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Nachrichten aus Genderperspektive

Die Klingel neben der roten Tür ist unbeschriftet und unscheinbar. Hinter ihr verbirgt sich jedoch eine in ganz Lateinamerika anerkannte Internet-Nachrichtenagentur. CIMAC (Comunicación e Información de la Mujer) heißt die Organisation, die von dem dreistöckigen Gebäude mitten in Mexiko-Stadt mit der Welt kommuniziert. Das Besondere: Alle Nachrichten, meist zu gesellschaftlichen oder politischen Themen, werden aus Genderperspektive geschrieben.
CIMAC hat sich die Umsetzung der Gleichberechtigung von Frauen zum Ziel gesetzt und dem Kampf gegen Sexismus und Diskrimminierung verschrieben. Seit 1988 begleitet CIMAC diesen Prozess und die verschiedenen zivilgesellschaftlichen Frauengruppen in Mexiko durch eine konstante und professionelle Medienarbeit. Von den rund 15 dort arbeitenden MitarbeiterInnen ist nur der Internetadministrator männlich. Die weiteren Angestellten sind in erster Linie Journalistinnen, die für die Internetseite cimacnoticias.com als Kernstück der Agenturarbeit verantwortlich sind. CIMAC versteht sich als multimediale Organisation, die eine neue Sichtweise auf die aktuelle Situation der Frauen in Mexiko und der Welt fördert und dabei immer die Prinzipien Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie zugrunde legt. Ziel ist eine alternative Sichtweise in den Medien zu vermitteln.

Fundament und Überbau

Die für den Informationsbereich zuständige Geschäftsführerin Lucía Lagunas erklärt, dass CIMAC zwar ganz klar Teil der Medienlandschaft Mexikos sei, aber durch das erklärte Ziel der Förderung von Emanzipation eine weitere Aufgabe in der Gesellschaft habe. „Wir sehen uns als Mittlerin zwischen der Zivilgesellschaft und den Medien.“ Nach einer Zigarette muss Lagunas wieder los. Der nächste Termin wartet: vormittags noch im Radio, mittags kurz im Büro und am Nachmittag schon wieder in einer Besprechung mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen (NRO), um eine gemeinsame Medienkampagne zu entwerfen.
Die Arbeit CIMACs basiert auf mehreren Säulen. Durch die Internetseite cimacnoticias.com ist die Nachrichtenagentur als aktuelles und informatives Medium im Internet präsent. Hier werden Nachrichten zu Gesundheit, Kultur, besonderen Persönlichkeiten und Künstlerinnen veröffentlicht. In erster Linie findet jedoch eine politische Berichterstattung und Teilnahme an der öffentlichen Meinungsbildung statt.
CIMAC beteiligt sich beispielsweise an der Diskussion zur gesellschaftlichen Stellung der Frau, nicht nur in Mexiko sondern in ganz Lateinamerika und in geringerem Umfang auch weltweit. Dafür bereitet cimacnoticias Berichte internationaler Organisationen wie der UN auf, informiert über internationale Konferenzen wie unter anderem das Weltsozialforum in Porto Alegre und recherchiert Genderthemen in Mexiko wie beispielsweise die Frauenmorde von Ciudad Juárez (siehe u.a. LN 371). Besonders Aktionen, Kampagnen und Themen anderer NROs, zum Beispiel gegen Frauenhandel und Zwangsprostitution, die sonst nur bedingt Widerhall in den nationalen Medien finden, wird ein eigener Platz eingeräumt.
Für andere Medien ist die Organisation eine wertvolle Referenz in Genderfragen und wird gerne konsultiert. Besonders dank der zweiten Geschäftsführerin Sara Lovera, weithin anerkannte Spezialistin im Bereich Feminismus, die CIMAC 1988 gründete. Lovera hat langjährige Erfahrung als Journalistin und leitete unter anderem über zehn Jahre die Genderbeilage Doble Jornada der linken Tageszeitung La Jornada. Als Expertin wird sie von anderen Medien oft zu Genderfragen interviewt oder auf Konferenzen eingeladen.
Als Gegenpol zum schnelllebigen Medium Internet befindet sich im Erdgeschoss des CIMAC-Gebäudes – ganz altmodisch – ein Archiv. Die Herrin über die gut sortierte Bibliothek von über 25.000 Medien ist Genderspezialistin Ofelia Ceja, die seit 1996 das tägliche Informationschaos von hereinkommenden Büchern und audiovisuellen Medien strukturiert. Das Archiv zeichnet sich besonders durch die umfangreiche Sammlung von Kommuniqués der Regierung und nationalen Instituten aus. „Viel Platz ist hier nicht mehr“, sagt Ofelia Ceja, „aber das Archiv ist in gewisser Hinsicht das Fundament unserer Arbeit.“

Ausbildung ist Trumpf

Um langfristig auf JournalistInnen Einfluss zu nehmen und sie für die Genderproblematik zu sensibilisieren, fördert CIMAC JournalistInnennetzwerke. Zur Zeit arbeitet CIMAC mit drei Netzwerken zusammen, die rund tausend professionelle Presse-, Fernseh- und RundfunkjournalistInnen umfassen, darunter auch das von CIMAC 1995 gegründete Red Nacional de Periodistas. Von 1996 bis 2002 wurden im Rahmen dieser Förderung fast hundert Workshops für JournalistInnen aus ganz Mexiko und drei Ländern Zentralamerikas zu Genderthemen und Gleichberechtigung durchgeführt. Die drei Hauptthemen dieser Workshops sind Sensibilisierung für die gesellschaftliche Situation von Frauen, die von Sara Lovera durchgeführt werden, die Vermittlung von spezifischen Informationen über Themen wie Gesundheit, Demokratie oder Bürger- und Menschenrechte und die praktische Nachrichtenarbeit.

Kampagne „Providagate“

Über einige wichtige Themen berichtet CIMAC nicht nur, sondern entwickelt darüber hinaus öffentlichkeitswirksame Kampagnen und Projekte. Dies geschieht in der Regel in Zusammenarbeit mit Gruppen, Personen, NROs oder Institutionen. Meistens geht es dabei um Aktionen, die sich für eine gleiche, demokratische und von Diskriminierung freie Gesellschaft einsetzen.
So organisierte CIMAC zum Beispiel 1997 Aktionen in Mexiko im Rahmen der grenzüberschreitenden Kampagne „Ein Leben ohne Gewalt ist unser Recht!“ der Frauenorganisation UNIFEM der Vereinten Nationen. Ziel der Kampagne war die Sensibilisierung der Bevölkerung und der politischen EntscheidungsträgerInnen.
Aktuell ist CIMAC am Projekt Marcapasos beteiligt und überwacht in diesem Zusammenhang mit anderen frauenspezifischen NROs die öffentlichen Haushalte. Auf diese Weise konnte das Projekt Ende die Veruntreuung von öffentlichen Geldern des Gesundheitsministeriums aufdecken: 30 Millionen Peso (rund 2 Millionen Euro) waren – anstatt in die Prävention und Bekämpfung von AIDS – an die christliche und erzkonservative Organisation Provida geflossen. Diese ist bekannt als fundamentalistische Abtreibungsgegnerin und Vorkämpferin von konservativen Geschlechterrollen. Über eine gemeinsame Kommunikationsstrategie hat CIMAC seit Ende 2003 diesen Skandal in die Öffentlichkeit gebracht und Druck auf die Regierung ausübt. Mit zunehmenden Erfolg: Der Fall „Providagate“ wird mittlerweile auch im Kongress diskutiert. Eine strafrechtliche Konsequenz steht allerdings noch aus.

Multiplikatorin

Auch wenn in Mexiko erst jede zwanzigste Person zu Hause ins Internet geht, ist die Webseite cimacnoticias.com eine wichtige Multiplikatorin. Spezialisierte Printmedien oder Radioprogramme greifen auf die Informationen CIMACs zurück und übernehmen sie häufig sogar komplett.
In über 100 Medien aus Presse, Radio und Fernsehen werden regelmäßig von CIMAC produzierte Nachrichten, Reportagen und Dokumentationen veröffentlicht. Auf nationaler Ebene nutzen beispielsweise die größte mexikanische Agentur Notimex sowie die großen nationalen und regionalen Zeitungen und Medien die Nachrichten CIMACs. Eine Quelle und Grundlage ist CIMAC weiterhin für Publikationen und Internetseiten alternativer Gruppen und NROen. Außerdem sendet CIMAC drei Radioprogramme in Mexiko-Stadt über FM und AM an drei Tagen in der Woche und produziert die Fernsehserie „Geteilte Erfahrungen. Vision der Genderproblematik“.
Durch die gute investigative Arbeit der Journalistinnen kann CIMAC Themen in Mexiko setzen und begleiten. Nicht nur im Fall der Frauenmorde von Ciudad Juárez ist cimacnoticias eine der wichtigsten Informationsquellen. Auch die Vernetzung mit anderen Nachrichtenagenturen, wie der zivilgesellschaftlich orientierten, brasilianischen Internetseite Adital, ist eine Grundlage des Erfolgs von CIMAC. Ein Hindernis zur weltweiten Verbreitung der Dienste und Themen CIMACs bleibt die Sprachbarriere. Aber auch daran wird gearbeitet. „Die Einstellung einer fließend Englisch sprechenden und schreibenden Journalistin ist der nächste Schritt. Derzeit ist das allerdings finanziell nicht zu leisten“, erklärt Lagunas. Sie bestätigt, dass in den letzten Jahren viel für Frauen in den Medien erreicht wurde. „Aber eine konstante und dauerhafte Berichterstattung in Mexiko, die über den Tag der Frau hinausgeht, ist noch lange nicht zu beobachten.“

www.cimacnoticias.com, www.cimac.org.mx, www.adital.org.br

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