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Dead Man Laughing

Treuherzig blickt der 50-jährige Mann in die Kamera. Seine Haare sind grau, die Zähne schlecht. „Mein Name ist Marco Archer“, sagt er mit fester Stimme, „und ich habe eine berührende Geschichte zu erzählen.“ Es ist seine, Marcos Geschichte und sie klingt, als sei sie aus der Feder eines oder einer der begabteren Drehbuchautor*innen Hollywoods geflossen. Aber, und das ist das Fatale für Marco: Sie ist wahr und sie wird ihn das Leben kosten.
Marco „Curumim“ Archer wurde am Flughafen von Jakarta in Indonesien mit 13,4 Kilo Kokain erwischt, die er in seinem Drachenflieger versteckt ins Land schmuggeln wollte. Mit dem Geld aus dem Verkauf wollte er Schulden von über 100 000 Euro für einen Krankenhausaufenthalt begleichen, den er nach einem schweren Flugunfall verbringen musste. Nach einer spektakulären, aber missglückten Flucht vom Flughafen wurde er den extrem rigorosen Drogengesetzen des Landes entsprechend zum Tode verurteilt. Danach wartete er über elf Jahre auf seine Hinrichtung. Während dieser Zeit gelang es seinem Freund, dem brasilianischen Filmemacher Marcos Prado, eine Kamera ins Gefängnis zu schmuggeln, mit der Archer sich und seine Mitgefangenen filmen konnte. Das Ergebnis ist ein beeindruckender und berührender Dokumentarfilm über den Alltag in der Todeszelle und über einen Menschen, der sein Leben lang mit dem Feuer gespielt hat und nun die schrecklichen Konsequenzen am eigenen Leib erfährt.

Denn Marco Archer, das wird im Film nach und nach klar, war zwar ein Charmeur, ein Tausendsassa, ein intelligenter und lustiger Mensch, mit dem man gerne befreundet gewesen wäre. Aber eben auch seit seiner unruhigen Jugend (er wurde nicht weniger als elf Mal aus der Schule geworfen) ein Drogendealer im großen Stil. Archer arbeitete direkt mit kolumbianischen Kartellen zusammen und vertrieb für sie Kokain in Rio und später auch in den USA. Später war er einer der Brückenköpfe für den Handel mit synthetischen Drogen auf der indonesischen Insel Bali. So gelang es ihm, den Traum vieler Cariocas (Einwohner von Rio de Janeiro) zu leben: Surfen, Reisen um die Welt, Partys, Frauen („Ich war über fünf Mal verheiratet!“), und das alles, ohne viel arbeiten zu müssen. Nebenbei war er dank seines Mutes ein äußerst talentierter Drachenflieger, der mehrere brasilianische Rekorde aufstellte.
Seit seiner Verhaftung lebte Marco Archer wie ein moderner Papillon in einem als Luxusgefängnis geplanten Komplex auf einer kleinen indonesischen Insel. Besuch bekam er nur äußerst selten und so waren seine engsten Bezugspersonen seine Mitgefangenen. Deren Spektrum reichte von Abu Bakar Bashir, einem international gesuchten Terroristen bis zu Juri Angione, einem Italiener, der mit ein paar Gramm Marihuana erwischt wurde und zu Marcos bestem Freund im Knast wurde. Das Strafmaß in Indonesien ist für Drogenschmuggler*innen gnadenlos und unbarmherzig: Selbst auf einen missglückten Terroranschlag, bei dem niemand zu Schaden kommt, steht keine höhere Strafe als auf den Schmuggel von ein paar Gramm Haschisch oder Kokain. Die Verlogenheit des Systems wird klar, als Marco in einem seiner Testimonials vom Alltag im Gefängnis erzählt: Drogen sind dort allgegenwärtig, selbst die Wärter verkaufen Heroin. Dazu kommt für ihn die Unmenschlichkeit, mit der jeder Kandidat in der „Death Row“ zu leben hat: Das endlose Warten auf die eigene Hinrichtung, das Zählen der Todeskandidaten vor einem selbst, das Hoffen und Bangen, das Klammern an jeden noch so dünnen Strohhalm. Marcos Prado zeigt zudem Interviews mit „Curumims“ Freund*innen und Familie in Brasilien, die sein Leben in Rückblenden erzählen und bewerten, im Wechsel mit seinem selbst gefilmten Alltag im Gefängnis. Sein Umgang mit der Situation schwankt zwischen clownesken Showeinlagen (er spielt den Mafiaboss, gibt trashige Gesangs- und Tanzvorstellungen oder tut beim Filmen so, als sei er ein weltberühmter Regisseur am Set), zynisch-ironischen Selbstreflexionen und panischer Verzweiflung, wenn er an seine bevorstehende Hinrichtung denkt und Szenarien zu seiner Befreiung durchspielt. Doch diese ist aufgrund seines Fluchtversuchs und seiner Bekanntheit unwahrscheinlich. Denn Bestechung – sonst durchaus eine gängige Möglichkeit – ist für ihn aufgrund des öffentlichen Gesichtsverlustes, den eine Freilassung für die indonesische Regierung darstellen würde, keine Option mehr. Zunehmend vereinsamt Marco, denn während seiner Haft sterben einige seiner engsten Familienmitglieder, ohne dass er sich von ihnen verabschieden könnte. Trotzdem schafft er es vor allem mit Hilfe seines Freundes Juri, geistig weitgehend gesund zu bleiben, wenn ihn auch das Leben im Gefängnis mit der Zeit physisch sichtbar mitnimmt. Immer wieder versucht er, seine Situation auch mit Humor zu nehmen, doch oft genug bleibt ihm dabei das Lachen im Hals stecken.

Curumim ist ein beeindruckender, aber auch sehr harter Film. Selten wurde das Warten auf die Vollstreckung eines Todesurteils so eindringlich dokumentiert wie von Marcos Prado. Unweigerlich stellen sich Fragen wie die nach der Verantwortung eines Menschen für sein Schicksal oder nach Sinn und Unsinn der harten Bestrafung selbst für kleinste Drogenvergehen. Einerseits wird der Rauschmittelhandel in Südostasien und anderswo dadurch natürlich nicht gestoppt, andererseits zeigen Marco und Juri ehrliche Reue und bedauern ihr gedankenloses Handeln, für das sie bitter bezahlen. Ein Happy End gibt es in Curumim nicht: Trotz persönlicher Vermittlungsversuche der brasilianischen Präsidentin Dilma Roussef (der Fall führte zu erheblichen diplomatischen Verstimmungen zwischen Brasilien und Indonesien) starb Marco Archer weit weg von seiner Heimat am 17. Januar 2015 durch die Kugeln eines Erschießungskommandos. „Ich möchte nicht nur als der Brasilianer in Erinnerung bleiben, der in Indonesien hingerichtet wurde“, bat er in einem seiner Testimonials. Zumindest dieser Wunsch konnte ihm von Marcos Prados mit seinem Film noch erfüllt werden.

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