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Alle Jahre wieder

Zum Weltuntergang am 21. Dezember dieses Jahres werden die Außerirdischen ihr irdisches Quartier im Berg des südfranzösischen Bugarach verlassen und die reisewilligen Menschen mit auf ihren Trip zu neuem Leben in die unendlichen Weiten des Weltenraums nehmen. Die Unterkünfte in dem Dorf sind bereits ausgebucht. Ein extremes Beispiel für die apokalyptische Stimmung, die die Esoterikszene seit geraumer Zeit umtreibt. Grundlage dafür ist die Vollendung eines großen Zyklus des Mayakalenders zur Wintersonnenwende 2012. Über den gesamten amerikanischen Doppelkontinent werden sich besonders an archäologischen Stätten Esoteriker_innen, aber auch indigene Gruppen einfinden und das Ende eines Zeitalters und die Geburt einer neuen Sonne feiern. Von den Tälern der Atacama-Wüste in Nordchile über Machu Pichu in Peru bis nach Teotihuacan in Zentralmexiko wird dieses Datum festlich mit Musik und Tänzen, Gebeten und Gesängen begangen werden. Weiß gekleidete Pilger_innen aus aller Welt werden sich in den Tagen um die Wintersonnenwende an ausgewählten energetischen Orten einfinden, um dort vor den Pyramiden allerlei Rituale zu vollziehen und sich mit kosmischer Energie aufzuladen. Die Hände gen Himmel ein paar Worte Maya zu rezitieren erhöht die Wahrscheinlichkeit erhört zu werden, von wem auch immer. Wenn tausende weißgekleideter Menschen vor der Pyramide des Kukulkan in Chichen Itza die Arme heben und das Mayawort für Sonne K’iin in einem langgezogenen Summen anstimmen, dann ist das eine Erfahrung, die unter die Haut geht. So geschehen zur Tag- und Nachtgleiche bereits Mitte der 90er Jahre. Zur letzten Jahrtausendwende hatte der Besucherstrom zu den Pyramidenstätten der vorspanischen Kulturen einen neuen Höhepunkt erreicht. Zur Wintersonnenwende dieses Jahres wird ein neuer Besucher_innenrekord erwartet.
In Chichen Itza Yukatan wird vor der Pyramide des Kukulkan am 21. Dezember 2012 die Rückkehr der gefiederten Schlange erwartet. Sie war als Kulturbringerin einer der wichtigsten Götter des vorspanischen Mittelamerikas, ein göttlicher Priesterfürst in Chichen Itza. Nachdem er entmachtet worden war entschwand er nach Osten übers Meer, nicht ohne vorher seine glorreiche Rückkehr anzukündigen. Und so tauchen in Yukatan zunehmend langhaarige und eigenwillig gekleidete Menschen auf, mehr oder weniger unter Einfluss von begehrten psychoaktiven Stoffen, die sich für eine Verkörperung dieses vorspanischen Gottes halten.
Maßgeblich beigetragen zum esoterischen Hype um die Maya hatte die Veröffentlichung des Buches Der Maya Faktor im Jahr 1987, in dem der Autor José Argüelles die klassischen Maya aus der Zeit zwischen 300 n. Chr. bis 900 n. Chr. als galaktische Maya bezeichnete und ihnen tiefe Einsichten in die jenseitige Welt zuschrieb. Seitdem hat das Interesse an den vorspanischen Kulturen zugenommen und jedes Jahr treffen sich mehr Menschen zu astronomisch relevanten Daten an vorspanischen Pyramiden, um Sonne, Mond und Sterne zu preisen.
Noch vor einigen Jahren war in Südmexiko von diesem Datum keine Rede und das Kalendersystem der vorspanischen Maya war der indigenen Bevölkerung fast gänzlich unbekannt. Das hat sich zunehmend geändert, und seitdem das Jahr 2012 begonnen hat, ist das Datum in aller Munde. Die Maya von Yukatan leben zwar nach dem gregorianischen Kalender, praktizieren aber eine rituelle Praxis, die auf vorspanische Wurzeln zurückgeht. Nun wird dieses Datum in ihre rituelle Praxis integriert, wie Don Antonio Ximenez Mukul, Maya-Priester aus Maní beschreibt: „Wir werden auf die Isla Mujers fahren und dort an der Karibikküste dieses Datum begehen und die Neue Sonne Tumben K‘iin begrüßen“. Er ist der indigene Priester der ökumenischen Gruppe (Grupo Ecumenico de Teologia India Mayense), der auch Maya aus Guatemala und Tzotzil- und Tzeltalmaya aus Chiapas angehören, wie auch befreiungstheologisch orientierte katholische Priester.
Im Kalendersystem der klassischen Maya sind mehrere Zyklen miteinander verknüpft: Das Sonnenjahr mit zirka 365 Tagen – Haab genannt – wurde in 18 Monate à 20 Tage und einen zusätzlichen Monat von fünf Tagen unterteilt. Erstaunlicherweise weist auch unsere gelebte Jahreszeit des Gregorianischen Kalenders einen Zeitraum am Ende des Jahres von fünf Tagen auf, der gemeinhin als „Zwischen den Jahren“ bezeichnet wird. Bei den Maya hatte dieser kurze Monat von fünf Tagen den Namen Uayeb und einen unglücksbringenden Charakter, so dass, wie in kolonialen Quellen beschrieben, die Maya-Bevölkerung in dieser Zeit ungern das Haus verließ. Neben dem Sonnenjahr der Maya gab es den Orakel- und Horoskopkalender Tsolk‘iin mit 260 Tagen. Tsol heißt auf Maya aufreihen, abzählen und K‘iin bedeutet Tag. In diesem Zyklus wurden 13 Ziffern mit 20 Tageszeichen kombiniert, so dass nach 260 Tagen die Ausgangskombination wieder erreicht wurde. Mit dem Geburtsdatum im Tsolk‘iin bestimmten die Priester in der vorspanischen Vergangenheit und bestimmen die heutigen Ajq‘ij die individuellen Eigenschaften eines Kindes. Das ist plausibel, wenn mit den 260 Tagen die Zeit einer Schwangerschaft vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zur Geburt beschrieben wird.
Neben den vorspanischen Büchern der Maya sind heute zahlreiche Kalenderdaten in Stein gehauen überliefert. In diesen Inschriften kombinierten die absolutistischen Gott-Könige der Maya weltliche und diesseitige Ereignisse mit kosmischen Daten. Die Geburt von Jaguar-Schlange II. aus Palenque wurde zu Legitimationszwecken mit der Konjunktion von Mond, Mars, Jupiter und Saturn assoziiert und so seine Abstammung von den himmlischen Göttern legitimiert. Dafür wurde das eigentliche Geburtsdatum in den Inschriften auf den Tag der Planetenkonjuktion verschoben. Diese Inschriften beginnen mit einem Zeitpunkt, der von einem mythischen Nulldatum aus berechnet wurde, entsprechend unserem „nach Christi Geburt“. Im Gregorianischen Kalender fällt das mythische Nulldatum der Maya auf den 13. oder 11. August 3114 vor Christus. Von diesem Nulldatum aus gerechnet endet am 21. oder 23. Dezember 2012 der 13te große Zyklus eines Baktun.
Bis heute ist nur eine in Stein gehauene Inschrift bekannt, die sich auf das Datum 21.12.2012 bezieht. Es ist das Monument Nr.6 aus der archäologischen Tempelstadt Tortuguero in Mexiko. Sie beschreibt die Ankunft einer königlichen oder göttlichen Person mit dem Titel Bolon Yokte‘ Ku‘. Leider – oder sollte man sagen glücklicherweise – ist der Teil mit den Informationen zur Person Bolon Yokte‘ Ku‘ so stark beschädigt, dass den esoterischen Interpretationen freier Lauf gelassen werden kann. Bolon ist die Mayazahl Neun, und neun Schichten hatte die Unterwelt der vorspanischen Maya. Kannten die Maya also neun apokalyptische Reiter?
„Die zahlreichen Hurrikans der letzten Zeit, so viele und so starke hat es früher nicht gegeben“, sagt Don Antonio etwas nachdenklich. In der ökumenischen Gruppe, der er angehört, schaffen die Mitglieder als Reaktion auf gesellschaftliche Marginalisierung und Umweltzerstörung ein Pan-Mayabewusstsein, eine spirituelle Antwort zur gnadenlosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.

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