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Als der Papst schlief

Es ist Nacht. Der Papst schläft. Die Menschenmenge harrt aus und hält Nachtwache. Keine Gebete, sondern Sprechchöre sind zu hören. Lautstark fordern sie die Freilassung der Verhafteten. 200 Personen haben sich versammelt, aber ihre Nachtwache gilt der Polizeidienststelle von Catete, hier im südlichen Stadtteil Rio de Janeiros, rund zwölf Kilometer vom Domizil der Apostolischen Residenz zu Sumaré in Rio de Janeiro entfernt, wo nun der Papst nächtigt.
Denn hier sind die neun Personen hin verbracht worden, die die Militärpolizei auf der Demonstration am frühen Abend verhaftet hat. Sie und 1.500 weitere Demonstrant_innen hatten versucht, zum Gouverneurspalast Palácio Guanabara zu gelangen, wo Papst Francisco von Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, vom Gouverneur und dem Bürgermeister empfangen wurde. 650 weitere Gäste waren dorthin geladen zu einem „einfachen Buffet, bestehend aus Wasser, Kaffee und Keksen“, wie die Regierung vorab in einer Note hatte erklären lassen. In der Presse war dennoch die Frage gestellt worden, wie solch ein bescheidenes Buffet 850.000 Reais, umgerechnet 270.000 Euro, kosten könne.
Der Protest der überwiegend jungen Leute richtet sich gegen diese exorbitanten Kosten für den Papstbesuch und fordern lautstark einen endlich lai­zistischen Staat. Sie protestieren gegen Kosten und Folgen der Fußball-WM und der Olympischen Spiele. Fordern ein Ende der Räumungen und Vertreibungen. Sie verlangen ein besseres Gesundheits- und Bildungswesen.
Vor dem Gouverneurspalast stehen den anderthalbtausend Protestierenden an diesem 22. Juli ebenso viele Militärpolizist_innen gegenüber. Um 20 Uhr schlagen diese dann zu.
Die Strassenbeleuchtung geht aus, Helikopter kreisen, bei jedem Überflug noch tiefer. Die Einheiten, die ihre Erkennungszeichen entfernt hatten, werfen zuerst Rauchbomben in die protestierende Menge, dann das Tränengas. Wer der Polizei zu nahe kommt, bekommt Pfefferspray, den Knüppel oder den Elektro-Taser zu spüren.
So auch Bruno Ferreira Telles. Der Student aus Duque de Caxias, in der Baixada Fluminense außerhalb von Rios Stadtgebiet gelegen, wollte mit anderen für bessere Bildung und Gesundheit im Land demonstrieren. Als die Militärpolizei das Tränengas in die Menge schoss, rannte auch Bruno. Bis sie ihn erwischten.
Am Tag danach sind die sozialen Netzwerke voll mit Meldungen, Kommentaren und vor allem Videoaufnahmen von der Festnahme Brunos. Der 25-Jährige rennt in der Rua Pinheiro Machado vor Polizist_innen weg, da explodiert kurz vor ihm ein Geschoß, die Druckwelle reißt ihn zu Boden. Woher das Geschoß kam, ist nicht auszumachen. Ein Polizist erreicht ihn – und setzt seinen Elektrotaser auf der Brust des offensichtlich bereits bewußtlosen Bruno an. Einmal, zweimal. Dann kommen weitere Militärpolizisten. Zuerst schleifen zwei von ihnen Bruno über den Aspahlt, dann kommen noch andere und sie tragen den ohnmächtigen Bruno an Händen und Füßen weg. Bruno ist verhaftet.
Vor und auf der Polizeidienststelle, wohin die Verhafteten verbracht werden, herrschen Tumulte. Polizisten sperren die Straße, Knüppel und Pfefferspray werden eingesetzt. Pyrotechnik ist die Antwort. Die Polizei setzt Tränengas gegen die Demonstrant_innen auf der Straße ein. Diese fordern noch immer die Freilassung der Verhafteteten. Auf der Polizeidienststelle sind mittlerweile auch die Anwält_innen der Rechtsanwaltsvereinigung OAB von Rio de Janeiro eingetroffen und legen Rechtsmittel gegen die Verhaftungen ein. Zwischen zehn Uhr am Abend und zwei Uhr am Morgen wird jede/r einzelne Freigelassene begeistert gefeiert. Einer der ersten, die aufgrund der juristischen Einspruchs der Anwält_innen freikommen, musste aber dennoch 1.000 Reais, 316 Euro, Kaution hinterlegen. Er war auf der Demonstration allein unterwegs gewesen, als er verhaftet wurde. Die Polizei verhaftete ihn wegen: „Bandenbildung“.
Ein anderer, Roberto Melo, 53 Jahre, wollte gar nicht demonstrieren gehen. Melo berichtet, wie er sich dann angesichts solchen Polizeiaufgebots auf den Strassen entschied, auch zu protestieren. „Die schienen sich auf Krieg vorzubereiten“, berichtet er. „Da ging ich zu den Polizeikräften und zeigte ihnen mein T-Shirt, auf dem Unsere Heilige Jungfrau abgebildet ist und sagte ihnen, sie werde ihnen das nicht durchgehen lassen.“ Dann fielen die Polizisten über ihn her. „Sie warfen mich zu Boden und nahmen mich fest“, sagt Melo, der selbst Angestellter des Öffentlichen Dienstes ist.
Im Eingangsbereich der Polizeidienststelle sitzt die Arzthelferin Maria de Lurdes. Seit zwei Stunden wartet sie dort, ihre Augen brennen, denn die Reizgaswolken von draußen dringen bis ins Gebäude. Dann aber kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ein Wachtmeister teilt ihr mit, ihr Sohn, Bruno Ferreira Telles, werde nicht freigelassen. Die Anklage laute auf Besitz „explosiven Materials“, deshalb habe der Richter die Festsetzung einer Kaution verneint. „Ich wollte nicht, dass er auf diese Demos geht. Ich habe Angst. Ich bat ihn, nicht zu gehen, da gibt es Tumulte, mit so viel Polizei“, erzählt Maria de Lurdes. Früher habe sich Bruno in so etwas nicht eingemischt, berichtet die 49-Jährige. „Ich weiß nicht, warum er da jetzt hingeht. Ich habe ihn gefragt: ‚Bruno, was für eine Revolte ist das?‘. Und er antwortete, dass es ein Kampf um Rechte sei.“ Sie kämpft mit den Tränen. Und ist verängstigt und wütend. Auf die Polizei – und auf Bruno. „Ich bin wütend auf ihn, er war immer so ruhig. Und jetzt das“, sagt sie unter Tränen. Zuerst habe sie auch den Wunsch zu demonstrieren verspürt. Aber auf diesen Demonstrationen, das habe sie im Fernsehen gesehen, „herrscht schreckliche Gewalt. Aber Bruno, der ist jung und hat keine Angst“, meint Lurdes. „Er sagte, dass alles so richtig sei, aber nun ist das, was eigentlich richtig war, das Falsche.“ Bruno ist in Haft.
Ein Polizist kommt auf uns zu. „Was machen Sie hier?“, herrscht er mich an. Arbeiten, ist meine Antwort. „Arbeiten? Und mit was arbeiten Sie hier?“, bellt er in mein Gesicht. Mit meinen Augen, meinem Stift und Notizblock. „Reporterin“, kläre ich ihn auf. Er glaubt mir nicht, will mich des Saales verweisen. „Wer sagt denn, dass Sie hier nicht ‚nen Mollie reinwerfen?“, versucht er es ironisch zu begründen. Mein Presseausweis und die kritischen Blicke des Rechtsanwaltes der OAB scheinen ihn aber weniger selbstherrlich werden zu lassen. Er zieht sich zurück.
Der Anwalt, der hier Rechtsbeistand für die Verhafteten leistet, hat gerade ein paar Minuten. „Gustavo Proença, von der Menschnerechtskommission der Anwaltsvereinigung von Rio, OAB“, stellt er sich vor. „Wir können hier den zu Unrecht Verhafteten helfen, denen, die willkürlich und mittels illegalen Vorgehens seitens der Polizei in Haft genommen wurden“, erklärt er. „Wenn wir das belegen können, dann können wir die Freilassung erlangen.“ Das ist aber nicht immer einfach.
Bruno ist derweil noch immer hier in der Polizeidienststelle. Aber er soll in die gefürchtete Haftanstalt Bangú verlegt werden, heißt es. Der Vorwurf der Polizei: Bruno habe versucht, Polizisten zu töten. Ausführen wolle er dies mittels der 20 Molotowcocktails, die die Polizei in seinem Rucksack fand. Mindestens einen habe er geworfen. Es ist nicht mehr nur das Tränengas, das Maria de Lurdes die Tränen in die Augen treibt.
Bruno bleibt in Haft – aber hier auf dieser Wache in Catete, erfährt Brunos Mutter später. Die letzte, die in dieser Nacht gegen zwei Uhr freigelassen wird, ist Aurislândia Monteiro. Die 29-Jährige hat medizinische Praxis, so hilft sie auf den Demos beim Verarzten der leichteren Verletzungen. Sie und eine Freundin behandelten auf der Straße einen Jungen, der im Gesicht von einem Splitter einer Tränengaskartusche getroffen worden war. Um sie herum kam es zum Tumult – und sie wurde verhaftet. „Ich wurde nicht direkt auf die Polizeiwache gebracht, sondern zunächst vor Ort festgehalten“, berichtet sie. „Ein Polizeikommandant kam auf mich zu, schrie mich an und schlug mir meinen Rucksack ins Gesicht. Er nannte mich Schlampe und dass ich einen Ständer nötig hätte – und er hätte einen, den er mir geben könne.“ Aurislândia wurde wegen des Besitzes „verdächtigen Materials“ verhaftet und weil sie sich nicht ausweisen konnte. „Das verdächtige Material“, berichtet sie, „das sind Pomaden, Kremes und Sprays, um den auf der Demo Verletzten Erste Hilfe zu leisten“.
Die Polizeigewalt macht Aurislândia wütend. „Viele verstehen nicht, warum es auch Gewalt gegen die Polizei gibt, aber wir haben zuerst was abbekommen“, empört sie sich. Die Demonstrierenden dürften jetzt nicht nachgeben, denn das sei es, was die Polizei und die Regierenden wollen. „Einer der Polizisten sagte mir, ich sei verhaftet, eben weil ich auf der Demo war. Habe ich dazu nicht das Recht? Das spornt mich nur an, noch mehr für ein gerechteres Land zu kämpfen“, sagt sie.
Die Gewalt der Polizei ist dabei aber oft zielgerichtet. So sieht es Renato Belo, der auf dem Morro Santa Marta wohnt, Favela in der Südzone von Rio de Janeiro. Renato ist 23 Jahre alt und seine Hautfarbe macht ihn für die Polizei verdächtig. Allein in dieser Nacht, berichtet er, wurde er von Polizisten drei Mal angehalten und auf Waffen oder Drogen untersucht. „Einer der Polizisten nahm seine Waffe und richtete sie auf mich, so, als wolle er abdrücken. Er schaute sich um, ob uns wer sehen würde und schaute mir dann direkt ins Gesicht“, schildert Renato das Erlebnis. „Der war ganz übel drauf. Gottseidank kamen dann Leute vorbei.“ Der Polizist ließ ab von ihm und ging seiner Wege. „Ich nehme keinen Rucksack mehr auf die Straße mit, das bringt nur Probleme. Den wühlen sie als erstes durch“, erklärt er. Kurz zuvor war Renato auf der Demo gewesen, von Copacabana zu Fuß bis ins zehn Kilometer entfernte Lapa, um gegen den Papstbesuch zu demons­trieren. Es ware eine besondere Prozession, angesichts der Millionen an gläubigen Pilgern in der Stadt, die den Papst sehen wollten. Denn erstere glauben auch an etwas, trotz ihres Protestes gegen den Papstbesuch. „Wir kämpfen für eine bessere Polizei“, erklärt Renato. „Sie verhaften die Leute und stecken ihnen dann Illegales zu, fälschen Beweise. Wenn wir jetzt nicht schreien, wer dann?!“ Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt, fragt Renato, der weiß, dass er wegen seiner Hautfarbe für die Polizist_innen ein leichtes Ziel ist. Denn zwischen 2002 und 2010 wurden in Brasilien 272.422 Brasilianer_innen schwarzer Hautfarbe erschossen. Wurden 2002 noch 65,4 Prozent mehr Afrobrasilianer_innen als Weiße erschossen, so gab es 2010 bereits 132 Prozent mehr erschossene Afrobrasilian_innen als weiße Opfer. Dies sind die neuesten Zahlen der Karte der Gewalt, die der Wissenschaftler Júlio Jacobo Waiselfisz jährlich erstellt. Und nicht wenige der Erschossenen gehen auf das Konto der Militärpolizei.
Soziale Bewegungen, Menschenrechtsgruppen und Favelaorganisationen beklagen seit Jahren die Gewalt von Polizei und Spezialkräften. Erst am 24. Juni dieses Jahres wurden in Rio de Janeiro dreizehn Bewohner_innen des Armenviertels Nova Holanda im Stadtteil Maré von Einsatzkräften der Spezialeinheit BOPE erschossen.
Menschenrechtsgruppen kritisierten, dass es in den Medien einen Aufschrei über die Gummigeschosse der Militärpolizei auf die Demonstrationen gegeben habe, die überwiegend von Angehörigen der brasilianischen Mittelschicht besucht wurden, während die Verwendung scharfer Munition in den Favelas von den gleichen Medien weitaus weniger kritisch betrachtet wird. Gizele Martins ist Journalistin und lebt in der Maré. „Die Polizei, die auf den Straßen mit Gummigeschossen auf Demonstranten schießt, ist die gleiche Polizei, die in der Favela tötet“, stellt sie klar. Deshalb sei die Demilitarisierung der Militärpolizei eine der akutesten Forderungen, die die Menschenrechtsgruppen in Rio de Janeiro derzeit erheben.
Denn Rio hatte schon lange nicht ein solches Maße an Polizeikräften auf der Straße gesehen, wie in jenen Tagen, als der Papst in der Stadt war. Um die Sicherheit des Papstes, seiner Entourage sowie der bis zu drei Millionen Pilger in der Stadt zu gewährleisten, hatte das Verteidigungsministerium 20.000 Sicherheitskräfte zusätzlich geschickt. Kräfte des Heeres, der Marine, der Luftwaffe sowie Polizeieinheiten von Bund und Land wurden am Zuckerhut zusammengezogen. So konnte der Papst ruhig in seiner Apostolischen Residenz zu Sumaré schlafen.
Und Bruno? Es sollte eine ganze Woche dauern, bis Maria de Lurdes Gewißheit über das weitere Fortgehen ihres Sohnes Bruno erlangte. Gleich am ersten Tag nach dem Vorfall stürzten sich Presse und Fernsehen auf den Fall der „20 Molotowcocktails“. Aber auch die Aktivist_innen der unabhängigen Medien agierten schnell. Es dauerte nicht lange, bis die aktive Netzgemeinde die Polizei der gezielten Lüge überführen konnte. Waren es zunächst Zweifel und Fachdebatten, wie groß ein Rucksack mit 20 Molotowcocktails sein müsse, so belegten mehrere Videoaufnahmen im Netz ein neues Detail: Bruno trug zu keinem Zeitpunkt einen Rucksack. Der entsprechende Rucksack war offenkundig von als agents provocateurs eingeschleusten Zivilpolizisten platziert worden. Die Anklage gegen Bruno wurde am 29. Juli, eine Woche nach dem Vorfall vor dem Gouverneurspalast, fallengelassen.

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