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Im Zeichen einer Poesie der Gegenwart

“Wer kann sich heutzutage, ohne ein gewisses Unwohlsein, hinsetzen und ein Gedicht schreiben, ein Kunstwerk erschaffen? Wir schreiben, notieren, nehmen wahr. C‘est tout. Das andere überlassen wir jenen immunen Wesen, die der Wahnsinn unserer Ära, der offensichtliche menschliche Niedergang, die Zerstörung des Planeten, nicht erschüttern kann; jenen, die immer noch an das fertige Gedicht, das schöne Objekt, das Kunst-Ding glauben.”
Es scheint schwer zu glauben, dass ein Dichter solche Worte über Dichtung und die Rolle des Schriftstellers sagt. Rafael Cadenas ist zwar die gegenwärtige, sehr problematische Beziehung zwischen der Wirklichkeit und der Arbeit des Schreibens bewusst. In der Tat macht er keinen Unterschied zwischen beidem, denn die Sprache ist nicht nur Teil des Lebens, sondern sie ermöglicht auch unsere Kenntnisse der Welt und deren Verstehen. Sprache gehört zu der Gesamtheit, die sie versucht, auszudrücken und vor der sie ständig flieht. Dichtung ist eine untrennbare Vereinigung von Denken und Sprache, die ineinander greifen und erst so Form annehmen. Trotz dieser Verfolgung prägt die Welt unsere Wörter mit Eindrücken von Krieg, Durst, Liebe, Unheimlichkeit und Ideen. Von dieser Symbiose spricht Cadenas in einem seiner Gedichte: „Wir steigen aus einer Erzählung auf, um zu leben./ Vor dem Sein waren wir Darsteller (…)/Der blasse Gedanke hielt uns schwebend über der Erde./Danach waren alle Orte Königreiche.“ Und darum darf heutzutage der Dichter nichts anderes tun, als Kommentare, Anmerkungen oder Skizzen schreiben, weil es absurd scheint, nur ästhetischen Aspekten im Gedicht Beachtung zu schenken, wenn die Realität ohne Dekor und manchmal sogar ohne Schönheit direkt zu uns kommt. Fragmente statt des modernen abgeschlossenen Werkes. Nacktheit, Präzision und Tiefe der lyrischen Sprache gegen Oberflächlichkeit, Dunkelheit und Manipulation der Leitkultur durch das Fernsehen.
Cadenas stellt die Rolle der Dichtung in unserer Gesellschaft dar und gleichzeitig wird seine Lyrik schlichter, präziser und kürzer; als ob, während der Kritiker die Probleme zeigt, der Dichter Lösungen dafür anwenden würde oder umgekehrt. Die Menschlichkeit geht im Laufe der Technisierung des Lebens verloren, und das erste Symptom dafür ist die Armut unserer Worte. Sprache funktioniert als Brücke zwischen uns und der Vergangenheit, ist existenzielle und kulturelle Wurzel des Daseins. Auf der anderen Seite ist sie die Referenz, die uns auf einer verändert scheinende Welt bestehen lässt: „Meine Häutungen verwandeln mich zur Inexistenz./Nur eine Stimme bin ich, eine Stimme, die sich auch verwandelt.“
Die Verarmung der Sprache führt zur Schwächung der Individuen, eine Schwächung ihrer Selbstbestimmtheit, Freiheit und Rationalität und ist eine Konsequenz der Krise der Gesellschaft, die durch Konsumpropaganda und utilitaristische Bildung vertieft wird. In diesem Sinne kann die Dichtung Widerstand gegen die Mechanisierung des Menschen und den Herdentrieb sein. Zu diesem Thema veröffentlichte Cadenas auch einige Artikel in Lenguaje y realidad auf den Spuren von Autoren wie Karl Kraus, Rilke, Pedro Salinas und George Orwell, die sich auch mit der Wichtigkeit der Sprache als letzte Heimat des Daseins in diesem Kontext befassten. Cadenas folgt ihrer Meinung, wenn sie versuchen, das alltägliche Sprechen zu erklären und zu verbessern. Es geht allerdings nicht um die Dekadenz unserer Kultur, beziehungsweise die Permanenz einer Hochsprache, und auch nicht um die bürgerliche Geste, womit man den eigenen Status Quo voreinander zeigt. Ganz im Gegenteil handelt es sich um die Beziehung zwischen Denken und Sprache. Was wir denken können und was wir sagen, hängt wie ein einziger unzerreißbarer Faden zusammen. Darum ist es sinnvoll, sich um die Art des Sprechens zu kümmern. Darum kämpft der Dichter als Individuum nicht nur gegen die Isolation dieses Fadens sondern auch gegen Klischees, Stereotypen und die Spaltung zwischen Denken und Dichten. Allerdings gibt es in diesem Kampf weder Gewinner noch Besiegte – nur Kontrast: „Dichter überzeugen nicht./Sie siegen auch nicht./ Ihre Rolle ist eine andere, fern der Macht: Kontrast sein.”
Rafael Cadenas, geboren 1930 in Barquisimeto, Venezuela, veröffentlichte 1946 sein erstes Buch Cantos Iniciales. Aufgrund eines von Marcos Pérez Jiménez geführten Militärputsch ging der Dichter vier Jahre lang ins Exil. Während seines Aufenthaltes in Trinidad schrieb er das Buch La isla (1958). Zurück in seiner Heimat wurde sein bekanntestes Gedicht Los Cuadernos del destierro (1960) veröffentlicht. Danach erschienen Sachbücher über Literatur und Sprache, sowie mehrere Gedichtbände wie z. B. Realidad y Literatura (1979), En torno al lenguaje (1985), Gestiones (1992) oder Apuntes sobre San Juan de la Cruz y la mística (1995). Rafael Cadenas hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, unter anderen den Staatlichen Literaturpreis (1985) und den Internationalen Pérez Bonalde-Preis für Poesie (1992).
Im Jahr 2002 wurden einige seiner Gedichte in der Sammlung Poesie venezuelienne du XXe siecle (Verlag Editions Patino) in Deutschland veröffentlicht. Zuletzt nahm er am IV. Festival Lateinamerikanischer Poesie (vom 15. bis zum 19. Mai 2007) in Wien teil.

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