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Renaissance der Vorurteile

Der Rassismus, die Rassendiskriminierung und die Fremdenfeindlichkeit sind ein soziales, kulturelles und politisches Phänomen und kein natürlicher Instinkt des Menschen“, so der Beginn einer Rede des kubanischen Staatschefs Fidel Castro im Jahre 2001. Die Revolution, die in Kuba am Neujahrstag 1959 triumphierte, hatte sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben, die sozialen und politischen Rahmenbedingungen radikal zu verändern und stellte somit auch einen Sieg über den Rassismus dar, der die Geschichte Kubas bis dahin maßgeblich mitgeprägt hatte.

HistorischeAltlasten
Während der fast vierhundert Jahre andauernden Kolonialherrschaft der spanischen Krone strebten die Eliten der Insel eine möglichst „weiße“, europäisch geprägte Gesellschaft an und sahen in dem wachsenden Anteil dunkelhäutiger KubanerInnen stets ein Problem. Jene Eliten selbst waren maßgeblich an der Verschleppung und Versklavung hunderttausender AfrikanerInnen nach Kuba beteiligt. Im Jahre 1762, während einer einjährigen Besetzung Havannas durch Großbritannien, setzte der Sklavenhandel ein, den Spanien in den folgenden Jahrzehnten in großem Maßstab fortsetzte. Dieser Ausdruck rassistischer Ideologie trug mit dazu bei, dass die Antilleninsel bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum weltweit größten Zuckerproduzenten aufsteigen konnte. Erst infolge der Aufhebung der Sklaverei in den USA nach Ende des Bürgerkrieges 1865 begann sich auch in Kuba etwas zu ändern. Endgültig abgeschafft wurde die Sklavenhaltung allerdings erst 1886. Ähnlich wie beim nördlichen Nachbarn, der die Insel 1902 zum Protektorat machte und damit die Kolonialherrschaft Spaniens beendete, war die Abschaffung der Sklaverei aber keineswegs mit dem Ende des institutionellen Rassismus gleichzusetzen. Auch die AfrokubanerInnen durften weder auf den gleichen Parkbänken Platz nehmen noch die selben Schulen oder gesellschaftlichen Clubs wie die Weißen besuchen.

Ende der offenen Diskriminierung
Erst durch die Revolution verbesserte sich die Situation für Schwarze in Kuba substanziell. Jegliche Form von Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder Herkunft wurde formell untersagt, was von staatlicher Seite auch praktisch umgesetzt wurde. Vom wirtschaftlichen und sozialen Leben zuvor ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen kamen erstmals in den Genuss von Bildungsmöglichkeiten sowie gesellschaftlicher Partizipation, und Kuba definierte sich schon bald als Gesellschaft ohne jegliche Diskriminierung und Rassismus. Bestimmte Teile der jahrhundertelang gewachsenen Strukturen der Diskriminierung konnten jedoch bis in unsere Tage nicht aufgebrochen werden. Dies kommt beispielsweise in den Wohnverhältnissen in Havanna zum Ausdruck. Ein Großteil der schicken Villen in Stadtteilen wie Miramar werden von Weißen bewohnt, während schwarze Habañer@s mehrheitlich Viertel wie Centro Habana mit seinen langsam verfallenden Mietshäusern bewohnen. Auf den oberen Ebenen von Staat und Partei waren AfrokubanerInnen zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd entsprechend ihres Bevölkerungsanteils vertreten.
Die mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre einsetzende Wirtschaftskrise, die – vor allem aufgrund des US-Embargos – in eine immer noch nicht überwundene „Sonderperiode in Friedenszeiten“ (Período Especial en Tiempos de Paz) mündete, beförderte denn auch so manches als überwunden geglaubte Vorurteil wieder zurück an die Oberfläche.

Rückkehr der sozialen Ungleichheit…
Nachdem Castro 1993 notgedrungen den zuvor als Imperialistengeld verschmähten US-Dollar legalisiert hatte, intensivierte sich die bereits mit dem Ende des Ostblocks begonnene wirtschaftliche Spaltung der kubanischen Gesellschaft in Menschen mit und Menschen ohne Zugang zum Greenback. Seither macht aber nicht in erster Linie die Qualität, sondern vor allem die Quantität des Geldes den Unterschied aus. Bestimmte Waren wurden zwar gar nicht mehr in Kubanischen Pesos angeboten, diese konnten aber zu einem Kurs von 26:1 jederzeit in US-Dollar getauscht werden. Erst kürzlich wurde der Dollar als offizielles Zahlungsmittel wieder abgeschafft und durch den seit langem schon als kubanische Zweitwährung existierenden peso convertible ersetzt, der in Parität zur US-Währung steht und nur auf Kuba Gültigkeit besitzt (vgl. LN 366).
Es entstanden jedoch Möglichkeiten, das bescheidene Peso-Gehalt von umgerechnet gut zehn Dollar, mit dem man kaum über die Runden kommt, deutlich aufzubessern. Haupteinnahmequellen von Devisen sind Geldüberweisungen von ExilkubanerInnen an ihre Verwandten, die so genannten remesas, sowie Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft. In beiden Bereichen sind AfrokubanerInnen jedoch benachteiligt. Zunächst einmal verfügen sie nur über sehr geringe Emigrationskontakte, da die Revolution für die meisten Schwarzen eine Verbesserung des sozialen und wirtschaftlichen Status bedeutete. So waren es nach 1959 überwiegend Weiße aus der der alten Ober- und Mittelschicht, die der Insel den Rücken kehrten und deren Angehörige heute finanziell davon profitieren. Aber auch im Tourismussektor ist die überwiegende Mehrheit der Angestellten weiß, während Schwarze häufig in Unternehmen beschäftigt sind, die keinerlei Zugang zu Devisen haben. Durch Trinkgelder kann ein/e im Tourismusbereich beschäftigte KubanerIn an nur einem Tag mehr verdienen, als ein Arzt oder Lehrer in einem ganzen Monat. Und um ein privates Zimmer (casa particular) an TouristInnen vermieten zu können, muss man zumindest über ausreichend eigenen Wohnraum verfügen, was die weißen KubanerInnen ebenfalls tendenziell begünstigt.
Die durch die Krise hervorgerufenen Belastungen sind also in der Praxis alles andere als gleichmäßig verteilt. Dies führt dazu, dass jene, die keinerlei Zugang zu Devisen haben, anderweitig versuchen müssen an Geld zu kommen. Dazu bleiben allerdings lediglich Möglichkeiten in einem Bereich, der manchmal abwertend als los lúmpenes, Lumpenproletariat, bezeichnet wird und in erster Linie in den von TouristInnen besuchten Großstädten stark zugenommen hat: Schnorren, informelles Anbieten touristischer Dienstleistungen wie Stadtführungen, die Kleinkriminalität und vor allem Prostitution, die sich längst nicht mehr nur auf Frauen beschränkt. In all diesen Bereichen betätigen sich aufgrund der ökonomischen Benachteiligung überwiegend Schwarze, was Vorurteile befördert, die jenen der kolonialen und vorrevolutionären Zeit erschreckend ähnlich sind. Etwa dass Schwarze grundsätzlich faul und der Kriminalität zugeneigt sind. In den 1990er Jahren häuften sich Berichte darüber, dass Frauen, allein ihrer dunklen Hautfarbe wegen, der Zutritt in Hotels oder Diskotheken verwehrt wurde. Sie galten schlichtweg als Prostituierte. Ebenso problematisch ist das Verhalten der Polizei auf den Straßen. Jedem, der die Gassen Havannas oder die Prachtmeile „Prado“ entlang schlendert wird auffallen, dass die zahlreichen Personenkontrollen hauptsächlich Schwarze betreffen.

…und Rückkehr von Vorurteilen
Institutionelle Diskriminierung ist zwar abgeschafft, scheint aber noch (oder wieder) zu existieren. Man kann der politischen Führung zwar diesbezüglich keinen direkten Vorwurf machen oder gar Mutwilligkeit unterstellen, aber die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas Rassismus hat zumindest nicht zu einer Überwindung des Phänomens geführt. Eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dessen tiefer liegenden Ursachen hat nie stattgefunden.
Auch die Medien der Insel tragen ihren Teil dazu bei. In den beliebten kubanischen Telenovelas beispielsweise, werden hauptsächlich Dollarprodukte konsumierende Weiße gezeigt, während AfrokubanerInnen allenfalls am Rande und oft als zur Unterschicht gehörende Menschen, eine Rolle spielen. Gänzlich ignoriert wird das Thema von der politischen Führung immerhin nicht mehr. Hin und wieder äußern sich hochrangige Funktionäre zu einzelnen Aspekten wie den Vorwürfen einer diskriminierenden Einstellungspraxis im Tourismussektor. Selbst Fidel höchstpersönlich erkannte Anfang 2003 in einer Rede an, dass die Revolution es trotz aller Erfolge nicht geschafft habe „die Unterschiede im sozialen und wirtschaftlichen Status der schwarzen Bevölkerung auszurotten“.

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