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Ein Werkstattbesuch

Vor den gekippten Dachfenstern im fünften Stock des Mehringhofs treiben zerfaserte Wattewolken, die beiden Türme der St. Michaeliskirche in Kreuzberg werden von der Abendsonne angeleuchtet. Draußen rauscht die Stadt, drinnen surren die Rechner. Es ist Donnerstagabend, kurz vor 20 Uhr und die wöchentliche Redaktionssitzung der Lateinamerika Nachrichten beginnt. Die Gruppe nennt ihr gemeinsames Produkt knapp aber zärtlich LN.
Olga sitzt an dem runden Holztisch, auf dem eine blaue Wachstuchdecke liegt, und schaut immer wieder auf die Uhr an der Wand hinter ihr. Sie ist bei der kommenden Jubiläumsausgabe Nummer 400 Teil der rotierenden Heftleitung und koordiniert vor allem den Schwerpunkt zu Kunst und politischem Aktivismus. Olga ist 27, hat Lateinamerikanistik studiert und sucht gerade nach einem Job. „So ein Heft zu produzieren ist verdammt viel Arbeit“, sagt sie. „Je mehr es auf das Produktionswochenende zuläuft, desto stressiger wird es. Am anstrengendsten ist dann der Umbruch, wenn wir das Heft layouten und zusammenbauen. Dann rauchen die Köpfe und wir bleiben bis spät in die Nacht hier, dann ist klar, keiner geht nach Hause, ehe das Heft fertig ist.“
Vier Wochen dauert ein normaler Produktionszyklus bei den LN. An drei Sitzungen werden die Themen ausgewählt und AutorInnen gesucht. Eine Woche vor Umbruch ist dann Redaktionsschluss und es wird mit dem Redigieren der Texte begonnen, bevor am Umbruchwochenende das gesamte Heft gelayoutet wird. Nur in der Sommerpause, zwischen zwei etwas dickeren Doppelausgaben, ist mehr Luft. Dann finden die „Sommersitzungen“ statt, in denen ausgebildete JournalistInnen – oft ehemalige Redaktionsmitglieder – Tipps und Tricks zum Handwerk vermitteln. Dieses Jahr fanden vor allem Layoutschulungen statt. Denn die vierhundertste Nummer soll in gänzlich neuem Glanz erscheinen.
Der Umbruch ist noch drei Wochen hin, heute geht es um die Grobplanung für das nächste Heft. Nach und nach trudeln Leute ein und setzen sich rund um den Tisch. „Wir sind ja ein mageres Ründchen heute“, sagt Olga, „aber es sind ja auch Semesterferien.“ Dann gibt es eine Vorstellungsrunde. Am Tisch sitzt Sabina, die zum ersten Mal dabei ist: „Ich studiere Lateinamerikanistik im achten Semester und wollte bei euch mitmachen.“ Ihre Mutter ist Chilenin und ihre Familie hat die LN schon lange abonniert. Katja neben ihr ist auch neu. Eigentlich kommt sie aus Bremen. Katja pendelt momentan zwischen Hamburg und Berlin und weiß nicht, wie regelmäßig sie in Zukunft kommen kann. Santiago dagegen kommt schon seit ein paar Monaten regelmäßig. Der 29-Jährige ist an unterschiedlichen Orten in Lateinamerika groß geworden, arbeitet als Fotograf und betreut bei den LN das Bildarchiv. Mathias ist seit zwei Jahren dabei. Er hat Umweltwissenschaften studiert und interessiert sich vor allem für Peru und den andinen Raum. Thomas ist relativ neu und fliegt auch bald wieder nach Mexiko. Er hofft, von dort aus ab und zu etwas schreiben zu können. Dann sitzt auch noch Anne am Tisch, die schon „ewig dabei“ ist, seit 1999. Die 29-Jährige hat gerade mit ihrer Promotion begonnen.
Gemessen an der Geschichte der Zeitschrift sind selbst die Ältesten im Redaktionskollektiv noch nicht wirklich lange dabei. Die LN wurden 1973, noch vor dem Militärputsch gegen die sozialistische Regierung Allende, als „Chile Nachrichten“ gegründet. Von den Gründungsmitgliedern arbeitet schon lange niemand mehr fest mit. Die Redaktion erneuert sich seit über 30 Jahren stetig, das Durchschnittsalter hat sich seit damals kaum verändert.
Dann beginnt die Sitzung. „Geht jemand an die Tafel?“, fragt Olga. „Anne macht das doch immer gerne.“ Anne hockt sich auf eines der zusammengestückelten Sofas, die an den Wänden stehen, die Kreide in der Hand. Was gibt es Aktuelles? Was ist Wichtiges passiert in Lateinamerika? Anne füllt mit kleinen Buchstaben eine Reihe nach der anderen an der Tafel. Jeder Beitrag für das nächste Heft bekommt einen Namen, es gibt eine Spalte für den Autor oder die Autorin und eine angestrebte Seitenzahl.
„Argentinien hat einen neuen Bürgermeister“ sagt Olga. Anne schreibt das auf. „Da war heute auch was in der taz.“ Katja fragt nach: „Wo in Argentinien?“ Olga lacht. „Buenos Aires hat einen neuen Bürgermeister, muss es natürlich heißen.“ An der Wand in der Konferenznische hängt eine Landkarte von Südamerika und ein Jahresplaner von 2007. Der Teppichboden ist alt, hell und fleckig. In Regalen ringsherum stehen Sammelordner vom Archiv des Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL), auf denen Schlagworte wie „Chile“, „Kuba“, „BRD“ stehen. Auf dem Tisch Kaffeetassen und Mineralwasser.
Bevor es mit der Heftplanung weitergeht, kommt ein Überraschungsgast. Pascal wollte eigentlich zum Attac-Treffen. Attac teilt sich neben dem FDCL, Blue 21 und dem Fairtrade-Versand Ökotopia die Etage mit den LN. Doch er kommt einen Tag zu spät. Einen Moment lang steht er unschlüssig neben dem Tisch und sagt dann: „Aber was ihr macht, ist auch ein interessantes Thema für mich, darf ich mich setzen?“ Alle lachen, Pascal setzt sich und weiter geht´s: „Noch was Aktuelles zu Bolivien“ sagt Olga, „wir haben da ein Angebot von zwei Menschen, die gerade in Bolivien waren. Klingt sehr interessant, ist aber noch nicht klar, ob das zu dieser Ausgabe noch klappt.“
Einen Raum weiter, in der offenen Küche, steht Anna und spült Geschirr. Die Küche sieht aus wie eine WG-Küche, es gibt einen Gasherd und einen E-Herd, einen großen Kühlschrank auf dem eine Reihe Mate-Packungen liegen. Neben der Spüle baumelt eine rote Wärmflasche, auf der Arbeitsfläche liegen ein paar Äpfel und an der Wand hängen Soli-Plakate aus der Hausbesetzerszene neben einem Poster aus der Medizini-ApothekenZeitung.

Anna und Regina sind die einzigen, die nicht unentgeltlich arbeiten. Sie teilen sich die 30-Stunden-Stelle im Büro. Anna ist 30 Jahre alt, hat eine kleine Tochter und ist seit vier Jahren bei LN, seit zweieinhalb Jahren im Büro. „Ich finde es gut, ohne Hierarchien zu arbeiten und mir die Arbeit so flexibel in den Alltag einplanen zu können.“ Anna war nach der Schule und während ihres Studiums viel im Ausland, auch in Südamerika. Die meisten, die zum festen Kern der LN gehören, haben eine mehr oder weniger feste Verbindung nach Lateinamerika, haben mehr oder weniger lange dort gelebt. „Ich war während meines Studiums in Madrid, Barcelona, in Holland, in Zürich und in Reutlingen. Gleich nach der Schule in Nicaragua und mit dem ASA nach dem Studium in Ecuador.“ Immer wieder geht es auch um die Wirtschaftlichkeit der Zeitschrift. Aber das stehe nicht im Vordergrund, sagt Anna, „in erster Linie wollen wir ein gutes Heft machen, hinter dem wir stehen können. Natürlich sind wir darauf angewiesen, die LN zu verkaufen. Wir finanzieren uns ja nahezu ausschließlich über die Abos. Zum Glück gibt es treue AbokundInnen. Aber inhaltlich wollen wir uns nicht davon abhängig machen, was sich am besten verkaufen würde.“ Anna hat Betriebswirtschaft studiert. Jetzt will sie wieder zu der Sitzung zurück. „Die Redaktionstreffen sind das Herzstück unserer Arbeit. Wenn ich da nicht hingehen würde, das wäre absurd. Erst auf den Treffen ist so richtig zu spüren, dass wir ein Kollektiv sind.“
Annas Kollegin Regina sitzt noch im großen Arbeitsraum an einem der neun Rechner. Sie hat kurze blonde Haare, ist 35, hat Altamerikanistik studiert und schreibt gerade ihre Magisterarbeit. Regina ist eine von denjenigen, die schon am längsten mit dabei sind: seit 1994. „Es hat sich einiges geändert“, sagt sie. „Es gibt nicht mehr ganz so viele Grundsatzdiskussionen, wie noch vor zehn Jahren. Dafür ist die Themenvielfalt größer geworden. Und die Fluktuation hat zugenommen. Früher sind die Leute länger dabei geblieben und haben kontinuierlicher mitgearbeitet. Heute haben die StudentInnen viel mehr Druck im Studium.“
Um möglichst viel Bürozeit anbieten zu können und trotzdem auch gemeinsam im Büro zu sein, haben sich Regina und Anna ein System ausgedacht, bei dem am Dienstag der „Laden dicht ist“ und sie den ganzen Freitag gemeinsam im Büro sitzen. Immer wieder kommen dann Redaktionsmitglieder vorbei – „man ist fast nie alleine“. Anna und Regina machen die Buchhaltung, die LeserInnenbetreuung, verwalten die Abos und die gesamte Büroorganisation. „Alles abseits des Redaktionellen“, so beschreibt Regina ihre tägliche Arbeit.
Bei der Heftplanung rund um den Konferenztisch geht es mittlerweile um die Rezensionen. Anne hat schon fast die ganze Tafel voll geschrieben, das Heft ist in Gedanken schon komplett. „Wer will diese CD rezensieren?“ fragt Olga. „Hier ist eine fertige Rezension von Tina, die kann schon in die Erstkorrektur. Wer macht das?“ Katja meldet sich. „Es gibt doch auch noch eine Zweitkorrektur?“, fragt sie zögernd. „Die gibt es“, sagt Thomas. Dennoch solle sie so redigieren, als gebe es keine zweite Korrektur, Fehler schlichen sich trotz allem immer wieder ein. Korrekturlesen heiße nach Rechtschreibung gucken, aber auch, dass alles Sinn macht und es keine Bandwurmsätze gibt. „Gerade bei WissenschaftlerInnen ist das oft ganz furchtbar“, lacht Mathias. „Und dann kannst du den Text auch gleich auf Länge bringen. Es kann auch mal sein, dass man inhaltlich mit etwas nicht einverstanden ist.“ Katja steckt den Artikel ein. Zu den Redaktionsprinzipien gehört, dass neue Leute sofort Aufgaben übernehmen können.
„Ich gucke mal, dass ich bis zum nächsten Mal eine Seitenplanung hinbekomme“, sagt Olga. Dann gibt es zum Ende der Sitzung noch eine inhaltliche Debatte. Um das Editorial. In eigener Sache. Die LNer sind sich noch uneinig, ob sie dem Berliner Soziologen Andrej H., der als angeblicher Vordenker der militanten gruppe auf Grundlage des Paragraphen 129a StGB verhaftet wurde, die erste Seite widmen wollen, oder ob es um das LN-Jubiläum gehen sollte. Letztendlich wird das nicht mehr ausdiskutiert. „Um die Entscheidung zu treffen, sind wir heute zu wenige“, sagt Olga. „Das besprechen wir beim nächsten Mal. Wer kommt noch mit in die Kneipe?“ Olga schiebt die Papierstapel auf dem Tisch zusammen. Jemand schließt das Fenster. Draußen ist es dunkel geworden und auf den Kirchtürmen am Mehringdamm sind zwei rote Lichter angegangen.

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