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„Musik ist für mich politischer Aktivismus“

Wer hat dich am meisten beeinflusst bei dem, was du heute machst?
Vermutlich hatte den größten Einfluss mein Vater. Er ist Dichter und hat mir die ersten Akkorde auf der Gitarre beigebracht. Mein Vater ist in einem Kinderheim aufgewachsen. Er stand ganz unten in der Gesellschaft. Trotzdem hat er es geschafft, an die Uni zu gehen und ein Intellektueller zu werden. Für seine Umgebung hatte er künstlerisch und politisch, aber auch in Bezug auf die Familie eine antiautoritäre Einstellung. Ich war es gewohnt, dass mein Vater mit mir spricht wie mit einem anderen Erwachsenen. Aber sehr schnell bemerkte ich, dass am Ende doch er das letzte Wort hatte. Zum Beispiel beim Thema Schule: Ein guter Vater aus dem Armenviertel will unbedingt, dass seine Kinder gute Noten bekommen, um aus dem Ghetto rauszukommen. Mein Vater war sehr auf meinen Schulerfolg fixiert. Aber ich wollte selbst entscheiden, ob ich lerne oder nicht. Das war traurig, weil ich sehr gern gelernt habe. Lesen war eigentlich meine Lieblingsbeschäftigung. Obwohl ich immer gute Noten hatte, war mein Vater von mir enttäuscht, weil ich nicht immer der Beste sein wollte. Und ich war enttäuscht von ihm, dass das für ihn so wichtig war. Das hat uns zu großem Streit geführt.
 
Wie ging es danach weiter?
Mit zwölf habe ich die Schule abgebrochen und bin in ein zweites Gebäude umgezogen, das zu unserem Haus gehörte und wo wir die Leute aus dem Viertel unterrichtet haben. Dort habe ich sehr viel Zeit alleine verbracht. Für mich war es sehr wichtig und schön, so lange einsam zu sein. Dadurch habe ich bei anderen Leuten bemerkt, wie schnell sie sich an bestimmte gesellschaftliche Automatismen gewöhnten. Als ich in den USA studierte, war ich so lange Zeit nicht in der Schule gewesen, dass Disziplin für mich besonders schwer war. Aber nicht nur das, auch die verschiedenen Rollen, die Geschlechter, die Gewinner, die Verlierer, alles war fremd für mich.
 
Du spielst oft bei politischen Veranstaltungen. Wie bringst du Musik und politischen Aktivismus zusammen?
Ich bin niemand, der gerne vorne steht. Meine Rolle ist eher die des Künstlers im Hintergrund. Es gibt einen Unterschied zwischen politischer Musik und soziologisch-analytischer Musik. Ich schreibe keine propagandistische Musik, sondern Musik, die über ein bestimmtes Thema zum Nachdenken anregt, wobei man meine politische Richtung erkennt. Für mich ist die Musik selbst eine Art politischer Aktivismus. Ich habe ein Bedürfnis, an den gesellschaftlichen Bewegungen teilzunehmen und die Lage nicht nur vom Schreibtisch aus zu betrachten.
 
Was ist dir dabei wichtig?
Kritisch an die Denkstrukturen heranzugehen. Ich könnte mich nicht durch eine bestimmte politische Richtung definieren, aber zum Beispiel denke ich wirklich, dass eine sozialistischere Gesellschaft viel besser wäre als das, was wir gerade haben. Aber ich würde niemals sagen, ich bin Trotzkist oder Anarchist oder dies oder jenes. Das ist eine sehr zerstörerische Diskussion unter Linken, ein Dogmatismus, der nichts bringt, weil sich die Gesellschaft immer weiter entwickelt. Was mich interessiert, ist mehr Partizipation und eine wirkliche Demokratie. Die Institutionen sind total ideologisiert, zum Beispiel die Uni, die Arbeit, im Allgemeinen unsere Lebensziele im Kapitalismus. Wenn uns bewusst werden würde, dass sehr viele Denkweisen in uns erzwungen sind, würden wir uns vielleicht für andere Ziele entscheiden.

Welche Einflüsse gibt es in deiner Musik?
Es gibt keine Musikrichtung, die mir grundsätzlich nicht gefällt. Ich habe einen sehr starken Einfluss von La Trova, chilenischer Musik, Víctor Jara, Violeta Parra, und ganz klar von Silvio Rodríguez. Aber dann habe ich auch Rock gehört, Punk, Hip Hop und natürlich immer klassische Musik, die ich fast zehn Jahre meines Lebens studiert habe. Wer mich an der Gitarre sehr stark beeinflusst hat, ist Leo Brouwer, ein kubanischer Komponist für Gitarre, den man der sogenannten Neuen Musik zurechnet. Er war ein Pionier, weil er Stücke für Gitarre komponierte, die nicht romantisch waren. Lange Zeit wurde die Gitarre als klassisches Instrument nicht sehr ernst genommen.

Du bist während der Diktatur in Chile geboren. Was bedeutet es für dich, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein?
Ich bin aufgewachsen an einem Ort, der offensichtlich faschistisch war. Ich kann mich an bestimmte Sachen erinnern, die man als Kind nicht sagen durfte, Musik, die man leiser hören musste. Ich glaube, mein Vater hat uns, als ich ganz klein war, geschützt, zum Beispiel hat er mir einen Helm geschenkt und mit mir Soldat gespielt. Danach hat er mir gesagt, er wollte, dass wir nicht so auffällig wären, weil damals alle Kinder wegen der Propaganda Soldat werden wollten. Später hat mein Vater ganz offen über die Diktatur gesprochen, und über die Zeit davor. Denn darüber hat man überhaupt nicht mehr gesprochen. Ich habe einen Hass gegenüber Sachen, die ich gar nicht hassen sollte, aber die ich mit der Diktatur identifiziere, zum Beispiel bestimmte Popmusik. Die Kultur war sehr oberflächlich, weil die Musik und Kunst von davor verboten und zerstört waren. Und das war eigentlich die einzige interessante Kultur. 
 
In deinem Lied „Desde Alemania“ –„Von Deutschland aus“ – sagst du, du tätest nichts lieber, als in Chile dabei zu sein und für Veränderungen einzutreten. Inwieweit bist du im aktuellen Geschehen in Chile involviert?
Durch meine Musik versuche ich die Sachen, die ich für gut halte, zu unterstützen. Das machen wir durch verschiedene Organisationen von Chilenen. Zum Beispiel nehme ich an Veranstaltungen der Kommunistischen Partei teil, obwohl ich ihnen nicht immer zustimme. Normalerweise mache ich das ehrenamtlich, aber mein Preis ist, dass ich sagen darf, was ich will. Ich spreche auch hier über die Lage in Chile. In linken Kreisen wird sehr schnell idealisiert, was in Lateinamerika passiert, und ich finde es wichtig zu sagen, dass nicht alles so ist, wie man es sich vorstellt.

Wie schätzt du die aktuelle Lage in Chile ein?
Jetzt gibt es diese sozialistische Regierung von Michelle Bachelet. Sie diskriminiert zum Beispiel die Mapuche: Schon in ihrer ersten Regierungszeit benutzte Bachelet das Anti-Terror-Gesetz von Pinochet gegen sie – als Konsequenz sind zwei gestorben. Das ist eine Militarisierung. Diese
Regierung ist außerdem gefährlich für die sozialen Bewegungen. Es gab eine große Bewegung in den 80er Jahren, die zum Sturz Pinochets führte. Aber nachdem die Concertación an die Regierung gekommen war, hat die Bewegung aufgehört und der Neoliberalismus war so stark wie nicht einmal unter Pinochet. Zwanzig Jahre später hatten wir nochmal diese Situation, dass die Leute gegen einen wirklich rechten Präsidenten, Piñera, demonstrierten: Die Opposition war stärker, weil sie von Mitte bis Links reichte, man konnte Forderungen stellen und Druck auf die folgende Regierung ausüben. Daher kommen alle Reformen, die Bachelet – wie sie sagt – durchführen will. Aber jetzt ist die Opposition wieder gespalten.

Du bist nicht nur Musiker, sondern hast von klein auf Gedichte geschrieben. Schon als Dreizehnjähriger hast du einen Gedichtband veröffentlicht…
Manche Sachen habe ich nie wieder so gut und mit so viel Leidenschaft  ausgedrückt wie damals, weil ich immer noch diese Euphorie vom ersten  Eindruck von den Dingen hatte. Das war das erste Mal, dass ich mir existenzielle Fragen gestellt habe. Kinder werden oft unterschätzt. Auch andere Kinder in meiner Umgebung haben sich interessante philosophische Fragen gestellt. Das Buch handelt hauptsächlich von der Schule, von Religion – denn damals fühlte ich mich sehr einsam als nicht christliches Kind in der Schule, weil alle christlich waren. Ich habe immer ganz offen gesagt, dass ich Atheist bin. Außerdem habe ich absurde Geschichten immer sehr gerne gehabt. Zum Beispiel heißt das Hauptgedicht „Cabeza, manos, tronco y cuello“ („Kopf, Hände, Rumpf und Hals“) und es geht darum, dass der Kopf eines Menschen wegläuft und dieser Mensch seinen Kopf über die Straße verfolgt und mit ihm diskutiert. Als Kind waren meine Gedichte immer wie Prosastücke, sehr schlicht, ohne große Metaphern, sehr modern. Ich bin sehr froh, dass die Fragen der Kindheit durch das Buch festgehalten werden, weil ich glaube, dass viele Menschen vergessen, wie glücklich sie als Kinder waren.

Am 14.11.2014, 20 Uhr, gibt Nicolás Miquea ein Konzert im Bayouma-Haus, Frankfurter Allee 110, in Berlin-Friedrichshain.

Infokasten:

Nicolás Rodrigo Miquea

Der Liedermacher, Dichter und klassische Gitarrist wurde 1981 in Talcahuano in Chile geboren. Mit 18 Jahren ging er mit einem Stipendium in die USA, um klassische Gitarre an der Eastman School of Music in Rochester im Bundesstaat New York zu studieren. Ab 2004 setzte er sein Studium an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar sowie an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock fort, für das er ein Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung erhielt. Seit Anfang 2014 lebt Nicolás Miquea in Berlin.

Liedtext:

Diskussion mit einem Europäer
Es ist gut, klar. Gott denkt nicht wie wir, die Geschichte und die Natur beweisen es. Lass uns also ohne ihn weiter machen (und er darf über uns sagen, was er will).
   Du sagst sogar, dass Gott von den Menschen erfunden wurde. Sicher. Sie haben auch die Wissenschaft, die Philosophie, die Kunst und die Massenvernichtung erfunden. Jetzt lass uns bitte das Thema wechseln.
   Im Fernsehen kam vor, dass die Menschheit schrecklich gewesen ist, bis endlich die Gegenwart gekommen ist. Gut, mindestens hat sie es bis Europa geschafft. Und du, Europäer: Du glaubst ihnen noch? Dass der Krieg den Frieden bringt und die Sonne sich um die Erde dreht?
   Du hast gelernt, dass die Geschichte eben gerade geendet hat, dass uns nur bleibt, uns hinzusetzen und fett zu werden, bis die Erde sich mit Knochen füllt. Darüber möchte ich mit dir nicht diskutieren. Denk aber daran, wer dir das erzählt hat. Weißt du es noch? War es dein Papa? War es ein Lehrer? Der History Channel? Ein Magazin? War es ein Buch?
   Ehrlich gesagt, denke ich wie du, der politische Kampf kann nutzlos wirken. Aber was bitte willst du, dass ich mit meinen Ideen mache? Und wohin werfen wir die Toten? Die Erde ist schon angefüllt mit Knochen. Die Toten gehen schon über die Erde. Sie sind sogar als billige Arbeitskraft tätig. Guck, sie haben dir das Obst eingepackt. Hoffentlich bekommst du nicht eines Tages Angst vor ihnen und nimmst ihnen den Tod weg, der ihnen noch bleibt.
Komm näher. Ich will dir was sagen. Nur dir. Der Rest der Fußgänger muss nicht unbedingt hören, was ich dir sagen will. Es ist Folgendes: Ich verstehe dich. Du glaubst an nichts, denn du hast alles. Du vergisst immer wieder den Tsunami aus Knochen, der sich unter deinen Grenzen verbirgt. Für dich dreht sich die Geschichte um die Gegenwart. Vorsicht: Sie bewegt sich doch.
// Nicolás Miquea, Übersetzung: Nicolás Miquea, Anna von Rohden

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