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Große Pläne in Chile

Das nächste Mal gehst Du lieber zur FONASA.” Als der chilenische Ex-Diktator Pinochet 1998 im Anschluss an eine Bandscheibenoperation in London festgenommen wurde, kursierte dieser Rat einige Wochen zusammen mit einem Foto Pinochets hinter Gittern im Internet. Den Witz versteht nur, wer den Ruf der staatlichen chilenischen Krankenversicherung FONASA (Nationaler Gesundheitsfonds) kennt: Deren KundInnen leiden unter langen Wartezeiten in Krankenhäusern, unfreundlicher Behandlung durch das Klinikpersonal und schlecht ausgerüsteten ÄrztInnen. Sie bleiben aber zur Behandlung im Land.
Trotz dieser Probleme und obwohl es seit der Gesundheitsreform in Chile zu Beginn der 1980er Jahre private Versicherungen (ISAPREs) gibt, sind nach wie vor die meisten ChilenInnen bei der FONASA versichert. Die privat Versicherten müssen regelmäßig hohe Zuzahlungen für ihre Behandlung erbringen (siehe Seite 12-18). Um nun eine solide Grundversorgung vor allem bei schweren Krankheiten zu gewährleisten, hat die Regierungskoalition der Concertación unter dem sozialdemokratischen Präsidenten Lagos den Plan AUGE (Plan für universellen Zugang mit klaren Garantien) ins Leben gerufen. Bis 2004 soll dieser Masterplan bei 56 Krankheiten eine schnelle und angemessene Behandlung garantieren und die PatientInnen vor hohen Zuzahlungen schützen. Am ersten August startete das Projekt AUGE in den Krankenhäusern für zunächst 3 der geplanten 56 Erkrankungen: Angeborene Herzfehler, bösartige Tumoren bei Kindern und chronische Nierenschwäche.

Sicherheit für alle?

Diagnostiziert eine Ärztin bei einem Patienten eine dieser Krankheiten, so verweist sie ihn an eine Fachärztin. Hier muss der Patient zunächst eine AUGE-Bonuskarte für FachärztInnen vorweisen, die er bei der zuständigen FONASA-Geschäftsstelle bekommt. Bestätigt die Fachärztin die Diagnose, braucht der Patient eine weitere Bonuskarte für die Behandlung, die er im Krankenhaus vorlegen muss. Sofern PatientInnen keinen Platz in öffentlichen Krankenhäusern finden, können sie auf Privatkliniken ausweichen. Ansonsten haben sie keine Wahl zwischen privaten und öffentlichen Kliniken. Zuzahlungen sind auf 20 Prozent begrenzt und gelten nur für höhere Einkommensgruppen. Das gilt auch für KundInnen der ISAPREs, die damit keine hohen Zuzahlungen für die Behandlung dieser drei Krankheiten fürchten müssen.
Mit dem Plan AUGE bekommen die chilenischen PatientInnen somit einklagbare Rechte: Verlängern sich die Wartezeiten, können sie sich bei FONASA beschweren und eine sofortige Behandlung verlangen. Auch die Art der Behandlung ist festgelegt und kann eingefordert werden, damit „niemand mit einer Aspirin und einer Limo nach Hause geschickt wird”, wie es die chilenische Zeitschrift Que Pasa formulierte. Werdende Mütter haben mit dem Plan AUGE in Zukunft Anspruch auf eine Geburt unter schmerzstillender Behandlung, Frauen mit erhöhtem Brustkrebsrisiko auf regelmäßige Mammographien.
Eine solche Grundversorgung soll dazu beitragen, die größten Mängel des öffentlichen wie des privaten Systems auszugleichen: Die ISAPRE-KundInnen können sich darauf verlassen, dass ihre Kassen die Kosten für bestimmte Behandlungen in vollem Umfang erstatten. Und FONASA-Versicherte bekommen immerhin in einigen Fällen die Möglichkeit einer schnelleren Behandlung, ohne lange auf den Fluren von öffentlichen Hospitälern herumsitzen zu müssen.
Die mit ihrem Gesundheitssystem chronisch unzufriedene Bevölkerung scheint sich von diesen Vorhaben durchaus etwas zu versprechen: Laut einer Umfrage des chilenischen Zentrums für Öffentliche Studien (CEP) vom Juli 2002 glauben immerhin 46 Prozent der Befragten, dass der Plan AUGE bei seiner Umsetzung ihre Gesundheitsversorgung verbessern wird. 45 Prozent sind bereit, dafür Steuererhöhungen in Kauf zu nehmen.
Die Finanzierung des Projektes wird seit Anfang des Jahres heiß diskutiert. Immer wieder war die Rede von Beitragserhöhungen. Gesundheitsminister Osvaldo Artaza weist diese Möglichkeit allerdings entschieden zurück. Patricio Bustos, Berater im Ministerium, erklärt: „Wir finanzieren den Plan AUGE durch eine Einführung der Beitragspflicht für Selbständige und eine Erhöhung der Tabak-, Alkohol- und Dieselsteuer. Es gibt also keinen Grund, die Beiträge zu erhöhen.”

Kritik am Plan Auge

Eine Studie der Universidad de Chile formuliert einige Kritikpunkte am neuen Plan: Die Einschränkung der Behandlungsgarantie auf eine Gruppe von Krankheiten schließe PatientInnen mit anderen, nicht im Plan AUGE enthaltenen Gesundheitsproblemen aus und verlängere deren Wartezeiten. Außerdem fehle es an Präventionsmaßnahmen, und schließlich verbessere dieses Projekt nicht die Zusammenarbeit zwischen privatem und öffentlichem Sektor. Zusätzlich kritisieren Frauenorganisationen, dass Themen wie Verhütung, Abtreibung, Sexualerziehung und sexuelle Gewalt überhaupt keine Rolle beim Plan AUGE spielen.
Gesundheitsminister Artaza ließ sich von der Kritik aber wenig beeindrucken. Sein Team will den privaten und den öffentlichen Gesundheitssektor jeweils für sich allein verbessern. Und zu den Wartezeiten meinte er: „Die Warteschlangen, in denen Menschen zwischenzeitlich sterben oder ernsthafte Schäden erleiden, werden auf jeden Fall verschwinden.” Zudem werde der Plan ab 2004 alle drei Jahre überprüft, um die Zahl der Behandlungen zu erhöhen. Ob die Prävention, die im Grundsatzkonzept des Plans ausdrücklich als wichtiger Bestandteil erwähnt ist, dann einen höheren Stellenwert erlangen wird, bleibt abzuwarten.
Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Concertación nach den Wahlen 2005 weiter regieren kann. Denn eine Regierung der Konservativen würde die Rechte, die die chilenischen PatientInnen durch den Plan AUGE erlangen, wohl wieder dem Spiel des freien Marktes opfern.

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