Entwicklungspolitik | Nummer 231/232 - Sept./Okt. 1993

Gedanken über Mutterschaft

Teresita de Barbieri, Übersetzung: E. Wasdaris/S. Schultz

Die Politik der Bevölkerungskontrolle hat dazu geführt, daß weniger Kinder geboren werden. Aber sie hat weder die typischen Rollen von Mutter und Vater, noch die symbolischen Bedeutungen von Mutterschaft und Vaterschaft in Frage gestellt. Die narzistischen Anteile unserer Kultur, die mit der Organisation der Geschlechterverhältnisse zusammenhängen, haben sich nicht verändert. Im Gegenteil, sie werden durch den wirtschaftlichen Neoliberalismus und die politische Machtausübung der Yuppie-Kultur immer mehr stimuliert.
Frauen und Männer wollen sich durch ihre Fortpflanzung selbst bestätigen. Alternative Lebensentwürfe, die den Tod nicht durch das Kinder-Machen transzendieren, finden keine Wertschätzung. Dies verstärkt das Bedürfnis der Frauen nach Vervollkommnung und der Männer nach Beweis ihrer Männlichkeit durch Kinder. Für die Frauen hat es noch andere Folgen: In einer Welt, die ihnen außer ihrer Fruchtbarkeit wenig Möglichkeiten bietet, anerkannt zu werden, stellt die Bevölkerungspolitik sie vor ein Dilemma: Auf der einen Seite steht der Wunsch, die Fruchtbarkeit an die finanziellen Möglichkeiten anzupassen, auf der anderen Seite die Notwendigkeit, diesen Raum der Anerkennung und vielfältigen Einflußnahme nicht zu verlieren. Zum Beispiel, wenn mit einer Schwangerschaft eine Heirat erzwungen werden oder ein Bruch in der Ehe oder Partnerschaft vermieden werden kann. Oder wenn Fruchtbarkeit für Frauen wieder wichtig wird, weil die älteren Kinder sie für ihre Entwicklung immer weniger brauchen. Eine frühzeitige Sterilisation bringt schon ernsthafte Probleme in festen Beziehungen mit sich. Vor allem aber kann sie für Frauen, die sich mehr als einmal binden, frühe Trennungen, Einsamkeit, Scheidung oder Witwenschaft bedeuten; ganz zu schweigen von dem Fall, daß eines ihrer Kinder stirbt.

Weit von einer mehrheitlichen Beteiligung entfernt

Die alternativen Lebensentwürfe, die sich für Frauen auf dem Arbeitsmarkt, in der Politik oder im öffentlichen Leben eröffnen, haben sich bisher noch nicht so vertieft, daß sie persönliche und gesellschaftliche Anerkennung versprechen. Zwar haben die Länder der Region in diesen Jahren der Krise und wirtschaftlichen Verschlechterung eine zunehmende Beteiligung der Frauen an der Erwerbsarbeit erlebt. Aber mensch darf nicht aus den Augen verlieren, daß dies mit einer Entwertung der Arbeit besonders bei den weiblichen Beschäftigungen einherging und dazu diente, die steigenden Haushaltskosten zu decken. Das heißt, die zunehmende Erwerbsarbeit der Frauen entbindet sie nicht von der Hausarbeit. Es gibt keine neuen Beschäftigungsfelder für Frauen und wenn doch, dann nur, weil die Löhne so niedrig sind und die Arbeitsbedingungen so schlecht, daß nur sehr bedürftige Frauen sie annehmen.
Trotz einzelner Ministerinnen, Gouverneurinnen, Senatorinnen und Abgeordneter sind wir in der Politik weit davon entfernt, gleichberechtigt und in einem ernstzunehmenden prozentualen Anteil vertreten zu sein. In den städtischen sozialen Bewegungen sind viele Frauen aktiv; sie stellen die Mehrheit an der Basis, aber in den Leitungsgremien kehren sich die Proportionen um.
Die Verringerung der Kinderzahl macht aus der reichhaltigen Mutterschaft eine scheinbar bessere Mutterschaft: „weniger Kinder, um ihnen mehr zu geben“. Aber Mutterschaft und Vaterschaft als sich selbst transzendierende Tätigkeiten und Funktionen werden nicht neu definiert. Das heißt, Fortpflanzung wird immer noch nicht deswegen für wertvoll gehalten, weil sie das Abenteuer ist, gleichzeitig menschliches Leben zu schaffen und es menschlich zu machen. Tochter und Sohn sind weiter manipulierbare Objekte für die Befriedigung der tiefliegenden Bedürfnisse ihrer leiblichen Eltern.
Daß Mutterschaft und Vaterschaft nicht mit neuen Werten belegt werden, hat für viele Frauen und Kinder katastrophale Auswirkungen. Denn nach der Geburt fällt die Verantwortung für Betreuung, Versorgung und Sozialisation – das heißt für die Menschwerdung über die Erhaltung des physischen Lebens hinaus – den Müttern zu. Die Mutter muß begleiten, anwesend sein, arbeiten und das Kind, ein außerordentlich anspruchsvolles Geschöpf, permanent versorgen. Die Mutter muß alles Lebensnotwendige für das Kind sicherstellen. Viele Seiten fordern das von ihr und kontrollieren sie, aber niemand oder kaum jemand gibt ihr vertrauenswürdige und sichere Unterstützung.
Wenn das Baby keine Aufmerksamkeit und zärtliche Behandlung erfährt, wird seine Perönlichkeitsbildung erschwert. Im Extremfall leben Kinder auf der Straße, es entstehen sehr agressive Jugendbanden und es gibt Personen, denen es schwerfällt oder denen es schwer gemacht wird, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden. Dies sind keine festgelegten Entwicklungen – Umkehr, Rückzug oder Verdrängung sind andere Möglichkeiten. Aber Grundlage vieler dieser Erscheinungen sind Mißhandlungen oder Vernachlässigung in den ersten Jahren der Kindheit; das Ergebnis von Mutter- und Vaterschaft, die sich um die Bedürfnisbefriedigung von Mutter und Vater drehen. Dies zeigt sich auch im Kindsmord und sicherlich in erschreckenden Phänomenen wie Kinderhandel oder Experimenten mit und Transplantationen von Organen.

Richtlinien für Bevölkerungspolitik im 21. Jahrhundert

Wir sollten also über Bevölkerungspolitik in einem weiteren Sinne nachdenken, nicht als Maßnahmen, die einzelne oder mehrere demographische Variablen ändern sollen. Stattdessen sollten darunter Handlungen verstanden werden, die die Bedürfnisse befriedigen, welche bei der Reproduktion der Bevölkerung, und damit der Gesellschaft, entstehen. Der Neoliberalismus in der Region ist schon alt. Nach so vielen Verwüstungen, die er unter den verletzlichsten Bevölkerungsgruppen Lateinamerikas angerichtet hat, wird sein Zyklus irgendwann beendet sein und durch etwas Neues ersetzt werden. Vielleicht werden diejenigen mit grauen oder gefärbten Haaren das nicht mehr erleben, aber die Geschichte hört nicht mit uns auf.
Hier liegt eine vielversprechende Aufgabe für diejenigen, die Ideale der Gerechtigkeit verfolgen und nicht glauben, daß Machismo, Rassismus, Elend und Armut unveränderliche Tatsachen sind. Mein Vorschlag ist es, eine breite, tiefgreifende und unvoreingenommene Debatte über Sexualität, Fortpflanzung und geschlechtliche Arbeitsteilung in unseren Ländern zu eröffnen. Eine solche Diskussion muß sich im Rahmen der neuen lateinamerikanischen Realitäten bewegen: a) Die zerstörten Wirtschaften (einschließlich der ökologischen Gegebenheiten) und ihre Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der unteren Einkommensschichten; dazu gehören auch die erschreckenden Phänomene wie Veräußerlichung und Verkauf des menschlichen Körpers oder seiner Teile b) die neuen Bevölkerungsstrukturen aufgrund der Verlängerung der Lebenserwartung und des Rückgangs der Fruchtbarkeit in den letzten Jahren c) die Vorschläge der sozialen Bewegungen, insbesondere der Frauen, Feministinnen, der Jugendlichen und der Menschenrechtsorganisationen d) bestimmte politische und staatliche Zugeständnisse gegenüber den Forderungen einiger dieser Bewegungen.
Denn – und dies ist eine Hypothese – wahrscheinlich sind einige Elemente der gesellschaftlichen Konstruktion von Generationen und Geschlechtern schon in Bewegung geraten. Es verändert sich, wie die Geschlechter sich in den unterschiedlichen Phasen des Lebens definieren und sich aufeinander beziehen.

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