem Ende der Diktatur verabschiedete die Regierung unter Präsident Julio Maria Sanguinetti 1986 ein Gesetz über die Verjährung des staatlichen Strafverfolgungsanspruchs. Das hieß Straffreiheit für Diktaturverbrechen. „El Ñato“ gab derweil den revolutionären für den „demokratischen Weg“ auf. Die MPP (Bewegung für die Beteiligung des Volkes) wurde die Partei der Tupamaros. Sie schloss sich dem Linksbündnis Frente Amplio (Breite Front) an, das 2005 erstmals die Wahlen gewann.
Als dann José „Pepe“ Mujica zum Präsidenten gewählt wurde, kam die große Stunde Huidobros. Der ehemalige Feind kommandierte ab 2011 als Verteidigungsminister die Streitkräfte Uruguays. Er erwarb sich „die Hochachtung und den Respekt der Streitkräfte“, so der Oberkommandierende Guido Manini Ríos in seiner Trauerrede. Wohl nicht zufällig hatten Huidobro wie auch Mujica schon bald nach Ende der Diktatur heimlich den Gesprächsfaden mit den Uniformierten wieder aufgenommen. Vor allem mit der rechtsgerichteten Militärloge „Tenientes des Artigas“. Der Oberkommandierende Ríos stammt aus ihren Reihen. Für die „Tenientes“ wie für Huidobro herrschte in den bleiernen Jahren Krieg. Auf beiden Seiten kämpften Kombattanten. Beide Seiten hätten Opfer gebracht. Die Wunde musste geschlossen werden. Von den vielen zivilen Opfern der Diktatur war nicht die Rede. Die Achtung der Offiziere hat Huidobro wohl auch gewonnen, weil er sich gegen die Annullierung des Vejährungsgesetzes im Parlament stemmte. Er behinderte als Minister die Suche nach den „Verschwundenen“ auf Militärgelände. Er zog sich den Zorn von Menschenrechtsorganisationen zu.
Im August dieses Jahres verstarb „El Ñato“im Alter von 75 Jahren. Bis zu seinem Tod sorgte er immer wieder mit provokativen, manchmal verletzenden Äußerungen für Empörung, auch in „Frente“-Reihen. Ohne Konsequenzen. In einem Nachruf würdigte ihn der Ex-Tupamaro und Journalist Samuel Blixen als „treuesten Freund der Militärs“.

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