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Vorerst auf nur einem Hektar

„Wir sind bereit für unser Land zu sterben“, schrieben 30 indigene Familien der Gemeinde Pyelito Kuê in einem Brief, in dem sie an die Regierung appellierten, die am 1. Oktober in Kraft getretene Räumungsanordnung zurückzunehmen. Nachdem der Katholische Missionsrat CIMI den Brief im Internet gepostet hatte, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. In Blogs und auf Facebook erklärten sich viele unter dem Motto „Wir sind alle Guarani-Kaiowá“ mit den Indigenen solidarisch. Tausende hängten die Endung Guarani-Kaiowá an ihre Facebooknamen. Onlinepetitionen gegen die Räumung machten die Runde – und Tausende begingen für einen Tag einen symbolischen facebookcídio – einen Facebook-Selbstmord.
Medien weltweit interpretierten die in dem Brief geäußerte Bereitschaft, lieber zu sterben als das Gebiet verlassen zu wollen, als Androhung kollektiven Selbstmords. CIMI bemühte sich um die Klarstellung des Missverständnisses. Die Guarani-Kaiowá sprächen vor dem Hintergrund des Kampfes um Land von kollektivem Tod – und nicht von kollektivem Selbstmord. Da von Justiz und den Viehzüchtern angeheuerte Sicherheitskräfte darauf beständen, sie von ihrem Land zu vertreiben, seien sie bereit, dort zu sterben. In dem Brief heißt es wörtlich: „Wir haben uns entschieden, hier nicht wegzugehen, ob lebendig oder tot, denn anscheinend haben wir keine Chance in Würde auf unserem Gebiet zu bleiben. Wir haben bereits Massaker erlitten und sterben in wachsendem Tempo. Wir wissen, dass wir bald von Sicherheitsbeamten der Justiz hier weggebracht werden, aber wir werden uns vom Fluss Hovy nicht wegbewegen. Wir haben uns entschieden, hier zu bleiben und hier gemeinsam zu sterben. Denn aufgrund der Entscheidung des Gerichts bleibt uns nichts anderes übrig“.
Die in Pyelito Kuê lebenden Kaiowa wurden zuletzt mehrfach bedroht und von bewaffneten Sicherheitskräften des Viehzüchters der Ranch umzingelt. Sie hatten nur geringen Zugang zu Nahrung oder Gesundheitsversorgung. Am 1. November hatten Sicherheitskräfte der Justiz zudem bereits mit der Räumung einer Kaiowá-Gemeinde in Porto Murtinho begonnen und 60 Familien dazu gezwungen, ihr Gebiet zu verlassen.
Facebook wird in Brasilien deutlich mehr benutzt als andernorts, hat dort ein weitaus größeres Mobilisierungspotential für symbolische Aktionen – und wird deshalb von den dortigen Medien und der Regierung ernst genommen. So sah sich die brasilianische Regierung angesichts der Tausenden von Guarani-Kaiowá-Namenssendungen bei brasilianischen Facebook-Nutzer_innen schließlich gezwungen, mit den Kaiowá über ihren Verbleib auf dem Land zu verhandeln, das bereits 1984 als ihr Eigentum registriert worden war. Nach einwöchigen Gesprächen mit Vertreter_innen der Indigenen in Brasília verkündete Brasiliens Justizminister, José Eduardo Cardozo, am 30. Oktober, das Gericht in São Paulo habe entschieden, die einstweilige Verfügung über die Räumung des Landes zurückzunehmen. Die bis zur Klärung der Besitzverhältnisse geltende Regelung, gemäß der sich die fast 200 Kaiowá auf einen Hektar Land quetschen müssen, während die Viehzüchter_innen des Agrobusiness 170 Hektar des Landes bewirtschaften dürfen, spiegelt allerdings die Machtverhältnisse in dem erbitterten Kampf um Land wider.
„Wir sind erleichtert darüber, dass wir nun nicht von unserem Land verwiesen werden, aber es ist eine Schande, dass sie uns auf einem Hektar einsperren wollen“, kommentierte der Kazike Lide Lopes die Entscheidung gegenüber CIMI. Die Abgeordnete Érica Kokay kritisierte die Bestimmung des Gerichts als „Gefangenschaft“. Aus Sicht des Vorsitzenden der Kommission für Guarani-Kaiowá des Menschenrechtsrats CDDPH, Eugenio Aragão, kümmert sich die brasilianische Regierung nur dann um Angelegenheiten der Indigenen, wenn Katastrophen drohten.
Rund 30 Prozent des 580.000 Hektar großen Gebiets, auf das die Agrarlobby von Mato Grosso do Sul Anspruch erhebt, wird bereits seit den 1950er Jahren für großflächige Rinderzucht genutzt. Nie erkannten die Großgrundbesitzer_innen die Registrierung des indigenen Landes an. Über ihren Widerspruch gegen die Entscheidung von 1984 hat der Oberste Gerichtshof jedoch bis heute nicht entschieden. Anstatt sich für die Rechte der Indigenen einzusetzen, verpachteten der Dienst für den Schutz Indigener SPI und seine Nachfolgeinstitution, die Nationale Stiftung für Indigene, Funai, laut der CIMI zudem Land an die Viehzüchter_innen. Und dies, obwohl das gesamte Gebiet bereits im 19. Jahrhundert den Kaiowá zugesprochen worden war. Als Belohnung für ihre Verteidigung des brasilianischen Territoriums im Krieg gegen Paraguay hatte König Dom Pedro II es den „tapferen Kriegern“ vermacht.
Auf Proteste der Kaiowá hin hatte das Justizministerium ihnen im Jahr 2002 40 Hektar des umstrittenen Landes zugesprochen. Der Eigentümer des Landguts Cambará legte abermals Widerspruch vor Gericht ein. Der Richter Henrique Bonachela gab ihm Recht und ordnete im Oktober die Räumung des von den Kaiowá vor einem Jahr erneut besetzten Landes an. Die Bewohner_innen von Pyelito Kue mussten sich daraufhin an den Rand des Flusses Hovy zurückziehen, wo sie abgeschnitten von der Straße lebten.
Auch in den Kaiowá-Gemeinden Potrero Guasu, Arroio Korá und Laranjeira Nhanderu hat es in letzter Zeit Repressionen gegen Kaiowá gegeben. „Wir befinden uns in einer komplizierten Situation der Abgrenzung indigenen Landes, denn in der Region gibt es viel politischen und wirtschaftlichen Widerstand“, erklärte die Generalstaatsanwältin Deborah Duprat anlässlich der Gespräche mit den Kaiowá in Brasília Ende Oktober. Die Gewalt gegen die Indigenen und deren ausweglose Situation bleibt nicht folgenlos: Zwischen 2003 und 2010 begingen laut dem CIM 555 Guarani-Kaiowá Selbstmord (siehe LN 439). „Damit die Gewalt aufhört, muss das Land abgegrenzt werden. Denn der Bundesstaat respektiert unser Recht auf das Land nicht und erkennt uns nicht als Bürger an. Die Regierung unseres Bundesstaates hat ziemlich deutlich gemacht, dass sie uns nicht unterstützen wird“, erklärte Otoniel Ricardo, Mitglied des „Kontinentalen Rats der Guarani“ gegenüber dem CIMI.

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