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Roulette der Gen-Mutanten

Der Markt für pflanzliche Öle und Fette ist der zweitgrößte Agrarmarkt hinter dem des Weizens. Heute werden etwa 75 Millionen Tonnen pflanzliche Öle und Fette pro Jahr produziert, bis zum Jahr 2012 wird mit einem Anstieg auf etwa 108 Millionen Tonnen gerechnet.
Nicht nur die Ausgangspflanzen verändern sich, sondern auch die Anbauländer wechseln: Afrikanische KleinbäuerInnen waren vor dem zweiten Weltkrieg HauptlieferantInnen von Erdnußöl, China von Sojaöl, dann tauchte Raps aus Kanada, Frankreich und Italien sowie Soja- und Maisöl aus den USA auf. Brasilien und Argentinien brachen in den siebziger Jahren in den US-Markt ein, wurden in den achtziger Jahren jedoch von Malaysia abgelöst. Auf riesigen Plantagen mit geklonten Ölpalmen konnte preiswerter produziert werden: Anfang der 60er Jahre stammten noch 80 Prozent der Weltpalmölproduktion aus Afrika, nun liegt der Anteil nur noch bei einem Fünftel.
Ölpalmen sind mit fast vierzig Prozent Hauptlieferantinnen von pflanzlichen Fetten, Anfang dieses Jahrhunderts war es noch die Kokospalme. Heute beträgt ihr Anteil am Pflanzenölmarkt nur noch fünf Prozent. Dennoch ist die Bedeutung von Kokospalmen für die Exportländer immens: So stammen siebzig Prozent des Weltkokosöls von den Philippinen, wo fast dreißig Prozent des kultivierten Landes mit Kokospalmen bepflanzt sind. Ein Wegfall des Kokosölexports würde die Agrarwirtschaft empfindlich treffen, besonders die KleinbäuerInnen, die Kokospalmen zwischen anderen Nahrungspflanzen anbauen.

Von gelber Farbenpracht…

Die Eigenschaften von pflanzlichem Öl wie Schmelzverhalten, Konsistenz und Geschmack und damit die Einsatzbereiche werden durch die Fettsäurezusammensetzung bestimmt: So eignen sich Palmkern- und Kokosöl aufgrund ihres hohen Laurinsäureanteils von etwa 50 Prozent besonders gut zur Herstellung von Seifen, Badezusätzen, Kosmetika und Waschmitteln. Normalerweise enthält Raps keine Laurinsäure, das Öl wird für technische Zwecke eingesetzt und zur Margarineherstellung verwendet. Das wird sich – geht es nach der Gentechnik-Lobby – bald ändern. Mit der Konstruktion einer Rapspflanze, deren Öl Laurinsäure enthält, will die US-Firma Calgene den Weltmarkt erobern.
Das Interesse der Gentechnikindustrie an Raps endet jedoch nicht bei der Laurinsäure: Monsantos Roundup-Ready-Raps, mit Resistenz gegen das Monsanto Herbizid Roundup (Glyphosate), ist bereits seit 1995 in Kanada und seit 1996 in den USA zugelassen. In der EU ist die Zulassung beantragt. Die Firma AgrEvo, die gemeinsame Pflanzenschutz-/Gentechnik-Tochter von Hoechst & Schering, hat ebenfalls eine Rapspflanze gentechnisch so verändert, daß sie gegen das AgrEvo-Herbizid Basta (Glufosinat) resistent ist. Dieser Basta-resistente Raps ist in Kanada seit 1995 erhältlich und wurde 1997 erstmals in den USA angebaut. Für die EU wird die Zulassung 1998 erwartet.
Der Gehalt an Eruca-Säure soll ebenfalls verbessert werden – ein hoher Anteil an Ölsäure ist vorteilhaft für die industrielle Verwendung von Rapsöl. Einen weiteren Forschungsschwerpunkt bildet die Züchtung der männlichen Sterilität der Rapspflanze, was die Produktion von Hybridsaatgut erleichtern würde. Heute werden in Nordamerika bereits fast auf der Hälfte der Rapsanbaufläche von insgesamt 3,77 Mio. Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut.

….zur Palme des Nordens

Die Rapspflanze und ihre Produkte sind auch noch anderen Veränderungen ausgesetzt. So wurden mit Hilfe biotechnologischer Methoden Enzyme gefunden und produziert, mit deren Einsatz die Zusammensetzung des Öls der Rapspflanze so verändert wird, daß es Öl aus anderen Pflanzen ersetzen kann. Bisher ist dieses Substitutionsverfahren nicht rentabel, sollte sich dies ändern, ist der zweifache Angriff auf die Kokos- und Ölpalmen perfekt: Die gentechnisch veränderte Rapspflanze produziert sofort Kokosöl, die Zusammensetzung des konventionellen Öls wird mit Hilfe von Enzymen verändert.
Nicht nur Rapsöl wird umgewandelt: ForscherInnen in den USA entdeckten mutierte Senfpflanzen mit Öl statt Stärke in ihren Wurzeln. Der Traum der WissenschaftlerInnen ist nun eine Kartoffel, die eben diese Mutation aufweist. Ihr Ölertrag wäre pro Hektar zehnmal höher als der einer Sojabohne. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Auch Cassava, Süßkartoffeln oder Taro könnten in zehn Jahren in der Lage sein, Öl zu produzieren.
In Zimbabwe wird seit über zwölf Jahren an der Pflanze Vernonia galamensis geforscht: Sie produziert säurehaltiges Öl, das sich für industrielle Zwecke (für die Plastik- und Farbherstellung) gut eignet. Alleine in den USA beträgt der Markt für dieses Industrieöl 100 Millionen US-Dollar. Wahrscheinlich wird diese Pflanze aber keine neue Einnahmequelle für Zimbabwe, da parallel zur Forschung in Afrika auch das U.S. Department of Agriculture an der Pflanze forscht, die es gerne den Farmern in Arizona näherbringen möchte.

Wettlauf ums Öl

Zur Zeit hat Raps einen Anteil von zehn Prozent am Weltpflanzenölmarkt. Hauptproduzent ist China, gefolgt von Indien, Kanada, Deutschland und Frankreich. In der EU wurde der Ölsaatenanbau Anfang der 80er Jahre sehr gefördert – die ausgedehnten Rapsfelder in Norddeutschland sind eine Folge davon. Staatliche Stützungsmaßnahmen führten zu einer immensen Flächenausdehnung, züchterische Verbesserungen kamen hinzu: die Wachstumsrate in der BRD und in Großbritannien lag bei dreißig Prozent pro Jahr. Diese Stützungspolitik führte jedoch zu einem Handelskonflikt mit den USA. Im Zuge der GATT-Verhandlungen wurde im Blair-House-Abkommen die subventionierte Fläche auf 4,8 Mio. Hektar begrenzt. Ob diese Begrenzung im Zuge der Umstrukturierung der EU-Agrarpolitik und der Handelsliberalisierung aufgelöst wird, ist ungewiß.
Der Markt für pflanzliche Öle und Fette war schon in der Vergangenheit schwer überschaubar und von starker Konkurrenz und Verdrängungen bestimmt. Mit der Gentechnik erhält der Markt nun eine neue Dynamik und gleicht einem Roulettespiel, bei dem noch unsicher ist, wo die Kugel zum Halten kommt. Nur die Verlierer stehen schon fest: die Ölfrüchte anbauenden Bauern und Bäuerinnen.

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