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TEGUCIGALPA: TENDENZ TECHNO

BALTO PINTO
Jahrgang 1973, ist honduranischer DJ und Promoter der Techno-Veranstaltungsreihe Modular sowie der Festivals Modular+ und REEF.
(Foto: Modular)

Balto, ohne dich gäbe es die Techno- und Elektroszene in Honduras, wie wir sie heute kennen, nicht. Du bist DJ, Produzent und hast vor allem im Laufe von 15 Jahren mit deinen Veranstaltungsreihen dieser Musik im Land einen festen Platz gegeben. Schildere uns doch mal die Situation im Jahre 2001 als du angefangen hast!
In Honduras lief damals in fast allen Ausgehorten Música Tropical, also Salsa, Bachata oder Merengue, sowie Popmusik. Und ich selbst beschäftigte mich zu dieser Zeit auch noch nicht so sehr mit Musik. Da war ich Tauchlehrer auf den Islas de la Bahía in der Karibik. Dort gab es viele Touristen aus Europa, über die ich mit der elektronischen Musik in Berührung kam. Ich hatte auch einen Bekannten mit deutschen Wurzeln, der eine kleine Bar in Tegucigalpa führte. Der fuhr jeden Sommer nach Deutschland und brachte von dort Musik mit. Das war ein Sound, den ich vorher niemals gehört hatte und der mich stark zu interessieren begann.

Wie ging es weiter?
Im Sommer 2001 bekam ich die Chance, als Tauchlehrer nach Palma de Mallorca zu reisen, von wo aus ich elektronische Festivals und Clubs auch in anderen europäischen Ländern und Städten besuchen konnte. Und in diesem Moment sagte ich mir, dass genau das auch in Honduras passieren muss. Dass die Leute die Möglichkeit bekommen, auch mal so etwas zu erleben. Und ich entschied genau in diesem Moment, mich darum zu kümmern.

In Deutschland war das die Zeit, als sich die Technoszene gerade verfestigt hatte, aber selbst im wesentlich größeren Mexiko steckte sie damals noch in den Kinderschuhen. Warst du eine der ersten Personen, die die elektronische Musik nach Honduras gebracht hat?
Vielleicht war ich nicht der erste, aber auf jeden Fall einer der ersten, der seit damals konstant dabei geblieben ist und seitdem diese Musik anschiebt, über Veranstaltungen oder eigene Auftritte als DJ. Ich fing damit an, kleinere Events zu organisieren und besorgte mir ein Anfänger-Equipment, um zu üben. Ich brauchte ganz schön lange, um zu verstehen, wie man mixt, das war ja alles noch analog, mit Schallplatten. Einen Plan, wo das mal hinführen könnte, hatte ich zu Beginn nicht. Eins führte zum anderen, bis zu dem Punkt, an dem wir heute sind.

Wann hast du gespürt, dass du Erfolg hast, mit dem was du tust, und ambitioniertere Pläne schmieden könntest?
Eigentlich hatten wir schon ab der ersten Veranstaltung, die wir mit einer Gruppe von Freunden organisierten, sehr guten Zuspruch. Der Laden war komplett voll, obwohl es das erste Mal war und eigentlich keiner genau wusste, was wir da tun werden. Ich spielte technisch gesehen wirklich nicht gut, aber mir scheint, dass die Musikauswahl, die vor allem aus Techno bestand, ganz gut war. Jedenfalls erstaunte mich dann selbst die Begeisterung des Publikums. Das war zwar nicht die erste Feier mit elektronischer Musik im Land, aber die Resonanz war bei uns ab dem ersten Mal richtig gut. Und mir wurde bewusst, dass das Zukunft hat und die Leute hungrig auf diese Musikrichtung sind.

Auf der
Postkarteninsel:
Chillen beim
REEF-Festival (Foto: Modular)

Und wie seid ihr damals an eure Musik gekommen, habt ihr eure Platten aus Europa importiert?
Zwei Freunde waren damals bereits seit drei, vier Jahren DJs und hatten schon ihre Platten. Ich selber reiste ab 2001 jedes Jahr nach Europa, um Festivals zu besuchen, und vor allem, um in Plattenläden zu gehen. Ich fuhr dann durch mehrere Länder und das einzige, was ich nach Hause mitbrachte, waren Schallplatten. Deswegen habe ich Platten von Produzenten aus allen möglichen Städten, aber hauptsächlich aus Deutschland, weil Techno mich schon immer angezogen hat, der dort ja stark verbreitet ist. Auch habe ich mir viele Jahre lang Platten aus einem Geschäft in Deutschland zuschicken lassen. Meine erste als DJ gekaufte Platte war die EP The Other Day von Jeff Mills.

Wie sieht denn die Szene der elektronischen Musik in Honduras heutzutage aus? Hat sie sich etabliert?
Es gibt jetzt schon mehr Leute, die sich dafür interessieren, vor allem aus dem studentischen Umfeld, aber es ist immer noch eine kleine Szene. Mittlerweile gibt es aber viele DJs und fast jedes Wochenende eine Veranstaltung. Früher gab es vielleicht alle drei Monate ein Event. Auch gibt es jetzt Personen, die selber produzieren und zum Teil schon ein gutes Niveau erreicht haben.

Und anderswo in der Region, spielst du auch außerhalb von Honduras?
Ja, ich habe schon in allen zentralamerikanischen Ländern gespielt. Die Szene in Zentralamerika besteht zum großen Teil aus Freunden und wir praktizieren einen DJ-Austausch. Mal lade ich jemanden aus Guatemala ein, mal werde ich dorthin eingeladen. Dasselbe passiert mit El Salvador, Costa Rica, Panama oder Nicaragua. Wir sind also ständig überall in Zentralamerika unterwegs.

Wer ist denn in den anderen zentralamerikanischen Ländern aktiv, ist es da so wie bei euch?
Ja, genau. In jedem Land gibt es so zwei, drei Personen, die sich wie ich dort auch seit 15 Jahren um die elektronische Musik kümmern. Und witzig ist, dass sich in jedem Land die Szene an dem Stil ausgerichtet hat, der jeweils von diesen Veranstaltern bevorzugt wird. Das heißt, im Rest von Zentralamerika hört man eher House, Tech House oder Deep House, während Honduras das einzige Land ist, wo sich beim Publikum mehr der Techno durchgesetzt hat, weil meine Tendenz eher dorthin ging.

Kannst du von deiner Musik und deiner Arbeit als DJ und Veranstalter leben oder hast du noch andere Einkünfte?
Allein von den Veranstaltungen oder den Einkünften als DJ könnte ich nicht leben. Zentralamerika ist eine Region, der es wirtschaftlich nicht so gut geht, weswegen die Einkommensmöglichkeiten auch für uns sehr beschränkt sind. Deswegen baue ich nebenher gerade ein kleines Tauchzentrum auf Roatán auf, um mein Auskommen zu sichern und nicht nur von der Musik abhängig zu sein. Sonst müsste ich hier besser vermarktbare Veranstaltungen oder DJ-Sets gestalten, für ein größeres Publikum. Und das ist wirklich nicht, was ich will. Ich wollte immer, dass meine Veranstaltungsreihe Modular klein bleibt, vergleichbar mit einem Feinschmeckerrestaurant.

Neben der Reihe Modular veranstaltest du alljährlich das Festival Modular+, gesprochen „Modular más”, das weit über ein reines Musikevent hinausgeht. Es beinhaltet Workshops und Foren zu Technologie, Kreativität und Kunst im Allgemeinen. Was war hier deine Idee?
Genau, letztes Jahr haben wir mit Modular+ begonnen. Die Idee dabei ist, die Kreativität zu fördern, Ideen zusammen zu bringen sowie Workshops und Vorträge einzubauen. Es dreht sich viel um den Punkt Bildung, wie wir selbst lernen können, bestimmte Dinge zu machen. Ich denke, dass die jungen Leute, oder eigentlich alle Menschen, sich heutzutage bewusst werden, dass sie mit der zur Verfügung stehenden Technik, dem Internet, Software oder Hardware relativ unaufwändig selber Sachen erschaffen können, zum Beispiel Musik.

Auf der anderen Seite organisierst du das REEF-Festival auf der Karibik-Insel Roatán, das klingt für viele Leute hier wie ein Traum: Sonne, Meer, Strand, Musik und viel Freiraum, erzähle uns doch mal ein bisschen davon.
REEF bedeutet „Roatán Electronic Experience Festival“ und fand dieses Jahr zum zweiten Mal statt. Das ist ein kleines Festival, das auf einer Koralleninsel stattfindet, die zu Roatán gehört. Dieser Ort ist wirklich wie auf der Postkarte. Dort gibt es schon einige Installationen, wie ein Restaurant, eine Bar, Toiletten, Duschen, Strandmöbel und Hängematten, also alles, was man braucht, um entspannt dort eine Nacht verbringen zu können. Wir bauen zusätzlich eine kleine Bühne auf, sowie ein gutes Soundsystem, Lichter und Bildschirme, und alles, was zu einem Festival gehört. Normalerweise laden wir aus jedem der zentralamerikanischen Länder DJs ein sowie meist zwei internationale Künstler, zum Beispiel aus Europa, aber auch aus Mexiko.

Ihr habt dort ein wirklich gutes Line-up, greift ihr daneben noch andere Themen auf?
Ja, gerade weil der Ort so bildschön ist, haben wir das Festival mit dem Thema Umweltschutz verbunden. Wir wollen dabei die Aufmerksamkeit, die ein Musikfestival an so einem Ort auf sich zieht, nutzen, um Informationen dazu zu verbreiten. Zum Beispiel über den Schutz der Korallenriffe. Auch arbeiten wir sehr eng mit Partnern wie dem Parque Marino de Roatán oder A Greener Festival zusammen, um die ökologische Nachhaltigkeit des Festivals zu gewährleisten.

Jetzt gehst du im Dezember zusammen mit den Berliner DJs der Sportbrigade Sparwasser in Deutschland auf Tournee. Hast du auch schon vorher mal darüber nachgedacht, dich internationaler zu orientieren?
Ja, das ist schon vorgekommen. Allerdings ist es nicht einfach, so etwas wirklich auch zu machen, speziell, wenn man aus einem Land wie Honduras kommt. Das ist ja kein Land, das international für seine elektronische Szene oder die daraus stammenden Künstler bekannt ist. Ich war öfters mal in Europa, aber noch nie in Deutschland. Deshalb freut es mich extrem, dorthin zu kommen, auch weil Berlin so was wie die Welthauptstadt des Techno ist. Und ich weiß, dass sich das Publikum dort gut mit Techno auskennt, was mich auch etwas nervös macht. Ich hoffe auf gute Resonanz.

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