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„Meister sein ist nur ein Detail“

Sócrates Brasileiro Sampaio de Souza Viera de Oliveira – welch ein Name, schon wie ein Gedicht und erste Zeile eines Sambas. Und welch ein Fußballer! Fast kann man es schon nicht mehr glauben, dass die Welt – und Brasilien – auch solche Fußballer wie Sócrates hervorgebracht hat. Geboren in Belém im amazonischen Bundesstaat Pará, aufgewachsen in Riberão Preto im Staat São Paulo. Sohn eines Vaters, der Platon las und von einem Philosophen als Sohn träumte. Den griechischen Sokrates kennen wir nur durch Platons Schriften, aber in Brasilien war es dann andersrum: Sócrates las Platon – so sagt es wenigstens die Überlieferung.
Sócrates war Arzt und Fußballer und wurde deshalb auf dem Platz immer doutor gerufen. Er blieb stets dem Verein verbunden, mit dem er berühmt wurde: Corinthians, einer der drei großen Clubs von São Paulo. Aber ungewöhnlich für einen Fußballer ist Sócrates‘ Verbindung zur Politik. Anfang der 1980er – Brasilien stand noch unter dem Regime der Militärdiktatur (1964 bis 1985) – unterstützte Sócrates die Kampagnen für demokratische Direktwahlen, die sogenannte direitas já-Bewegung, und etablierte in seinem Club die democracia corinthiana, nach welcher alles im Verein per Abstimmung aller Beteiligten – Spieler, Trainerstab und Vereinsleitung – erfolgte. Die Fans von Corinthians, insbesondere die Gruppe der Gavioes da Fiel Torcida (Die treuen Habichte), waren schon seit 1969 durch Parolen gegen die Militärdiktatur aufgefallen. Aber 1982 verbündeten sich die rebellischen Fans mit einigen Spielern: Neben Sócrates spielten noch Vladimir, Zenon (noch ein griechischer Philosoph) und Casagrande eine wichtige Rolle. Sie verbanden das politische Engagement für Direktwahlen mit einer Politisierung des Fußballs. Sócrates selbst sagte über die Zeit: „Wir haben jede Entscheidung kollektiv getroffen und uns an der gesamten Clubführung mitbeteiligt. Und das mit einem einzigartigen Gleichheitsniveau: Der einfachste Angestellte hatte das gleiche Gewicht wie der Repräsentant des Unternehmens, seine Stimme hatte den gleichen Wert. Es war alles sehr demokratisch. Diese Zeit war wunderbar und hat uns alle verändert. Die Personen, die in dieser Mikrogesellschaft involviert waren, haben ständig kommuniziert, jeder hat teilgenommen und mit entschieden. Die Neuen waren am Anfang wirklich verzweifelt: »Warum spricht hier niemand über Fußball?«“ Aber Fußball wurde gespielt und sehr erfolgreich – auch wenn die Democracia Corinthiana unter dem Slogan posierte: Meister zu sein, das ist nur ein Detail. 1982 gewannen sie die Meisterschaft von São Paulo.
Aber 1982 ging auch als eines der tragischen Jahre in die Geschichte des Fußballs Brasiliens ein: Das für viel Brasilianer_innen bis heute großartigste Team aller Zeiten spielte bei der WM 1982 in Spanien genial auf – und schied dann gegen die „0:0“-Spezialisten aus Italien aus. Sócrates, Falcão und – der wohl größte von allen – Zico sind die unvergessen Heroen dieser Tragödie, die sich 1986 durch die bittere Niederlage im Elfmeterschießen gegen Platinis Frankreich wiederholte. Sócrates und Zico präsentieren bis heute die brillianteste Epoche des brasilianischen Fußballs. Die Emotionen, die diese Teams (1986 war noch der geniale Júnior dabei) hervorgerufen haben, sind für viele unermesslich größer als die „kalten“, ergebnisorientierten Siege von 1994 und 2002: Im Gedicht „Das Angesicht von Brasilien“ heißt es:
„Brasilien Mauro Silva, Dunga und Zinho,
das Brasilien 0:0 und Weltmeister
oder das Brasilien, das auf dem Weg stehen blieb,
Zico, Sócrates, Júnior und Falcão“
Das Brasilien von Sócrates & Co war noch mitten auf dem Weg, es verkörperte die Zeiten der Hoffnung, der großen Möglichkeiten, den Traum, dass Schönheit und Erfolg zusammenpassen. Sócrates äußerte sich und agierte politisch links wie kaum ein anderer Fußballer von Weltrang, er stand ein für eine Praxis, in der soziale Gerechtigkeit und Fußball wundersame Symbiosen eingehen können. In den tragischen Momenten blitzte die Utopie eines Spiels auf, dessen Signifikanz weit über das Fußballfeld hinaus deutet. Sócrates gab dem brasilianischen Fußball, nach den Worten des Literaturtheoretikers und Komponisten José Wisnik „einen philosophischen Touch“.
Sócrates wirkte manchmal fast ungelenk, irgendwas war falsch: eine wandelnde Heuschrecke nannte Wisnik ihn, 192 cm lang bei nur Schuhgrösse 41, genannt Magrão (der Magere). „Gefährte des Biers, der Philosophie und des Schweißes“, so charakterisierte Wisniks berühmter Samba den brasilianischen Sócrates.
Ja, Gefährte des Bieres und des Weines, Sócrates hatte immer seinen alkoholisierten Hedonismus mit flotten Sprüchen verteidigt: „Bier ist mein bester Psychologe.“ Zum Ende seines Lebens muss ein vom Alkoholkonsum schwer gezeichneter Sócrates seinen Alkoholismus öffentlich bekennen.
Nach seiner aktiven Laufbahn als Fußballspieler betätigte sich Sócrates unter anderem als politischer Kommentator. Er schrieb eine regelmäßige Kolumne in der Wochenzeitschrift Carta Capital, die in kritischer Unterstützung zur Regierung des Ex-Präsidenten Lula da Silva (2003 bis 2010) und jetzt zu Dilma Rouseff stand. Sócrates blieb immer ein bekennender Linker, ein Bewunderer von Fidel Castro (ein Sohn heißt Fidel, und Sócrates selbst sagte einmal, er wäre gerne Kubaner) und Hugo Chávez. Sócrates träumte immer von einer Welt ohne Macht.
Politik und die Leidenschaft für Corinthians verbinden Lula und Sócrates, der sich zwar nicht parteipolitsch betätigte, aber doch in der Regierung Lula einen großen Fortschritt für das Land sah. Aber irgendwie gingen die Träume Sócrates in eine andere Richtung als die Lulas. In einem seiner letzten Interviews diese überraschende Vision: „Die Mobilisierung des Volkes ist fundamental. Wir haben zwei große politische Gruppen: die organisierten Fußballfans und die Bewegung der Landlosen (MST). Die Bourgeoisie fürchtet, dass diese Gruppen noch stärker werden. Stell dir mal vor – die größten Fangruppen in einer gemeinsamen Aktion, etwa gegen die Erhöhung der Eintrittspreise. Der Grad der Politisierung dieser Organisitionen wird unsere Zukunft bestimmen.“
Eine seiner letzten Ideen war, nach Venezuela zu gehen und für Chávez zu arbeiten. Dies brachte ihm eine überschwengliche Hommage des venezolanischen Präsidenten ein, der ihn als Verkörperung des Neuen Menschen sieht, der sogar Geschlechtergrenzen überschreitet: „Dr. Sócrates ist ein Beispiel des neuen Menschen und der neuen Frau, die wir so sehr in Lateinamerika und der Karibik brauchen.“
Wenige Stunden nach dem Tod Sócrates‘ am 4. Dezember 2011 wurde Corinthians brasilianischer Meister. Wie sein Leben ist das Timing der Fußballgötter voller Ambiguitäten. Wollten sie ihn für den Spruch „Meisterschaft ist nur ein Detail“ bestrafen? Wollten Sie noch einmal die fußballerische Tragik seines Lebens evozieren? Und den heutigen Fans von Corinthians eine Lektion erteilen: kein Triumph ohne Tränen. Wie dem auch sei, Sócrates wird‘s überleben.

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