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„Mit Worten allein ist noch keine Revolution gemacht“

Marceal Méndez, Sie sind einer der wenigen indigenen Märchenschreiber Mexikos. Ihre Texte eignen sich aber nicht wirklich als Gute-Nacht-Geschichten. Worüber schreiben Sie?

Meine Geschichten spielen in indigenen Gemeinden in Chiapas und erzählen vom Leben der Menschen, ihren Göttern, der Geschichte und Religion der Maya. Götter und Dämonen leben nicht im Himmel oder der Hölle sondern mitten auf der Erde. Sie verlangen Opfergaben, sonst bestrafen sie die Menschen mit Hunger und Dürre. Ich schreibe über das Zusammenleben zwischen den kaxlanes, den Mestizen, die vor Jahrhunderten dieses Land besetzten und es den „wahren Menschen“, den Menschen aus Mais, wegnahmen. Obwohl es in vielen Gemeinden viel mehr Indigene gibt, ist die Macht immer noch auf Seiten der Mestizen. In Slajibal ajawetik / Los ultimos dioses (Die letzten Götter) versuche ich, den Unterschied zwischen den Menschen in Chiapas mythologisch, historisch und literarisch aufzuarbeiten.

Wieso wählen Sie dafür die Form der fantastischen Literatur?

Erzählte Geschichten haben eine lange Vergangenheit in der indigenen Kultur. Viele übernatürliche Figuren habe ich aus den Erzählungen meines Großvaters, mit dem ich aufgewachsen bin. Es sind Figuren, die mich immer faszinierten und ein Leben lang begleiteten. Anders als mein Großvater, der als Mediziner arbeitete, kann ich diese Wesen nicht sehen. Meine Aufgabe ist es wohl, ihre Existenz schriftlich festzuhalten.

Haben Sie außer den Geschichten ihres Großvaters und den mythologischen Quellen ihrer Vorfahren andere literarische Vorbilder?

Ich wurde wohl eher durch thematische als durch stilistische Aspekte beeinflusst. Drei mexikanische Autoren haben mich in dieser Hinsicht geprägt: Juan Rulfo, José Revueltas und Eraclio Zepeda. Hinzu kommt der Einfluss der klassischen Russen und einigen zentralamerikanischen Autoren wie Quiroga oder Monterroso.

Haben Sie unter all den fabelhaften Wesen aus der indigenen Mythologie eine Lieblingsfigur oder Lieblingsgeschichte?

Mamal Jmol ist meine Lieblingsfigur. Er ist der Geist des Maises, der Bohne, der Erde. In der indigenen Mythologie existiert diese Figur seit jeher, da die Menschen immer mit der Landwirtschaft verbunden waren. Der in einer Höhle lebende Mamal Jmol hat viele Kinder zu ernähren. Er raubt den Mais und das Rindfleisch der mestizischen Landbesitzer und teilt es mit den Menschen. Den Rest verkauft er. Die Landbesitzer sind damit gar nicht einverstanden und lassen ihn töten. In meinem Märchen erkläre ich, wie der Mestize gekommen ist und den Indigenen das Land weggenommen hat. Dessen Tiere haben den Mais der Indigenen gefressen und sie hungern lassen. Also beginnt Mamal Jmol, sich zu wehren und sich den Mais wieder zurückzunehmen.
Ich sage in der Geschichte nicht, ob es gut oder schlecht ist, wenn Mamal Jmol das Essen stiehlt. Aber ich zeige auf, dass es eine Konsequenz ist.

Neben „Mamal Jmol“ erzählen Sie in Ihren Geschichten von Dämonen und „grünen Männern“, die den einfachen Menschen das Leben schwermachen. Sprechen sie damit auch die repressive Politik der mexikanischen Regierung an?

Literatur bietet viele Formen der Kritik und des Protests. Meine fantastischen Fabelwesen machen es mir möglich, zwischen den Zeilen über aktuelle Dämonen und Bedrohungen zu sprechen, ohne diese direkt zu erwähnen.

Die Veröffentlichung Ihres Buches wurde von offizieller Seite finanziell unterstützt. Wie geht das zusammen?

Mit meinen Texten habe ich den zweiten Preis eines Wettbewerbs für Literatur in indigenen Sprachen gewonnen. Dies sah eine Buchveröffentlichung vor. Indigene Schriftsteller verkaufen sich zurzeit relativ gut. Es ist ein neuer Trend. Für die Regierung ist die Förderung der indigenen Kultur gute Werbung. Obwohl wir unterstützt werden, will man uns vorgeben, worüber wir schreiben sollen. Unsere Literatur soll in erster Linie von Traditionen berichten. Das Leben der Indigenen soll aus nichts anderem bestehen. Wenn wir über aktuelle Probleme in den Dörfern sprechen wie Armut, Alkoholismus, Gewalt, Pornografie und anderes wird uns gesagt, das sei nicht „indigen“ und wir werden nicht veröffentlicht.

Sind alle indigenen Schriftsteller so brav und halten sich an die Vorgaben?

Wir befinden uns am Anfang einer schriftlichen indigenen Literatur. Zurzeit sind viele indigene Autoren Chiapas‘ darum bemüht, Tradition und Geschichte ihrer Dörfer festzuhalten. Unsere Erzählstrategie ist das Erinnern. Wenn all das archiviert ist, werden wir zu den aktuellen Themen übergehen.

Ihre Texte erscheinen zweisprachig. Schreiben Sie auf Tseltal und übersetzen später ins Spanische?

Wir indigenen Schriftsteller in Chiapas sind alle zweisprachig. Neben unserer Muttersprache, in meinem Fall Tseltal, sprechen und schreiben wir fließend Spanisch. Meine ersten Schreiberfahrungen habe ich auf Spanisch gemacht. Ich musste erst lernen, Tseltal nicht nur zu sprechen, sondern auch zu schreiben. Wie alle indigenen Sprachen ist sie in erster Linie mündlich. Meine Texte schreibe ich heute zweisprachig. Dialoge verfasse ich vorwiegend auf Tseltal, während ich für detailliertere Angaben die spanische Sprache verwende. So erscheint es mir am natürlichsten. Später übersetze ich die einzelnen Textpassagen in die andere Sprache.

Haben Sie ein bestimmtes Publikum, für das sie schreiben?

Meine Märchen sind nicht für Kinder, sondern für Erwachsene gedacht. In erster Linie versuche ich junge Menschen ab 15 Jahren zu erreichen. Ich möchte sie für das Lesen begeistern. Mexiko ist eines der Länder mit am wenigsten Lesern, das kommt nicht von ungefähr. Ein Buch kostet hier zehnmal soviel wie eine einfache Mahlzeit. Literatur und Bildung sind Luxus. Ich möchte sie über unsere Tradition, unsere Geschichte, Mythologie und aktuellen Probleme informieren.

Wird das in den Gemeinden nicht sowieso gemacht?

Leider immer weniger. Ich sehe einen großen Bruch zwischen der Generation der Jugendlichen und ihren Eltern. Es gibt keine funktionierende Kommunikation. Fernsehen, Internet, Schule scheinen das kollektive Gedächtnis der Indigenen zu übertönen. Erziehung ist in Mexiko sehr ahistorisch. Es ist ein Wiedergeben von Jahreszahlen, mehr nicht. Die präkolombianische Geschichte wurde komplett aus dem Schulunterricht gestrichen und wird vergessen.

In Ihren Märchen wird neben diesen Besonderheiten auch die jahrhundertealte Wut und Ohnmacht der Indigenen und ihr Wille zur radikalen gesellschaftlichen Veränderung angesprochen. In Chiapas werden diese Forderungen mit dem Zapatismus verbunden. Wie stehen Sie der Bewegung gegenüber?

Das Jahr 1994 und der bewaffnete Aufstand der Zapatisten haben das Bewusstsein vieler Indigener wachgerüttelt, uns unsere Geschichte und ihre Konsequenzen verstehen lassen. Damals war ich 15 Jahre alt und ging noch zur Schule. Es gab später einem Moment, an dem ich mir gesagt habe: Ich beende die Universität und gehe zur zapatistischen Armee, zur EZLN.

Was hat Sie davon abgehalten?

Als ich angefangen habe, im Celali (staatliches Institut für indigene Sprachen, Kultur und Literatur, Anm. d. Interviewerin) zu arbeiten, habe ich den offiziellen Weg gewählt. Dieser lässt sich mit dem Zapatismus nicht vereinen. Obwohl es in den letzten Jahren still um die Bewegung geworden ist, habe ich nicht aufgehört, sie ideologisch zu unterstützen.

Welche Aufgabe hat das Celali?

Das Celali setzt sich für die Förderung der indigenen Sprachen und Kulturen ein. Seine Gründung geht aus den „Acuerdos de San Andres sobre derechos y cultura indígena“ hervor, den Vereinbarungen zwischen mexikanischer Regierung und EZLN bezüglich der indigenen Kultur aus dem Jahr 1996.

Was sind ihre Aufgaben in der Institution?

Ich arbeite im Celali als kultureller Promotor und Wissenschaftler. Eine meiner Aufgaben ist die Formierung und Förderung neuer Schriftsteller durch Kurse und literarische Schreibwerkstätten in indigenen Gemeinden.

Geht Ihr Weg damit weniger über die Waffen als über das Wort?

Das ist einer der zentralen Gründe, warum ich schreibe. Mein Buch ist ein erster Versuch über Dinge zu schreiben, die mich unwohl stimmen. Die sometidos, die Unterdrückten, liegen mir am Herzen. Nicht nur Indigene, auch viele Mestizen leben am Limit. Die gesellschaftlichen Diskrepanzen werden nicht geringer. Das alles zeigt, dass wir eine Veränderung brauchen.

Glauben Sie diese Veränderung ist mit Worten, auf friedlichem Wege erreichbar – in Mexiko oder anderswo?

Nein, mit Worten allein ist noch keine Revolution gemacht. Das Wort hilft, um das Bewusstsein der Menschen zu erwecken. Aber für einen wirklichen Wandel braucht es leider Waffen. Das hat uns die Geschichte gelehrt und das zeigt auch die Gegenwart. Die Regierung versteht keine Worte, aber sie versteht eine gesellschaftliche Explosion.

Würden auch Sie unter diesen Umständen zur Waffe greifen?

Ja. Früher oder später werde ich das auch tun müssen. Die innenpolitische Situation in Mexiko ist im Norden wie im Süden immer angespannter. Die Menschen leiden, aber die Regierung profitiert davon.

Das klingt so, als stünde eine zweite mexikanische Revolution bevor.

Es wird sie geben müssen. Ich denke noch vor 2020. Dann, wenn das Volk sie will und dazu bereit ist.

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