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Patente machen hungrig

Frau Rodríguez Huerta, was sind die entscheidenden Ursachen für den Hunger in Lateinamerika?

Es gibt sehr viele Gründe. Sie sind vor allem historisch bedingt. Lateinamerika ist ein Kontinent, der viele Prozesse durchgemacht hat. Es gab viele Putsche. Das waren sozusagen die Vorprozesse, die später viele Kapitalinvestitionen nach Lateinamerika ermöglichten. Dabei geht es immer um die Profitinteressen der großen Unternehmen, aber nicht um menschliche Bedürfnisse wie Hunger.
Andere Gründe für die Armut sind das Landproblem und die industrielle Entwicklung. Der Landbevölkerung geht es heute besonders schlecht. Und ihre Rohstoffe werden von den Industrienationen ausgebeutet. Wir geben Rohstoffe und was empfangen wir? Das ist oft nichts Gutes. Bei uns wurden zum Beispiel mit der Grünen Revolution industrielle Maßstäbe in der Landwirtschaft eingeführt – mit verheerenden Auswirkungen. Das Ergebnis waren Monokulturen auf riesigen Plantagen, die für den Export vorgesehen sind. Wir mussten verstärkt Chemikalien in der Landwirtschaft einsetzen. Das ist teuer und entspricht nicht unserer Kultur.

Inwiefern hat die Grüne Revolution den Hunger verstärkt?

In der Landwirtschaft benutzen uns die transnationalen Unternehmen als BilliglohnarbeiterInnen. Unsere ArbeiterInnen produzieren vor allem für die Industrieländer und nicht für die Bevölkerung Lateinamerikas. Das ist ein Problem. Denn eigentlich könnten wir uns selbst gut ernähren.
Wir produzieren in Chile zum Beispiel viel Obst, aber das wird alles exportiert. Für die Bevölkerung bleibt das Obst zweiter Wahl, also die Produkte, die die Exportkriterien nicht erfüllen. In der chilenischen Werbung werden sie aber als die besten Markenprodukte verkauft. Und die Preise sind hoch.

Wie versucht Vía Campesina die Ernährung der Bevölkerung Lateinamerikas zu sichern?

Vor fünf Jahren, auf der ersten Welternährungskonferenz, hat Via Campesina eine Forderung an die Welt formuliert: Ernährungssouveränität. Unter Ernährungssouveränität verstehen wir das Recht der Völker, ihre eigene Nahrung zu produzieren und das Recht der Völker, ihre eigene Ernährungskultur zu erhalten. Damit richten wir uns deutlich gegen die Interessen der transnationalen Unternehmen. Denn gerade die sind es, die einen Großteil dieser Nahrungsmittel herstellen wollen.
Zudem fordern wir, dass die Landwirtschaft aus den Verhandlungen der Welthandelsorganisation (WTO) herausgenommen wird. Denn wir können nicht von Ernährungssouveränität sprechen, so lange die WTO Regeln aufstellt, die unsere Wirtschaften unterwerfen und sich in unsere Nahrungsmittel-Produktion einmischen. Wir fordern von unseren Regierungen eine Agrarpolitik, die der Situation in den jeweiligen Ländern entspricht. Unsere Regierungen haben die Möglichkeit, dem Neoliberalismus entgegenzutreten, indem sie Ernährung zu einer Waffe in der Hand der eigenen Bevölkerung machen.
Vía Campesina hat es ermöglicht, unsere Stimme weltweit zu erheben. Die Bauernbewegung hat zu wichtigen Bündnissen mit NROs geführt. So kämpfen wir heute in Lateinamerika hartnäckig um die Durchführung umfassender Agrarreformen, gegen die Verbreitung transgener Produkte, vor allem gegen den Einsatz transgenen Saatguts. Deshalb nehmen wir zum Beispiel auch seit einem Jahr an einer weltweiten Kampagne für die Rettung der nicht genetisch manipulierten Saatgüter teil. Es ist eine Kampagne für das Leben. Das impliziert, dass wir von unseren Gemeinden aus erst einmal analysieren, warum Saatgut verloren geht und warum es patentiert wird. Hier sind vor allem die Frauen gefragt.

Welche Rolle spielen die Frauen in der Ernährungssicherung in Lateinamerika?

Die Frauen haben hier schon immer eine sehr wichtige Rolle gespielt. Zum einen, weil sie nach all diesen agrarpolitischen Entscheidungen diejenigen sind, die überhaupt noch Subsistenzökonomie betreiben, also die Versorgung der eigenen Gemeinschaft. Und zum anderen, weil die Frauen auch in der Agro-Industrie arbeiten, zum Beispiel als Tagelöhnerinnen.
Migrationprozesse und die Tatsache, dass der Landbesitz immer kleiner wird, führen immer mehr dazu, dass viele Männer das Land verlassen. Daher spielen die Frauen heute eine immer größere Rolle in der Vermarktung der Produkte. Unter dem Strich bedeutet das für die Frau aber keine Arbeitserleichterung, sondern eine Doppelbelastung.
Im ländlichen Bereich gibt es heute in Lateinamerika elf Frauenbewegungen. Anamuri ist ein Teil der internationalen Bauernbewegung. Das ist wichtig, damit die Frauen innerhalb des Landwirtschafts-Sektors auch anerkannt werden.

Wie sieht Ihre Kampagne zur Rettung des Saatgutes aus?

Die Aktionen finden auf lokaler Ebene statt – zum Beispiel durch Austausch von Saatgut oder den Aufbau von Saatgut-Märkten oder auch durch die Wiederherstellung von Saatgut, das schon verloren gegangen war.
Wir fördern ökologische Landwirtschaft und die Herstellung von qualitativ guten und gesunden Lebensmitteln. So besteht ein Teil dieser Kampagne darin, gegen genmanipulierte Produkte und Pestizide zu protestieren. Wir haben zum Beispiel viele Aktionen gegen den Agrarmulti Monsanto gemacht. Ein anderer Teil zielt darauf, gegen Ketten wie McDonald´s zu protestieren. Es ist keine leichte Kampagne. Denn sie richtet sich frontal gegen die Interessen der internationalen Lebensmittelindustrie, die sich über die Agrarpolitik unserer Länder einfach hinwegsetzt.
Die Kampagne ermöglicht es auch, starke Beziehungen zu den KonsumentInnen aufzubauen. Die Leute fangen an darüber nachzudenken, was sie überhaupt essen und was das für Auswirkungen hat – sowohl auf ihre Gesundheit als auch auf die Naturressourcen.

Kann Vía Campesina denn gegen eine Kette wie McDonald´s überhaupt etwas ausrichten?

Wir haben ein weltweites Netzwerk und machen weltweit Informationsstände, etwa auf Plätzen und in Universitäten, wo die Leute über Missstände aufgeklärt und zur Diskussion animiert werden.
Zudem gibt es anklagende Aktionen. Wir verteilen zum Beispiel Flugblätter vor den Junkfood-Ketten. Es gibt Faltblätter, auf denen steht, wie schädlich eine bestimmte Ernährung sein kann. Vía Campesina hat schon sehr viele Gesetzesverstöße aufgedeckt. Wir haben so durchgesetzt, dass in den ganzen Junkfood-Ketten jetzt regelmäßig Inspektionen durchgeführt werden müssen. Dabei geht es vor allem um die Einhaltung von hygienischen Vorschriften.

Sehen Sie Biotechnologie als Möglichkeit der Ernährungssicherung?

Wir sind nicht gegen Biotechnologie. Denn auch unsere Bauern und die indigene Bevölkerung haben immer Biotechnologie angewandt, wenn sie versucht haben ihre Erträge zu verbessern.
Wir sind auch nicht grundsätzlich gegen genetische Verbesserung. Aber wir sind dagegen, dass diese unter das Diktat des Profits gestellt wird, dass Monopole entstehen, dass nicht alles allen gleichwertig zur Verfügung gestellt wird. Und wir sind dagegen, die Waren zu verbreiten, ohne Testläufe durchzuführen. Es muss klar sein, welche Konsequenzen es hat, wenn bestimmte manipulierte Saatgüter in Umlauf gebracht werden.
In Europa wird unsere Kampagne in gewisser Weise auch unterstützt. Hier existiert eben noch das Moratorium, keine transgenen Produkte einzuführen.

Was sagen Sie zur Patentierung von Saatgut?

Wir sind strikt gegen Patentierung. Wir denken, dass man Saatgut nicht patentieren kann, weil man Leben auch nicht patentieren kann. Wir vertreten die Ansicht, dass Saatgut der Bevölkerung gehört. Es ist ein Weltkulturerbe.
Es ist ein großes Problem, dass die transnationalen Unternehmen über den Weg der Patente auf unsere Saatgüter zugreifen und sie sich aneignen.

Laut der NRO “Voice of Irish Concern of the Environment” gehören 80 Prozent der Patente auf genetisch veränderte Nahrungsmittel nur 13 transnationalen Konzernen. Welche Möglichkeit gibt es dieses Problem zu lösen?

Uns geht es vor allem darum, im Grundsatz gegen Patente zu Felde zu ziehen. Aber es geht uns auch darum, sie in der Praxis zu unterlaufen. Wir setzen uns dafür ein, dass Saatgut weltweit zirkuliert, dass es frei verbreitet wird. Wir verteilen zum Beispiel auch Saatgut an die städtische Bevölkerung, damit diese wieder anfängt, Gemüsegärten anzulegen. So dass jedes Haus seine eigene Subsistenzproduktion machen kann – und am Ende können nämlich auch die Patente nichts mehr dagegen ausrichten.

Sehen die Regierungen Lateinamerikas Subsistenzwirtschaft auch als Weg der Ernährungssicherung?

Die Agrarpolitiken unserer Regierungen fördern eigentlich nur eine intensive Landwirtschaft, die sehr stark auf Export ausgerichtet ist. Es sind Monokulturen. Wir sehen diese Ausrichtung als Gefahr an.
Die Agrarpolitik insbesondere in Chile ist darauf ausgerichtet aus Bauern Unternehmer zu machen. Jetzt sind wir Mikro-Unternehmer. Sie haben uns Kredite gegeben um neue Sorten für den Export anzubauen. Damit haben sie die landwirtschaftliche Kultur der Bauern zerstört. Dieses aggressive Produktionssystem hat dazu geführt, dass sich die Bauern stark verschuldet haben. Viele haben Pleite gemacht. Und am Ende hieß es dann, sie waren schlechte Unternehmer. Aber es hatte uns erst gar keiner gefragt, ob wir überhaupt Unternehmer werden wollen.
Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen. Wir wollen wieder zurück zu kleinteiligerer Landwirtschaft. In Brasilien haben unsere Genossen daher zum Beispiel die Felder einer Testfarm von Monsanto einfach abgebrannt. Diesen Grund und Boden haben sie danach als ökologische Farm umdeklariert.

Welche Bedeutung haben Agrar-Importe aus Europa für Lateinamerika?

Wir exportieren Rohstoffe nach Europa. Die verarbeiteten Produkte aus Europa kommen dann wieder zurück nach Lateinamerika – zum Beispiel Käse aus Holland oder Wurst aus Spanien. Die Nahrungsmittelindustrie setzt uns diese Produkte vor. Wir wissen aber gar nicht genau, was wir da konsumieren. Die Importe fügen unseren Volkswirtschaften sicher einigen Schaden zu.
In Chile ist die Situation besonders schlimm. Chile hat einen Freihandelsvertrag mit Europa abgeschlossen. Dadurch ist die Existenz unserer Kleinbauern bedroht. Die Verträge wurden auf einem Niveau abgeschlossen, das nur die Interessen der Agro-Industrie berücksichtigt. Sie nehmen die Art und Weise wie Kleinbauern produzieren überhaupt nicht zur Kenntnis. Und die Produkte der europäischen Agro-Industrie, die subventioniert sind, werden auch noch zu einem niedrigen Preis bei uns verkauft.
Wir glauben, dass es wichtig ist, den MERCOSUR zu stärken. Noch sind ja längst nicht alle Länder Lateinamerikas daran beteiligt. Aber mit Lula wurden große Hoffnungen geweckt.

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