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„Es ist die Ungerechtigkeit selbst, die uns antreibt“

Seit 20 Minuten stehe ich mit meinen ­­­­­Begleiter_innen vor dem verschlossenen Gittertor in der prallen Mittagssonne. Endlich winkt uns ein bewaffneter Wachmann herein, nachdem er einen anderen Besucher wegen seiner „zu dunklen Hose“ abgewiesen hat. Der Mann versucht noch zu argumentieren, wird aber bald vom Wachmann ignoriert. Wir müssen unsere Personalien angeben, werden durchsucht, bekommen einen Stempel auf den Unterarm und passieren die letzte Schleuse. Das schwere Gittertor fällt mit einem Knall hinter uns in die Verriegelung. Vor mir erstreckt sich der ­Innenhof des Gefängnisses CERSS No. 5 in Chiapas nahe San Cristóbal de las Casas.
Hier sitzen rund 500 Männer und Frauen ihre bis zu lebenslangen Haftstrafen ab, etwa 80 Prozent von ihnen sind Indigene. Ebenso wie alle zehn Mitglieder der Gefangenenorganisation La Voz del Amate, Die Stimme aus Amate. Amate ist ein Hochsicherheitsgefängnis in Chiapas, wo die Oganisation gegründet wurde. Seit 2006 setzt sich La Voz del Amate für die Rechte der Inhaftierten ein. Ihr Sprecher ist der politische Gefangene Alberto Patishtán.
Mit einem breiten Grinsen kommt uns Alberto entgegen, umgeben von anderen Besucher_innen und seinen gut gelaunten Compañeras von La Voz. Alberto ist ein charismatischer Mann Anfang 40. Seit über zwölf Jahren ist er in Haft – „Weil ich für die armen, indigenen Compañeros gekämpft habe. Und weil ich die Wahrheit gesagt und die Justiz kritisiert habe“, erklärt er mir. Offiziell wurde er verhaftet, weil er an einem Hinterhalt beteiligt gewesen sein soll, bei dem sieben Polizisten zu Tode gekommen sind. Doch das glauben nur mehr die wenigsten. Viel wahrscheinlicher ist, dass ­Alberto durch sein jahrelanges Engagement für die Autonomie der Indigenen und gegen ­Korruption in seiner Gemeinde ein leichtes Ziel lokaler Autoritäten war. Keine Seltenheit in Chiapas.
Sonntag ist Besuchstag im CERSS No. 5. Der durch Zäune geteilte Innenhof gleicht einem Jahrmarkt: Laute Musik, Bierbänke sind unter Sonnenschutz aufgestellt und einige Männer bieten selbst hergestellte Hängematten, Gürtel oder Geldbörsen zum Kauf an. Auch die Mitglieder von La Voz del Amate fertigen Hängematten an, um für sich und ihre Familien etwas Geld zu verdienen. In einem abgegrenzten Bereich mit Sonnenschutz empfangen sie ihre Besucher_innen, es gibt Kaffee und nebenbei beginnt einer der Häftlinge das Essen zuzubereiten. „Das ist auch etwas, das sie sich erkämpft haben. Sie bekommen die Zutaten und können ihre Gerichte selbst zubereiten“, erklärt mir Patricia, eine Besucherin. „Das Gefängnisessen hier ist wirklich sehr schlecht“, fügt Alberto hinzu und beschreibt damit eine globale Konstante. Eine weitere Konstante scheint die mangelnde medizinische Versorgung in Gefängnissen zu sein, so auch hier in Mexiko, wie Alberto am eigenen Leib erfahren musste: „Heute sehe ich wieder bis zu 70 Prozent“, freut er sich. „Adäquat behandelt wurde ich erst, nachdem dies alle im Gefängnis für mich eingefordert haben. Meine Bitten wurden davor drei Jahre lang ignoriert.“ Zum damaligen Zeitpunkt war Alberto aufgrund der fehlenden ärztlichen Behandlung seines Grauen Stars fast vollständig erblindet. Seine Freund_innen von La Voz haben ihn auch in diesem Kampf unterstützt.
Bekannt geworden ist La Voz del Amate, weil sie Fälle von Folter in ihrem Gefängnis öffentlich machte und sich der „Anderen Kampagne“ der Zapatist_innen angeschlossen hat. Die Andere Kampagne vereinigte indigene und nicht-indigene zivilgesellschaftliche Initiativen zum Widerstand von „links und unten“. 2008 organisierten Angehörige von La Voz einen Hungerstreik, der die Freilassung von 47 Häftlingen erreichte, nachdem er sich auf zwei weitere Gefängnisse ­ausgebreitet hatte. Alberto jedoch wurde nicht freigelassen. Vor zwei Jahren wurde er wegen der Beteiligung an einem weiteren Hungerstreik in ein 2.000 ­Kilometer entferntes Hochsicherheitsgefängnis im Nordwesten Mexikos, nach Sinaloa, verlegt – in Isolationshaft. „Es brannte 24 Stunden das Licht und ich war 22 Stunden am Tag in meiner Einzelzelle eingesperrt.“ Nach vehementen Protesten von Unterstützer_innen wurde Alberto acht Monate später wieder zurück nach Chiapas verlegt.
Wie viele andere wurde auch er nach seiner Festnahme gefoltert: „Sie haben gesagt, sie erschießen meine ganze Familie. Das ist psychische Folter.“ Die meisten anderen Mitglieder der Gruppe haben Ähnliches erlebt. „Wasser mit Chili wurde ihnen unter die Fingernägel oder in die Nase gespritzt oder sie wurden mit Stromstößen misshandelt. Das ist hier normal“, erklärt der ehemalige Lehrer.
Alberto zählt sich zu den Tzotzil, einer der größten indigenen Sprachgruppen des Bundesstaates. Durch die Tatsache, dass viele Indigene ausschließlich Tzotzil, Tzeltal, Cho‘l oder andere indigene Sprachen sprechen, sind sie am Arbeitsmarkt benachteiligt, haben Probleme bei Behördengängen. Schätzungen zufolge sind 30 Prozent der Indigenen zudem nicht alphabetisiert. „Gegen Indigene gab es bis 1994 viel Rassismus. Danach ist es viel besser geworden“, so Alberto. Damals sind Chiapas‘ Indigene erstmals organisiert an die Weltöffentlichkeit getreten. Unter dem Motto „Ya Basta!“ (Es reicht!) wurden in der Silvesternacht 1994 fünf Städte in Chiapas für mehrere Tage von den bewaffneten Männern und Frauen der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) besetzt, hunderte politische Gefangene befreit und Großgrundbesitzer_innen vertrieben. Bis heute wurden zirka 100.000 Hektar Land besetzt, die nach wie vor von Kleinbauern und -bäuerinnen bewirtschaftet werden.
Die jüngste Initiative der Zapatist_innen, das Netz gegen Repression, setzt sich auch für die Freilassung von Alberto Patishtán ein. Die große Hoffnung auf eine positive Entscheidung durch den Obersten Gerichtshof Mexikos wurde Anfang März enttäuscht. Das Gremium erklärte sich für das Verfahren unzuständig und verwies ihn an ein lokales Gericht. Dort soll Albertos Fall nach fast 13 Jahren Haft erneut verhandelt werden. Doch es ist keine Gerechtigkeit zu erwarten, wie seine Unterstützer_innen befürchten. Auch Amnesty International kritisiert die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs und das in San Cristóbal ansässige Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas ruft dazu auf in den nächsten Wochen den zuständigen Politiker_innen Protestpostkarten zu schicken.
La Voz del Amate vertraut in jeder Hinsicht auf die gegenseitige Solidarität: „Unsere Organisation unterstützt nicht nur ihre Mitglieder, sondern sieht auch eine wichtige Aufgabe darin, ihre Stimme den anderen zu leihen, für andere zu kämpfen, die inhaftierten Compañeros zu verteidigen“, so Alberto. „Unsere grundsätzliche Einstellung ist, immer die Freiheit zu fordern und gegen die alltäglichen Ungerechtigkeiten Widerstand zu leisten.“
Doch woher nehmen die Gefängnisaktivist_innen ihre Kraft? „Einerseits aus dem Glauben, den wir in die Kirche, in Gott, haben. Und das andere, das uns antreibt und bei Kräften hält, ist die Ungerechtigkeit selbst. Diese nährt unseren Widerstand, unseren Mut inmitten dieses Systems mit all seinen Ungerechtigkeiten gegen unsere Familien.“ Unterstützt wird La Voz del Amate von Freund_innen und solidarischen Menschen außerhalb des Gefängnisses, auch durch wöchentliche Besuche, wie mir Cecilia, eine langjährige Freundin Albertos erzählt: „Das Gefängnis existiert einerseits, um zu bestrafen und andererseits, um einen Teil der Gesellschaft zu isolieren. Sobald wir von ihnen sprechen, für sie da sind und sie besuchen, brechen wir damit eine Intention der Haft auf. Auch weil ich Psychologin bin, weiß ich, dass Langzeitgefangene viele psychische Schäden durch die Haft erleiden. Daher ist es einerseits ein Kampf gegen die Ungerechtigkeit und andererseits für die Erhaltung der mentalen Gesundheit der Gefangenen.“
Spätestens als mir Benjamín und Juan, zwei Aktivisten von La Voz, ihre Zelle zeigen, kann ich mir gut vorstellen, was Cecilia meint: Täglich ab 17 Uhr werden die 500 Gefangenen in einer großen Halle eingesperrt, wo sich auch die Zellen befinden. Ohrenbetäubender Lärm begleitet uns, während wir uns durch die Gänge an unzähligen Häftlingen vorbei drängen, ein Gespräch ist kaum möglich. Die Zelle selbst, eigentlich zwölf dicht aneinander gedrängte Schlafstellen, lässt den Inhaftierten keinerlei Privatsphäre. Vier von ihnen können in ihrem Bett nicht einmal aufrecht sitzen. Albertos Platz ist zwar am geräumigsten, doch auch nicht größer als ein Einzelbett. „Señor Patishtán hat den Chef-Platz, weil er schon am längsten hier ist,“ grinst Pedro und rollt sich demonstrativ in seine winzige Schlafstelle in das unterste Bett.
Es ist bald 17 Uhr, immer mehr Besucher_innen machen sich auf den Heimweg, der Gefängnishof leert sich langsam. Auch wir machen uns bereit für die Rückfahrt. Letzte Vereinbarungen werden getroffen, viele Umarmungen ausgetauscht. Die anfangs noch so ausgelassene Laune weicht einer bedrückten Stimmung. Für die Häftlinge im CERSS No. 5 kehrt der Alltag wieder ein, verschlossene Türen und entwürdigende Behandlung durch die Wächter.
Ich blicke ein letztes Mal zurück während ein bewaffneter Wächter meinen Stempel kontrolliert, der Besucher_innen von den Inhaftierten unterscheidet. Hinter mir fällt das schwere Metalltor ins Schloss, das mich jetzt von meinen neuen Compañer@s trennt. Der vor Stunden abgewiesene Besucher steht noch immer vor dem Eingangstor. Anscheinend konnte er durchsetzen, dass er Essen für seinen inhaftierten Verwandten abgeben darf. Er ist also nicht vollkommen umsonst angereist.

Weitere Infos: http://albertopatishtan.blogspot.com

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