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Schwarze Strategien

Seit den Anfängen der Sklaverei in Brasilien haben die versklavten AfrikanerInnen und ihre Nachkommen unzählige Widerstandsformen und Organisationen hervorgebracht, die als Vorläufer der heutigen sozialen und antirassistischen Bewegungen angesehen werden können. Aufsässigkeit gegen die Regeln der Arbeit auf den Plantagen, spontane Besetzungen des verfügbaren Bodens, Revolten, kollektive oder individuelle Fluchten von den fazendas der Herren, Ermordung der Gutsherren, Abtreibungen, quilombos [Gemeinschaften geflüchteter Sklaven, Anm. d. Übersetz.], oder religöse Organisationen, waren einige der Strategien der Schwarzen im Kampf gegen die Sklaverei.
Diese Formen der schwarzen Organisation zeigen, dass die versklavten AfrikanerInnen und ihre Nachfahren, Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus verschiedenen Ethnien stammten und doch eine eigene Kultur geschaffen haben. So erniedrigend und unterdrückend die Sklaverei auch gewesen sein mag, sie vermochte es nicht, diese Personen ihrer Menschlichkeit zu berauben. Dafür steht als Beweis die Entwicklung, die der schwarze Widerstand durchlaufen hat und die bis heute anhält, unter neuen Gesichtspunkten, mit neuen Organisationsformen und anderen Zielen. Auch wenn wir (fast) nicht mehr in Zeiten der Sklaverei leben, so leben wir doch bedauerlicherweise unter einer Herrschaft des Rassismus, die die gesamte Bevölkerung, und besonders die Schwarzen, betrifft.

Zweideutiger Rassismus
Der Rassismus in Brasilien besitzt Eigentümlichkeiten, der ihn von anderen sozialen, politischen und kulturellen Kontexten unterscheidet. Es handelt sich um einen zweideutigen Rassismus. Seine Zweideutigkeit besteht darin, dass er sich bekräftigt, indem er sich selbst negiert: der Mythos der “rassischen Demokratie”, in der es keine Diskriminierung gibt, wird weiterhin von vielen aufrecht erhalten. Die Daten offizieller Erhebungen bestätigen jedoch, dass die Entwicklung der Schwarzen in ihrer Bildung und ihrer sozialen und ökonomischen Situation von einer Ungleichheit gekennzeichnet ist, die ihrer Ethnizität entspringt.
Im Kontext der aktuellen antirassistischen Kämpfe waren die politischen Konzepte der affirmative action (staatliche Programme, oft Quotenregelungen, zur Förderung von diskriminierten Minderheiten) die am meisten diskutierten, die umstrittensten und die am häufigsten eingeführten. Es ist aber wichtig darauf hinzuweisen, dass, wenn wir uns auf diese Konzepte beziehen, wir immer bedenken müssen, dass diese Politiken ein Vermächtnis des Widerstands und des Kampfes darstellen, die Teil der Geschichte der Schwarzen in ihrer Diaspora sind.
Die Politik der affirmative action wird mit einer radikalen Kritik der formalen Gleicheit vor dem Gesetz begründet und bezieht sich auf konkrete Forderungen nach Gleichheit – der Gleichheit der Chancen. Es sind also öffentliche und private Politiken, die darauf abzielen, die Chancengleichheit zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen (wieder-)herzustellen, indem sie der historisch marginalisierten Gruppe eine bevorzugende und differenzierte Behandlung zukommen lassen.
Deshalb obliegt es uns hier nicht, diese Strategien von affirmative action, die von den Schwarzen in Brasilien verlangt und eingeführt wurden, als bloße Kopien der von der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA erkämpften Errungenschaften zu bewerten oder zu kritisieren.
Gleich ob in der nordameri–kanischen Realität oder in der brasilianischen, als ein Element des antirassistischen Kampfes haben die Politiken der affirmative action dasselbe Ziel: die Überwindung des Rassismus und die Herstellung von gleichen Chancen für alle, dabei aber die Unterschiede würdigend. Indessen entwickeln sich die Politiken der affirmative action entsprechend der historischen, politischen und sozialen Besonderheiten des jeweiligen Landes, in dem sie angewandt werden.

Antirassistische Erfolge
Es gibt zahlreiche Beispiele für Erfolge des antirassistischen Kampfes in der heutigen brasilianischen Gesellschaft: Die Schwarzenbewegung nahm 2001 am dritten, von der UNO unterstützten Kongress gegen Rassismus, rassistische Diskriminierung, Xenofobie und ähnliche Formen der Intoleranz teil. In Absprache mit dem Nationalkongress wurde ein Statut für ethnische Gleichheit entwickelt und ein spezielles Sekretariat zur Förderung ethnischer Gleichheit ins Leben gerufen.
Ein Gesetz besagt jetzt, dass afroamerikanische Geschichte als Pflichtfach in den staatlichen Schulen unterrichtet wird. Dennoch Für eine tiefgreifende Veränderung reichen diese Entwicklungen noch nicht aus. Sie sind Teil eines Transformationsprozesses der ethnischen Realität Brasiliens, der allerdings von großen Teilen der brasilianischen Bevölkerung, der Lehrkräfte, der politischen RepräsentantInnen und des brasilianischen Staates noch nicht unterstützt wird.

Die politische Arena besetzen
Unter diesen Bedingungen beginnt die historische Forderung der Schwarzenbewegung nach affirmative action Räume in den Medien und in der politischen Arena zu besetzen und alternative Praktiken einzuleiten, insbesondere in der Grundschulbildung, den höheren Schulen und auf dem Arbeitsmarkt. Bildung und Arbeitsmarkt sind Schlüsselsektoren im sozialen Leben jeden Landes. Aus diesem Grund hat der Kampf um affirmative action, ohne die Wichtigkeit anderer Sektoren zu vernachlässigen, sich insbesondere auf diese beiden konzentriert.
Die schwarze Bevölkerung Brasiliens ist bedeutend schlechter in den Arbeitsmarkt integriert als die weiße. In der Studie DIEESE aus dem Jahr 1998 zu Arbeit und Arbeitslosigkeit wurden sechs metropolitane Regionen untersucht. Es wurde festgestellt, dass die Bevölkerung afrikanischer Herkunft meist in den traditionellen Sektoren der Wirtschaft und in den am wenigsten entwickelten Regionen arbeitet. Schwarze Menschen behalten einen Arbeitsplatz durchschnittlich kürzere Zeit und arbeiten oft in prekären und instabilen Verhältnissen. Deshalb wird die schwarze Bevölkerung von sozialen Krisen auch am stärksten betroffen.
Im Bildungssektor indessen entfalteten die affirmative actions am meisten Wirkung, besonders im Bereich der höheren Bildung. Allerdings bestätigte die Untersuchung vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung IPEA über “Ethnische Ungleichheit in Brasilien: Entwicklung der Lebensbedingungen in den 90er Jahren” eine profunden Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen im brasilianischen Bildungssystem. Nach dieser Studie ist die Situation für Schwarze in der akademischen Ausbildung trostlos.
Im Jahr 1999 war es lediglich zwei Prozent aller jungen Schwarzen möglich, sich in eine Universität einzuschreiben. Die Studie weist nach, dass die verschiedenen Bildungspolitiken der letzten Jahre es nicht geschafft haben, die ethnische Ungleichheit zu beseitigen, besonders, was den Zugang zu höherer Bildung betrifft. Auch im schulischen Bereich sind AfrobrasilianerInnen in ihrer Entwicklung stark benachteiligt.

Quoten und Stipendien
Darum war eine radikale Veränderung in der Hochschulpolitik das wichtigste Ziel der VerfechterInnen der affirmative actions. Maßnahmen, die die Zugriffsmöglichkeiten zu höherer Bildung reglementieren, werden eingeklagt und implementiert. Damit verfolgt man Ziele: jungen Schwarzen den Zugang zu universitärer Bildung zu ermöglichen und ihren Verbleib auf den Universitäten zu sichern.
Mittels Quoten sollen mehr schwarze Studierende an die Hochschulen kommen, die dann während ihres Studiums durch verschiedene Hilfsprogramme unterstützt werden. Diese Programme beinhalten Stipendien und finanzielle Hilfen für Nahrungsmittel und Kurse in Fremdsprachen, Informatik und akademischem Schreiben.
Der antirassistische Kampf in Brasilien drängt auf eine Veränderung in den sozialen Beziehungen, in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt und auf der wissenschaftlichen und politischen Bühne.

Dekonstruktion von Stereotypen
Ziel ist es, die Beziehungsstrukturen zwischen Scharzen und Weißen in Brasilien grundlegend zu verändern, und zwar politisch, sozial, ökonomisch und kulturell. Mehr noch: Verbreitete rassistische Vorstellungen und Stereotypen von AfrobrasilianerInnen müssen dekonstruiert werden.
Die Schwarzenbewegung und brasilianische AntirassistInnen, Schwarze und Weiße, glauben, dass die Überwindung des Rassismus eine Aufgabe der ganzen Bevölkerung ist, egal welcher ethnischen Zugehörigkeit, im Ringen um eine wirklich demokratische Gesellschaft.

Übersetzung: Thilo F. Papacek

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