Eine Revolution für alle

Cover: Sandinistische Revolution und internationale Solidarität

Sandinistische Revolution und internationale Solidarität – Kontinuitäten und Brüche einer fünfzigjährigen Beziehung ist die vielstimmige Erzählung einer aufrührenden Epoche. Der als Nahua Script 20 vom Informationsbüro Nicaragua e.V. herausgegebene Band beginnt mit der Entstehung der Solidaritätsbewegung in den 1970er Jahren über die Dekade der 1980er bis hin zur Etablierung der Diktatur durch die ehemalige Befreiungsbewegung FSLN seit 2007. In einem Prozess kollektiven Erinnerns reflektieren nicaraguanische und deutsche Zeitzeug*innen aus unterschiedlichen, sich gleichwohl überschneidenden Perspektiven jene ereignisreiche Periode, die in der alten BRD in den 1980er Jahren nicht nur Linke, sondern Menschen aus verschiedenen Zusammenhängen mobilisierte: Christ*innen, Parlamentarier­i*nnen, Umwelt- und Friedensaktivist*innen und das gesamte Spektrum linker Aktivist*innen sozialer Bewegungen. Die Texte lassen die enorme Faszination nachspüren, die die sandinistische Revolution als soziales und kollektives Experiment auf viele Menschen ausübte: Solidaritätsgruppen vermehr­ten sich rasant und gingen vielfältige Beziehungen mit dem Land und seinen Bewohner*innen ein. Der Band lässt uns daran teilhaben, wie dieser intensive Kontakt zu einer tiefgreifenden Erfahrung vieler Aktivist*innen wurde. Illustriert wird das Buch mit Fotos, die den damaligen Zeitgeist gelungen einfangen. Ab Mitte der 1980er Jahre überschattete der von den USA gesteuerte Contrakrieg das Szenario, bewaffnete Angriffe auf die Zivilbevölkerung gehörten zur Kriegsstrategie. Das traf auch die Internationalist*innen: Eine Brigade wurde entführt und mehrere Wochen lang festgehalten.

Sandinistische Revolution und internationale Solidarität beschränkt sich nicht darauf, die einstige revolutionäre Euphorie zu feiern. Das Buch zeichnet Hindernisse und Fehlentwicklungen nach und das zunehmend konfliktreiche Verhältnis zwischen der FSLN und der feministischen Bewegung sowie Nicaraguas Indigenen und Schwarzen Bevölkerungsgruppen bis heute.

Im Beitrag „Nur wenn wir das Zentrum verschieben, können wir den Horizont erweitern“ umkreist Lucila Campbell das ideologische Klima, in dem vor allem junge Menschen nach der Rückkehr der FSLN 2007 aufwuchsen. Die revolutionären Konzepte mit ihrer „allgegenwärtigen aber hohlen Prä­senz” dienen dem Bedürfnis dieser Generation nicht mehr „das Neue” zu sagen. Gesellschaftliche Veränderungen verlangten auch von der Solidarität eine Neuorientierung.

Die Chronist*innen tragen zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses bei – und das ist der Wert dieses Buches. In weiterem Sinne richtet es sich an „politisch aktive Menschen” außerhalb der Solidaritätsszene, so die Herausgeber*innen. Ob der besondere Kontext – die Revolution – heute noch trägt, Menschen zur Solidarität mit Nicaragua zu bewegen, ist dabei vielleicht nicht entscheidend. Immerhin zeugen 50 Jahre Nicaragua-Solidarität von einem politischen Phänomen, das sich über zwei Generationen bis heute am Leben erhalten hat.


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WAS GEHT ES UNS AN?

Was haben wir mit Lateinamerika zu tun? Mehr als man denkt, könnte man lapidar antworten. Eine vielschichtige und dezidierte Auseinandersetzung mit der Frage bieten die Bildungsmaterialien Fokuscafé Lateinamerika vom
Informationsbüro Nicaragua e. V. Die umfangreiche Box beinhaltet Werkhefte zu den Themen Klimawandel und Umweltkonflikte, Wirtschaft, Kolonialismus und Migration. Zusätzlich gibt es eine Handreichung sowie eine DVD mit ergänzendem Material. Die insgesamt fünf Hefte richten sich nicht nur an Bildungsschaffende oder Multiplikator*innen für Globales Lernen, sie sind auch für thematisch Interessierte sehr lesenswert. Die darin vorgestellten Methoden, Materialien und Hintergrundinformationen sind für die Umsetzung von Bildungseinheiten mit Teilnehmenden im Alter von 14 bis 27 Jahren gedacht. Die Ziele bestehen darin, für globale
Themen zu sensibilisieren und dazu anzuregen, globale und gesellschaftliche Machtverhältnisse zu hinterfragen.
Globales Lernen beginnt beim Entgrenzungsprozess der Globalisierung und der damit einhergehenden Komplexität. Am Beispiel des Lernbausteins zum – häufig nur national gedachten – Thema Kohle wird dies deutlich. Durch eine interaktive und partizipative Methodenausrichtung erarbeiten sich die Teilnehmer*innen ihre Wissensgrundlage, sie setzen sich mit Auswirkungen des Kohleabbaus sowie mit Protest- und Widerstandsformen auseinander und ziehen eine Querverbindung zum vorherrschenden Konsumverhalten. Damit wird eine Vertiefung in das Thema angeregt, bei der nicht nur Kolumbien im Zentrum steht, sondern
auch weltweite ökologische und gesellschaftliche Dimensionen des Kohleabbaus angesprochen werden. Ein Element, bei dem der direkte Lebensweltbezug der Teilnehmenden deutlich wird, ist die Erstellung einer Nachrichtensendung. Die Aufgabe der Lernenden ist es hier, Verbindungen zwischen dem Steinkohleabbau in Kolumbien und der Energieversorgung in Deutschland aufzuzeigen. Zur Auswertung der Lernbausteine sind die in den Heften angebotenen Reflexionsebenen hervorzuheben, die nicht nur auf die Evaluation einer Wohlfühlatmosphäre abzielen, sondern den Teilnehmenden in der Auswertung der Lernprozesse Tiefe und Selbstreflexion abverlangen. Anwender*innen werden mit den äußerst durchdachten methodischen und didaktischen Hinweisen sowie mit dem Verweis auf Fallstricke, die beim Durchführen der Bildungseinheiten auftreten können, sehr gut auf die Veranstaltungsdurchführung vorbereitet. Was die Hefte darüber hinaus so wertvoll und lesenswert macht, ist die Offenheit, mit der die Autor*innen ihren eigenen Arbeits- und Lernprozess bei der Erstellung der Werkheftbox beschreiben. Die Leser*innen bekommen damit eine Idee davon, welche besondere Bedeutung es im Globalen Lernen hat, die eigene Position und die damit verknüpften gesellschaftlichen und weltweiten Machtstrukturen zu überdenken. Die Werkheftbox Fokuscafé Lateinamerika zeigt anschaulich und lebensnah, dass Globales Lernen mehr sein kann als ein bloßes Bildungskonzept, nämlich eine Lebenseinstellung.


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