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“Manchmal, wenn du in einer Menschenmenge bist, fühlst du dich allein”

„Mein vollständiger Name ist Lúcio Antonio Bellentani. Ich bin 68 Jahre alt. Ich war Mitglied der Brasilianischen Kommunistischen Partei. Ich trat im September 1964 in die Partei ein. Mein Vater kam zur Zeit der Diktatur von Getúlio Vargas ins Gefängnis, weil er auch Mitglied der Brasilianischen Kommunistischen Partei war. Er war damals auch städtischer Abgeordneter. In die Partei einzutreten, das war für mich Anlass, sehr stolz zu sein, da schon mein Vater an diesem Kampf teilgenommen hatte, in diesem Kampf aktiv war.
Zu jener Zeit arbeitete ich bei Volkswagen, in São Bernardo, und dort fing auch mein Aktivismus an. Wir begannen die Organisation der Parteibasis in der Fabrik von São Bernardo do Campo und dies hatte in der Partei ziemlich großen Widerhall. Wir waren dort sehr gut organisiert. 1970 beispielsweise half ich mit, da war ich einer der Organisatoren der Oppositionsgruppe gegen die Gewerkschaftsleitung von São Bernardo do Campo. Das war die erste Wahl, bei der Lula als Ersatzkandidat der Gewerkschaft antrat. Damals war er der letzte auf der Wahlliste und ich war Teil dieser Oppositionswahlgruppe.
1972 passierte das mit dem Gefängnis. 1972 wurde ich innerhalb des VW-Geländes verhaftet. Ich war am Arbeiten und es kamen da zwei Typen mit Maschinenpistole, die drückten sie mir in den Rücken, legten mir sofort Handschellen an. Das war so gegen 23 Uhr. Als ich dann in den Raum der Sicherheitsabteilung von Volkswagen kam, fing gleich die Folter an: ich habe gleich Prügel bekommen, musste Ohrfeigen und Faustschläge einstecken. Da wollten sie schon wissen, ob es bei Volkswagen noch wen gäbe. Damals bestand die Parteibasis bei Volkswagen aus ungefähr 250 Personen.
Sie brachten mich ins Gefängnis, ins [Folterzentrum] DOPS. An diesem Tag waren es nur so zwei Stunden Prügel, dann warfen sie mich in eine Zelle und erst am nächsten Tag holte mich die Mannschaft ab, es war die Truppe des Kommissars Delegado Acra. Am nächsten Tag übergaben sie mich der Truppe des Kommissars Delegado Fleury, der mich in einen riesigen Saal im dritten Stockwerk des DOPS setzte. Da war ein Schreibtisch und ein Stuhl in der Mitte, man setzte mich da hin, und der Fleury war so 15 Minuten lang total still, schaute mich an und ein halbes Dutzend von Folterern [standen] da hinter ihm. Dann sagte er auf einmal zu mir: ‘Hör zu, weißt Du, wer der Ober von Santa Ceia war? Und wenn Du es nicht weißt, dann wirst du es uns hier [trotzdem] sagen‘.
Ab da ging das richtig los, also, pau-de-arara (Folter an der Papageienschaukel, Anm. d. Übersetzers), auf meinem Kopf, an den Händen, an den Füßen zerbrachen sie einige dieser Rohrstöcke, ich verlor etliche Zähne. Das ging dann an die 45 Tage so weiter, weil, es war Folgendes: Sie wussten, dass die Basis der Partei innerhalb von Volkswagen groß war, aber während dieser 45 Tage waren dort nur der, der mich verraten hatte, und ich, und er kannte die Organisation nicht als ganze, weil wir uns in kleinen Gruppen organisierten, und ich, nur ich, kannte sie alle.
Nach 45 Tagen brachten sie dann den, der mich verraten hatte, in die Fabrik und er lief da lang und zeigte auf alle, die er kannte; selbst so erwischten sie nur zehn Personen. Nur zehn Personen wurden verraten, verhaftet und gefoltert.
Glücklicherweise schaffte ich es, die gleiche Aussagelinie vom ersten Moment bis zum Ende durchzuhalten und so blieb es dann dabei.
Zu diesem Zeitpunkt war die Sache so: Die companheiros, die am meisten gefoltert worden waren, die am meisten verfolgt worden waren, waren die, die in der Guerilla aktiv waren, in der Stadtguerilla, in der Guerilla von Araguaia, also die Leute aus dem bewaffneten Kampf. Die wurden am meisten gefoltert.
Nach vier Monaten im DOPS brachte man mich dann ins [Folterzentrum] OBAN. Ich kam da an, und der Capitão, der da war – ich weiß nicht wer, er war so ein dunkler Typ – kam zu mir, schaute mich an und löste [meine Fesseln]; er war wütend, weil – nach vier Monaten –, was soll man da von ‘nem Typen noch wollen? Da kann man mit ihm nichts mehr machen und all das, was sie schon zu Beginn haben konnten, das hatte nach vier Monaten keinen Wert mehr. Also schickten sie uns zurück ins DOPS.

Lúcio Bellentani bei seiner Zeugenaussage. Foto: Verena Glass

Lúcio Bellentani bei seiner Zeugenaussage.
Foto: Verena Glass

Am Abend bevor sie mich ins Gefängnis bringen sollten, kamen sie zu mir in meine Zelle, um ein Uhr morgens, um mich zu holen, sie brachten mich in den dritten Stock. Da kam dann einer mit einer Seilrolle, einigen Maschinenpistolen, Handschellen und sagte: ‘Heute werden wir noch einen Schinken in Sapopemba haben‘ (Sapopemba ist ein Stadtteil im Südosten von São Paulo. Gemeint ist ‘Wir machen heute Hackfleisch aus Dir.‘, Anm.d. Übersetzers). Ich dachte: Ich glaub, das war‘s. Ich war der einzige da. Sie nahmen mich und wollten wissen, wo ein Junge wohnte, der bei Mercedes in São Bernardo do Campo arbeitete.
Damals, 1972, war da bei Mercedes eine einzige Brachfläche, da gab es nichts, da war nur Mercedes. Sie brachten mich da hin, die Hände mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt, legten das Seil um meinen Hals, knüpften und zogen die Schlinge zu, gingen um mich herum, zogen mich im Kreis über den Boden, und wollten wissen, wo das Haus des Jungen sei. Ich stand auf, da gaben sie eine Salve mit der Maschinenpistole ab, aber es waren keine Kugeln, sondern nur Platzpatronen. Dann steckten sie mich wieder in den Wagen, da kam dann einer und sagte: ‘Schau, die da hinten quatschen gerade. Nutz‘ deine Chance und lauf‘. Ich sagte: ‘Wenn Ihr mich töten wollt, ermordet mich hier drin in dem Wagen, wegrennen werde ich nicht.‘ Da legten sie mir erneut Handschellen an und brachten mich wieder ins DOPS.
Zu meiner Überraschung brachten sie mich am nächsten Tag ins Gefängnis Tiradentes, nachdem ich sechs Monate im DOPS gewesen war. Dort lernte ich Martinelli kennen, der mich dort in Empfang nahm, ich kam direkt in seine Zelle, er begrüßte mich und wir waren dort gemeinsam für eine Zeit. Ein Jahr lang wartete ich auf den Prozess, und als das Urteil fiel, da waren im gleichen Prozess Luiz Carlos Prestes und Anita Leocádia Prestes angeklagt, die uns damals unterstützt hatte, sie hatte sogar mal bei uns im Haus gewohnt. Es kam zum Urteil, aber wir alle wurden wegen mangelnder Beweise freigesprochen. Ich wurde frei gelassen.
Ein Jahr später – ich wohnte zu dieser Zeit im Vale do Paraíba und arbeitete bei Erikson – da kam ein companheiro aus São Paulo zu mir nach Hause mit der Zeitung Folha de São Paulo in der Hand, in der stand, ich sei in Brasília zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Ich sagte: ‘Okay, ich weiß nicht so recht, ich werde mich nicht stellen, ich hau einfach irgendwohin ab.‘ Meine Anwältin aber, Dra. Rosa, die hier in der Wahrheitskommission sitzt, sie und Dr. Belizário waren meine Anwälte, und sie sagten: ‘Geh‘ und stell dich, denn da Du schon ein Jahr gesessen hast, kann es maximal 15, 20 Tage dauern.‘
Aber sie fanden bei dem Prozess heraus, bei der Berufung der Anklage, die mich verurteilt hatte – da gab es eine Empfehlung von Fleury –, die sagte, ich sei der einzige gewesen, der zu keinem Zeitpunkt mit der Repression zusammengearbeitet hätte. Also wurde ich verurteilt und blieb noch fast ein Jahr in Haft. Zehn Monate lang blieb ich dort; zwei Monate in Freiheit unter Auflagen. Sie entließen mich [die ganze Zeit] nicht in die Freiheit, ich ging zum Gefängnisrat und sie entließen mich einfach nicht, ich sollte da vermodern. Und der Name, unter dem ich dort geführt wurde, und den der Herr Martinelli mir gab, war ‚Tourist‘.
Ich wusste nicht einmal, warum ich da noch war, weil, ich war ja schon freigesprochen und hatte das Recht auf meine Freiheit und all das. Dieses Mädchen, das ist meine Tochter, hat im Gefängnis das Laufen gelernt, denn als ich verhaftet wurde, war sie drei Monate alt und meine Frau wurde am folgenden Tag auch verhaftet. Es gab sie und noch zwei weitere Brüder. Sie kamen einfach in mein Haus, nahmen meine Frau und ließen die Kinder alleine. Nachdem sie da einen ganzen Tag alleine waren, merkten die Nachbarn das und halfen ihnen. Meine Frau wurde nicht gefoltert, sie blieb zweieinhalb Tage in São Bernardo, dann wurde sie freigelassen.
Ich weiß von companheiros, die viel mehr gefoltert wurden als ich, viel mehr traumatisiert sind als ich. Folter, das ist sehr schwer zu erklären, weil es da zu einem gewissen Moment kommt, in dem der physische Schmerz Dich nicht mehr umhaut; sie können Dich schlagen, Elektroschocks ansetzen, sie können machen, was sie wollen, aber Du spürst es nicht mehr. Aber dann kommt noch die moralische Frage, die psychologische, das ist eine ganz harte Nummer, und die Leute sagen manchmal: ‘Ach, nein, ich bin da durch, aber heute geht es mir gut.‘ Das ist eine Lüge, weil manchmal, wenn Du in einem Fahrstuhl bist, manchmal, wenn Du in einer Menschenmenge bist, fühlst Du dich allein. Es gibt eine Reihe von Traumata, die wir haben, und wir können Therapien machen, können machen, was wir wollen, das ist schwer zu erklären: es ist schwer, es ist schmerzhaft. Und es gibt diese Ohnmacht, weil, man bleibt total ohne Macht. Der Zynismus, die Gemeinheit, das ist so was Fieses, dass es wirklich absolut notwendig ist, dass man diese Wahrheit in Erinnerung behält und all das aufarbeitet, damit unsere Jugend davon weiß, Kenntnis davon hat, dass die Freiheit oder die Pseudofreiheit, die sie heute hat, dass da viel Geschichte dahintersteckt.“

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