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Ungewohnte Heimat

Chile ist in Aufruhr wie seit langem nicht mehr. Schüler_innen und Studierende stellen seit Monaten Forderungen für eine bessere Bildung und wollen nicht lockerlassen, bis die Regierung darauf eingeht. Und sie stehen nicht alleine da: Große Teile der Bevölkerung solidarisieren sich mit ihnen.
Wer sich durch die jüngsten Nachrichten aus dem südamerikanischen Land allerdings überrascht fühlt, sollte einen Blick in die Vergangenheit werfen. Denn die Forderung nach einer qualitativ hochwertigen und kostenlosen Bildung ist alles andere als neu. Schaut man zurück in die Regierungszeit Pinochets, in der die heutige Bildungspolitik ihren Anfang nahm, erscheint der heutige Protest als logische Konsequenz.
Im Jahr 1981 hatte Pinochet die kostenlose universitäre Bildung aufgehoben und somit den Grundstein dafür gelegt, dass sich Studierende hoch verschulden müssen. Daran hat auch das bis zur Ablösung durch den jetzigen Präsidenten Sebastián Piñera regierende Mitte-Links-Bündnis Concertación nichts geändert. Auch während der Präsidentschaft Michelle Bachelets (2006 bis 2010) gab es Demonstrationen, die allerdings nicht das Ausmaß der zurzeit stattfindenden Proteste erreichten.
Einen Blick zurück wagt auch der chilenische Schriftsteller Luis Sepúlveda in Der Schatten dessen, was wir waren. Zu seinen bekanntesten Büchern zählt Der Alte, der Liebesromane las, welches in über 30 Sprachen übersetzt wurde und ihn zu einem der meistgelesenen Schriftsteller in Europa machte. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller arbeitete Sepúlveda als Journalist und für die UNESCO. Nachdem er sich in seinen Büchern mit den verschiedensten Genres experimentiert hatte, schrieb er nun wieder einen Kriminalroman.
Der Schatten dessen, was wir waren handelt vom Zusammentreffen vier aus dem Exil Zurückgekehrter, die nun im Chile der 2000er Jahre mit einer völlig neuen Realität zu kämpfen haben. Doch obwohl sie viele schreckliche Dinge erlebten, wie den Tod von Freunden und Verwandten während der Diktatur, ist es keine traurige Geschichte. Mit viel Humor wird über die Gegenwart, aber auch über die Vergangenheit der Verlierer_innen der neoliberalen chilenischen Demokratie berichtet, einem Humor, der typisch für die Chilen_innen sei, so der Autor.
Im Laufe des Romans werden immer mehr Zusammenhänge zwischen den Akteur_innen deutlich, die nicht nur durch ihre gemeinsamen Erinnerungen, sondern auch durch einen absurden Kriminalfall verbunden sind. Dieser beginnt mit einem tödlichen Unfall und endet mit einer späten Rache an alten Verbrechern. Dieser Fall, dem sich Inspektor Crespo zusammen mit der jungen Polizistin Adelita angenommen hat, bildet die vordergründige Handlung vor der Kulisse der Selbstbetrachtung der alternden Rebellen, die zwar nicht ihre gewohnte Heimat, aber dafür Komplizen mit den gleichen Idealen wiederfinden.
Der Roman kann durchaus autobiografisch gelesen werden. Nicht nur die Erfahrung des Exils, sondern auch die Enttäuschung bei der Rückkehr ins Heimatland hat Sepúlveda selbst durchgemacht. Er gehörte zu Salvador Allendes Leibwache und wurde nach dem Putsch 1973 zu einem Dorn im Auge von Pinochets Regime. Dies führte ihn ins Exil, unter anderem nach Deutschland. In Hamburg verbrachte er über zehn Jahre seines Lebens. 1989 kehrte er zurück nach Chile, verließ das Land aber wieder, um nach Spanien auszuwandern. Die Rückkehr aus dem Exil sei eine Illusion, wenn man erwarte, das Land wiederzufinden, das man verlassen hat, meint der Schriftsteller. Die Idee für das Buch kam ihm, als er sich mit seinen ehemaligen Mitstreitern in Santiago de Chile bei einem Grillfest traf und gefragt wurde, woran er jetzt schreibe. Er antwortete, er schreibe ein Buch über ihre Generation, über „normale Helden“ die ihre Prinzipien nicht wie andere über Bord geworfen haben, als eine neue Zeit angebrochen ist.
Die Generation der „chilenischen 68er“, der fast alle Personen des Buches angehören, seien heute ein Beispiel für die jungen Leute, die Sepúlveda stolz „eine der besten Studierendenbewegungen der Welt“ nennt. Die Probleme, die es in der chilenischen Gesellschaft gibt, sieht er vor allem darin, dass Chile immer noch eine Verfassung aus der Zeit der Diktatur hat.
Doch dass die Studierenden diejenigen sind, „die darauf drängen, die Verfassung zu ändern, lästige Gesetze abzuschaffen, die die Diktatur hinterlassen hat und eine Situation zu beenden, die nicht unwirklich, sondern real ist“, gibt ihm Hoffnung. Mehr als Ähnlichkeiten gebe es zufällige Übereinstimmungen zwischen den beiden Generationen, die viele Jahre voneinander trennen: „Es gibt im Allgemeinen eine Großzügigkeit in dem, was die Studenten einfordern, wie in meiner Generation als wir 17, 18 Jahre alt waren“.
Die Tatsache, dass die Erinnerung an alte Zeiten eine idealistische, romantisierende Sicht auf die eigenen Taten letztendlich nicht vermeiden kann, zeigt sich bei der Lektüre von Der Schatten dessen, was wir waren und wird auch im Buch selbst reflektiert: „Vertraue nie deiner Erinnerung, denn sie ist immer auf unserer Seite: Sie macht das Schreckliche schön, das Bittere süß, lässt Licht sein, wo nur Schatten war. Die Erinnerung liebt die Fiktion.“
Die Fiktion gewordene Erinnerung Sepúlvedas ist amüsant und schildert in seiner politischen Färbung einen Teil der Geschichte Chiles, der in Zeiten von Bildungsprotesten wieder lebendig zu werden scheint. Er blickt nicht nur mit einem Lächeln zurück, sondern sieht auch eine „vielversprechende Zukunft für Chile”. Es seien schließlich „die jungen Leute, die auf die Straße gehen”.

Luis Sepúlveda // Der Schatten dessen, was wir waren // Rotpunktverlag // Zürich 2011 // 162 Seiten // 18 Euro

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