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Links bleiben, ohne sich linken zu lassen

Mein Name ist Esther, aber das ist nicht wichtig. Ich bin eine Zapatista, aber auch das ist in diesem Augenblick nicht wichtig. Ich bin eine Indígena und eine Frau, und das ist das Einzige, was jetzt wichtig ist.“ Die Worte sitzen. Nie zuvor ist eine indigene Frau, eine, die nicht zum Establishment gehört, im mexikanischen Kongress ans Mikrofon getreten. Und niemand hätte erwartet, dass ausgerechnet das im Mittelpunkt ihrer Rede steht, was normalerweise als Grund gilt, schweigend zu gehorchen, zumal in einem Land wie Mexiko, einer ausgemachten Hochburg des Machismo: ihr indianisches Frausein. Damit machte sie den angeblichen Nebenwiderspruch zum Kern der Sache.

Mexiko – Hochburg des Machismo

Nach ihrem Marsch auf die Hauptstadt und zähen Vorverhandlungen erreichen die ZapatistInnen am 28. März dieses Jahres ihr Ziel, im mexikanischen Kongress ihre Forderungen nach Umsetzung der Verträge von San Andrés vorzutragen. Comandanta Esther ergreift als Erste aus der 27-köpfigen Delegation das Wort. Und sie teilt nach beiden Seiten aus. Nicht nur prangert sie die Unterdrückung durch die Gesetze des mexikanischen Staates und die Diskriminierung durch die Weißen an. Sie legt sich ebenso mit Sitten und Bräuchen in den indianischen Gemeinden an, die die Frauen zu Menschen zweiter Klasse machen. Ein unerhörter Akt. So unerhört offenbar, dass trotz riesiger Medienpräsenz, trotz ungeteilter Aufmerksamkeit zahlreicher nationaler wie internationaler BeobachterInnen niemand diesen Aspekt später aufgreift. Dass eine Frau als Erste gesprochen hat und nicht Subcomandante Marcos, das ja, das wird erwähnt. Aber dass sie die Perspektive verrückt, ja verkehrt hat, das fällt auch diesmal wieder durch die Wahrnehmungsraster.
Die Verträge von San Andrés Larraínzar würden einen großen Fortschritt in der Geltung indianischer Rechte und Kulturen bedeuten, so sie denn in ihrem Geist und nicht in der nun verabschiedeten verwässerten Version umgesetzt würden. Bei den Verhandlungen, die zu den Verträgen führten, gab es ursprünglich auch eine Arbeitsgruppe zu Frauenrechten und Autonomie. Deren Empfehlungen wurden jedoch von der Regierung nicht akzeptiert und fehlen im endgültigen Text. Die zapatistische Seite kritisierte dies zwar, beim Ersten Treffen indigener Frauen beschlossen sie dennoch, sich für die Verträge von San Andrés einzusetzen, weil sie einen „Ausgangspunkt, und nicht einen Endpunkt“ darstellten.

Dreifache Verachtung

Wenige Tage vor ihrem Auftritt im mexikanischen Kongress, zum Frauentag am 8. März, hatte Comandanta Esther von der dreifachen Verachtung (nicht Unterdrückung!) gesprochen, unter der ihresgleichen leide: als Frau überhaupt, als indigene Frau und als arme Frau. Und dagegen gelte es anzugehen. In den autonomen Gemeinden haben Frauen inzwischen eigene Versammlungen und eigene Ladenkollektive eingerichtet. Nur unter Frauen zu sein, berichten sie, hilft, endlich Scham und Angst zu verlieren. Selbstbewusstsein zu schaffen, um Forderungen formulieren zu können, ist für sie das Wichtigste.
30 Prozent der ZapatistInnen, heißt es, sind Frauen. Der Frauenanteil – auch in bewaffneten – Befreiungsbewegungen war und ist in Lateinamerika bemerkenswert hoch. Die Fotos großer Gruppen lächelnder FARC-Kämpferinnen, zu propagandistischen oder pressereißerischen Zwecken aufgenommen, vermitteln ein keineswegs falsches Bild von ihrer Präsenz in der kolumbianischen Guerilla. Von Seiten von FARC-Guerilleras drang bislang noch keinerlei Kritik an männlichen Machtstrukturen innerhalb der Organisation an die Öffentlichkeit. Unter anderen Umständen und in anderen Ländern war dies aber durchaus schon der Fall.

Männlichkeitsverhalten in Frage gestellt

In der salvadorianischen FMLN begannen die Guerillakämpferinnen Ende der 80er Jahre massiv, das traditionelle Männlichkeitsverhalten ihrer ansonsten doch so revolutionär gesinnten Kameraden in Frage zu stellen. Es waren gerade die Frauen aus der Guerilla, die die Anfang der 90er Jahre mit dem Ende des Krieges schnell erstarkende Frauenbewegung El Salvadors trugen und autonome Frauengruppen wie die Dignas oder die Mélidas gründeten, die bis heute sehr aktiv sind. Zum einen, sagten sie, habe der Krieg ihnen geholfen, die Küche zu verlassen, zum anderen hätten sie irgendwann nicht mehr eingesehen, den compas dennoch regelmäßig die Socken zu waschen.
Die drei, vier FMLN-Kämpferinnen, die Ende 1990 auf dem lateinamerikanischen Feministinnentreffen in Argentinien auftauchten, kamen mit der Angst, ihre Organisation zu verraten, und waren noch eine Sensation. 1994 traten in El Salvador bereits 40 Frauengruppen mit einer gemeinsamen „Feministischen Plattform“ an die Parteien heran, um sie selbstbewusst in Sachen Frauenfreundlichkeit abzuklopfen.
Auch im Nachbarland Nicaragua hatte sich Frauenemanzipation zunächst innerhalb des Sandinismus als revolutionärem politischen Projekt artikuliert. Der Frauenverband AMNLAE war sozusagen Teil des sandinistischen Apparates, solange die SandinistInnen an der Macht waren. Der Bruch bereitete sich erst allmählich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre vor.
Die Entwicklung verläuft immer wieder ähnlich: Frauen, die mit dem Status quo nicht zufrieden sind, engagieren sich in linken beziehungsweise revolutionären Projekten, stellen dort aber nach einer gewissen Zeit fest, dass die Geschlechterverhältnisse keineswegs Teil des Umsturzplans der männlichen Kollegen sind. Die Emanzipation aus der linken Struktur gelingt, sobald diese Risse zeigt. Die lange Zeit sichtbar starke Frauenbewegung Perus entstand auf der Basis von Frauen, die in den 70er Jahren nach und nach die linken Parteien verlassen hatten und sich damals dem Vorwurf aussetzen mussten, den Klassenkampf zu spalten.
Trotz vieler Unkenrufe, der Schwung sei weg und aus der Frauenbewegung sei eine Frauen-Projekte-Bewegung geworden, waren es nach dem Wahlbetrug Fujimoris im Jahr 2000 wieder Frauen, die in großem Stil auf der Straße protestierten: Im Mai und Juni versammelten sich die „Frauen für die Würde“ jeden Dienstag um 12 Uhr vor dem Regierungspalast, um diesen gegen Ungeziefer symbolisch auszuräuchern. Die „Breite Frauenbewegung“ veranstaltete jeden Donnerstag ein Sit-In mit Musik und künstlerischen Einlagen vor dem Justizpalast. Die „Demokratische Frauenfront“ protestierte mit Mahnwachen. Die Frauen der Partei Perú Posible machten wöchentliche Märsche durch Limas Innenstadt. Die „Frauen für die Demokratie“ zogen am 27. Juni, als der OEA-Generalsekretär César Gaviria Lima besuchte, in Trauerkleidung mit einem Sarg, in dem die gestorbene Demokratie lag, zu dessen Hotel und wurden mit Tränengas auseinander getrieben.
Wirklich bekannt geworden ist das nicht. Wie bei Comandanta Esther „vergisst“ die Medienberichterstattung, dass bis zu 80 Prozent der sozialen Bewegungen in Lateinamerika von Frauen getragen werden. In Demonstrationszügen laufen oft überwiegend Frauen, aber die Redner sind Männer.

Globalisierung aus feministischer Sicht

In vielen linken Parteien Lateinamerikas haben Frauen inzwischen Mindestquoten für Listenplätze durchgesetzt, Frauenbüros geschaffen, an Frauenförderplänen mitgeschrieben. Aber ist es wieder einmal nur der pure Zufall, dass eine Arbeitsgruppe des Foro de São Paulo, ein Zusammenschluss von Linksparteien Lateinamerikas, im Juli 2001 nach Europa reist und auf der 15-köpfigen Teilnehmerliste keine einzige Frau steht?
Während des Amerika-Gipfels in Santiago de Chile im Jahre 1998, auf dem der damalige US-Präsident Bill Clinton für eine gesamtamerikanische Freihandelszone (ALCA oder engl. FTAA) warb, entstand aus dem Gegengipfel heraus die Alianza Social Continental (ASC), ein breites Bündnis von FreihandelskritikerInnen von Kanada bis Chile mit dem Ziel, Alternativen zu dem geplanten Integrationsprojekt von oben zu entwerfen und gemeinsam zu propagieren (siehe Artikel S.47-51). Sehr schnell bauten die Frauen dieses Netzwerkes eigene Strukturen auf, um den geschlechterblinden Fleck in den Entwürfen ihrer männlichen Mitstreiter zu füllen. ALCA, so ihr Tenor, vertiefe bestehende soziale und wirtschaftliche Ungleichheit und sei daher abzulehnen.
Obwohl das Wort „Gender“ in dem Zusammenhang wesentlich häufiger auftaucht als der Begriff „Feminismus“, scheinen sich Männer, die ja auch ein „Gender“, also eine Geschlechterrolle haben, sich nicht angesprochen zu fühlen, diese zu analysieren. Offenbar schaffen es auch alternative Ökonomen und Engagierte immer noch nicht in ausreichendem und dokumentierbarem Maß, den Gender-Aspekt mit einzubeziehen.
Die Auseinandersetzung mit den geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Globalisierung ist in Frauenzusammenhängen dagegen in den vergangenen Jahren enorm in den Vordergrund gerückt und ist gleichzeitig Grund, neue Reflexions- und Aktionsbündnisse überhaupt erst zu schmieden. Allein in Brasilien sind mindestens sieben Netzwerke entstanden, die zu den Themen Wirtschaft, Handel und internationale Finanzinstitutionen aus Frauen- und Gendersicht arbeiten.
Der Weltmarsch der Frauen, eine Idee der Frauenföderation von Québec/Kanada, um gemeinsam und weltumspannend gegen Armut und Gewalt gegen Frauen zu protestieren und eine Abkehr von Neoliberalismus und Patriarchat zu fordern, endete am 17. Oktober 2000 nach monatelangen Aktionen an allen möglichen Orten (und erschreckend geringer Resonanz in Deutschland) vor dem UNO-Gebäude in New York. Teilgenommen hatten weit mehr Frauen als erwartet: mehr als 5.400 Gruppen aus 159 Ländern, rund 20 Prozent davon aus Lateinamerika.
Ein Grund für die starke Beteiligung, schreibt die Bolivianerin Jael Bueno in einer der Auswertung des Frauenmarsches gewidmeten Ausgabe der schweizerischen Frauenzeitschrift Olympe (Heft 13, Dezember 2000), sei die starke feministische Vernetzung auf dem Kontinent seit den 80er Jahren, die sich in regelmäßig stattfindenden kontinentweiten Feministinnentreffen ausdrückt.

Lateinamerikanische Feministinnentreffen

Vor 20 Jahren, 1981, trafen sich zum ersten Mal 300 Feministinnen aus allen Teilen Lateinamerikas in Bogotá, Kolumbien. Das Einende bei den folgenden Treffen waren nicht nur Themen wie Gewalt gegen Frauen und Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Anspornend wirkte auch die Erfahrung, dass von Mal zu Mal mehr Frauen hinzustießen, bis die Treffen in den 90er Jahren zu einem Jahrmarkt der Möglichkeiten gerieten und die bei allen guten Vorsätzen vorhandenen blinden Flecken der Bewegung zutage traten: Die Lesben begehrten auf, die schwarzen Frauen klagten eigene Räume ein, die Indígena-Frauen sahen sich diskriminiert.
Das achte Treffen 1999 in der Dominikanischen Republik bedeutete eine Zerreißprobe. Verunsicherung und Streit zwischen „Autonomen“ und „Institutionalisierten“, aber auch das bis an die Grenze der Beliebigkeit strapazierte Schlagwort „Diversität“ prägten die Vorbereitungsatmosphäre. Beim Treffen selbst wuchsen dann doch wieder die Hoffnungen. Eine neue Generation von Feministinnen verschaffte sich unerwartet energisch Gehör und weckte bei vielen Frauen, die zu Beginn nicht einmal sicher waren, ob überhaupt noch gemeinsame Perspektiven existieren, Erwartungen an eine Erneuerung der Bewegung.

Feminismus und Globalisierung

Das Vorbereitungskomitee für das neunte Treffen im November 2002 in Costa Rica (weitere Informationen: www.9feminista.org) hat inzwischen optimistisch das Thema der nächsten Zusammenkunft festgelegt. Es geht um nichts weniger als „Feminismus und Globalisierung“. In ihrer Ankündigung schreiben sie: „Wir brauchen dringend eine Erneuerung der Allianzen und Pakte von Frauen aus unterschiedlichen sozialen Sektoren, wir müssen zurückkehren zum Konkreten, wir wollen den Wiederaufbau des Feminismus, mit breit gefächerten Pakten zwischen den Geschlechtern“ – was immer Letzteres bedeuten mag.
Derzeit läuft ein Wettbewerb für die Gestaltung des Veranstaltungslogos. Eingereichte Vorschläge sollen kreisen um die Zuschreibungen: „rebellisch, grenzüberschreitend, fröhlich, protestierend, anders“ – alle Adjektive, versteht sich, stehen ausdrücklich in weiblicher Form.

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