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VON MENSCH UND WASSER

Zwei Jungs aus der Bande „die Raubvögel“ buhlen um das gleiche Mädchen, Flora. Doch eigentlich ist sie nur ein austauschbares Objekt ihrer Begierde. Es geht darum, sich messen zu können, und das auf pubertärste Weise: durch ein Wett­saufen und das darauf folgende lebensgefährliche Wettschwimmen im kalten Meer.

Am Ende rettet der eine den anderen, verrät ihn nicht und hat somit das Recht auf das Mädchen. In einigen Rezensionen wird von „Freiheitsdrang“ und der „Kraft des Eros“ als zentralen Themen gesprochen. Doch die Erzählung erinnert eher an eine Fabel ohne eine wertvolle „Moral von der Geschicht“.
Es ist eine der ersten Erzählungen des peruanischen Schriftstellers Mario Vargas Llosa. Das Potential zum Nobelpreisträger blitzt an einer Stelle auf: als er den menschlichen Körper in Verbindung mit dem Meer beschreibt. Ohne einen Punkt zu machen nimmt Llosa die Leser*innenschaft mit in das Wasser am Strand von Miraflores in Lima und beschreibt fließend wie der Körper sich dem Meer hingibt, wie er ohne Anstrengung mit der Strömung geht und wann Widerstand nötig ist, um nicht unterzugehen.
Wer letztendlich gewinnt, ist eigentlich gleich. Genauso wie es gleich ist, was Flora dazu sagt. Bereits auf den ersten Seiten, auf denen Miguel ihr seine Liebe gesteht, spielt in seinem Kopf vor allem Rubén, sein Konkurrent, eine große Rolle: Er soll ihm bloß nicht in die Quere kommen. Flora hingegen errötet „als hätte ihr jemand auf die Wangen geschlagen“. Dass sie seine Liebeserklärung nicht erwidert, sondern nur sagt, sie sei ihm nicht böse und müsse nun weg, spielt im Laufe der Erzählung keine Rolle mehr. Aber er gewinnt ja das Wettschwimmen. Das Frauenbild ist, wie in vielen Geschichten Vargas Llosas, ein passives. Außer Floras kurzem Auftritt zu Beginn erscheinen nur zwei Mädchen, die den Jungs auf dem Weg ans Meer begegnen und Rubén einen Gruß „zuflöten“. Diese Rollenverteilung entspricht ganz dem Idealbild der 1950er Jahre, in denen die Erzählung entstand.
Eigentlich stammt sie aus dem ersten Erzählband, Die Anführer, von 1959. Nun wurde sie einzeln neu übersetzt und mit Illustrationen der deutschen Künstlerin Kat Menschik herausgegeben. Die Illustrationen spielen in dieser Ausgabe eine mindestens genauso wichtige Rolle wie die Erzählung selbst. So ist das Cover und fast jede zweite Seite von Menschik, die unter anderem für die FAZ arbeitet, gestaltet. Die Illustrationen, auf denen keine Menschen zu sehen sind, begeistern durch ihre Einfachheit und Farbgebung. Sind jedoch Menschen zu sehen, wirken diese oft überdramatisiert und erinnern durch die harten Kanten und Schatten an die Ästhetik von Mangas. Auch das klischeehafte Rollenbild übernimmt Menschik. So sind die Frauen strahlend und bunt dargestellt, im Kontrast zu den anderen Zeichnungen, die überwiegend grau, blau und dunkel gestaltet sind.
Mit seinen 64 Seiten und dem hübsch gestalteten Hardcover ist das Buch sicher ein nettes Mitbringsel oder unproblematisches Geschenk anstelle von Blumen. Mehr Tiefgang oder eine Neuinterpretation anhand der Illustrationen sind jedoch nicht zu erwarten.

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