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Von Tango, Tingo­talango…

Eine musikalische Reise durch Lateinamerika verspricht das Buch Salsa Rica Tango Caliente im Untertitel. Der Autor Cornelius Schlicke entpuppt sich dabei als kompetenter Reiseleiter, der sprachbegabt und anekdotenreich in prominente Salons ebenso wie auf abgelegene Dorfplätze führt. Leicht lesenden Auges folgen ihm selbst musikwissenschaftlich wenig erfahrene nach, denn er hat die Materie verständlich aufbereitet. Damit auch die geographische Orientierung nicht abhanden kommt, ist jedem der zwölf Kapitel eine Landkarte Lateinamerikas vorangestellt, auf der Fähnchen die betreffenden Stationen markieren.
So beginnt und endet die Lesereise durch gut 300 großzügig bebilderte Seiten in Kuba, dessen „besonders reichhaltiger Musikkultur mit hoher Ausstrahlungskraft“ Schlicke als einzigem Land gleich zwei der zwölf Kapitel widmet. Doch nicht jedes Kapitel trägt den Namen eines – lateinamerikanischen – Landes: Außer einem Abstecher in die USA um in New York an die Wiege der Salsa zu treten, ergeben wir uns dem Panoramablick der „Andenländer“, wo Instrumente wie verschiedene Flötenarten oder die Lied- und Tanzform des Huayno Kulturen von Argentinien bis Kolumbien einen. Und wir verfolgen mit, wie das „Einig Volk“ Lateinamerikas mit der sozialkritischen canción protesta (Protestlied) im Gepäck kurzen Schrittes die nationalen Grenzen überwindet. Schlickes Anliegen ist es unterdessen, die musikalische Vielfalt der lateinamerikanischen Landschaft über Stereotype wie Salsa und Tango hinaus deutlich zu machen.
Zugleich enthebt sich der Autor schon in der Einleitung des Anspruchs auf Vollständigkeit, ja er möchte seine Leser_innen „zu eigenen Nachforschungen anspornen“. Ausdrücklich tut er dies zum Beispiel, wenn er vorschlägt mit Kopfhörern durch Brasilia zu schlendern, um sich der Faszination des Bossa Nova und den Harmonien von Oscar Niemeyers Architektur anheim zu geben. Abwechslungsreich, mitunter persönlich steigern besonders die Einstiege in die einzelnen Kapitel Wissensdurst und Leselust; durch Ausblicke oder Schlussfolgerungen jeweils am Ende, die nicht selten Bezug zum Anfang herstellen, sind Schlicke angenehm runde Kompositionen gelungen, sodass sich die Kapitel auch gut in beliebiger Reihenfolge lesen lassen. Nicht zu schweigen von den zahlreichen grenz- und genreüberschreitenden Querverbindungen, die er innerhalb und zwischen den einzelnen Kapiteln auftut.
Der Reichtum des Buches liegt darin, wie der Autor Entstehungsgeschichten und Protagonist_innen lateinamerikanischer Musikrichtungen sowie politische und soziale Zusammenhänge in Einklang bringt mit Gesangs- und Spielweisen, Rhythmen und Instrumenten. Salsa und Tango sind also lediglich zwei der prominentesten Beispiele einer Reihe von Musikstilen, die uns Schlicke handverlesen präsentiert. Können die Leser_innen anfangs noch die wohlvertraute Melodie der „Guajira Guantanamera“ mitträllern, dürften sie spätestens verstummen, wenn die Reise mit Zeitzeugenkommentaren über „Exemplare des kubanischen Instrumentenkabinetts“ wie den „Naturbass“ Tingotalango – eine an einem Strauch befestigte Saite wird durch ein Erdloch zum Schwingen gebracht – zu Ende geht. Ohne eine abschließende Zusammenfassung oder einen Ausblick des Autors. Aber mit Nachklang.

Cornelius Schlicke // Salsa Rica Tango Caliente // Eine musikalische Reise durch Lateinamerika // Parthas Verlag // Berlin 2012 // 368 Seiten // 19,90 Euro

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