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UNGEWÖHNLICHES NACH 50 JAHREN

Es war ein politisches Novum: Am 26. April sprach Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auf einer Veranstaltung im Weltsaal des Auswärtigen Amtes (AA) als erster deutscher Außenminister ungewohnt selbstkritisch über die Verbrechen der Colonia Dignidad und die Rolle des AA. In der deutschen Sektensiedlung in Chile wurden politische Gefangene gefoltert und ermordet, deutsche Bewohner*innen misshandelt und Kinder missbraucht.
Steinmeier kündigte Aktenöffnung an. Die Frage ist nun, welche konkreten Maßnahmen auf diese Worte folgen. Denn die deutsche Botschaft in Santiago und das AA verfügten spätestens seit 1966 über genügend Informationen, um der Colonia Dignidad mit äußerstem Misstrauen zu begegnen. Dennoch haben sie in der schlimmsten Zeit der Diktatur das Richtige unterlassen und das Falsche getan. Wenn der diplomatische Dienst einen Skandal vermeiden wollte, dann hat er sich selbst für Jahre zum Teil dieses Skandals gemacht.
Steinmeier bestätigte das in seiner Rede: „Der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes. Über viele Jahre hinweg, von den 60er bis in die 80er Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan. Auch später, als die Colonia Dignidad aufgelöst war und die Menschen den täglichen Quälereien nicht mehr ausgesetzt waren, hat das Amt die notwendige Entschlossenheit und Transparenz vermissen lassen, seine Verantwortung zu identifizieren und daraus Lehren zu ziehen. Das Amt hätte entschiedener ‚Deutschen nach pflichtgemäßem Ermessen Rat und Beistand gewähren‘ müssen, wie es das Konsulargesetz vorsieht. Und es hätte früher versuchen können, durch diplomatischen Druck die Spielräume der Colonia-Führung zu verengen und juristische Schritte zu erzwingen. Die Botschaft hat es zu lange versäumt, darauf zu beharren, dass deutsche Staatsangehörige – und das waren die Bewohner der Colonia ja ganz überwiegend – frei mit Konsularbeamten reden können. Im Spannungsfeld zwischen dem Interesse an guten Beziehungen zum Gastland und dem Interesse an der Wahrung von Menschenrechten ging Amt und Botschaft offenbar die Orientierung verloren.“
Seit der Veranstaltung am 26.4. steht die Colonia Dignidad einmal mehr auf der Tagesordnung bundesdeutscher Politik. Mit einer simplen Entschuldigung wird es aber nicht getan sein können: Dafür sind das Thema zu komplex und die Opfergruppen zu verschieden (chilenische „Verschwundene“ und Überlebende, misshandelte Deutsche, missbrauchte Kinder). Eine zivilgesellschaftliche, aber auch eine staatliche Arbeit am Thema Colonia Dignidad muss dieser Vielschichtigkeit gerecht werden. Das Geschehene muss transparent gemacht, aufgearbeitet und die Leiden der Opfer müssen anerkannt werden.
Die Opfergruppen sollten in ein Oral-History-Projekt eingebunden werden, das, ehe es zu spät ist, ihre Anonymität aufbricht und das, was sie erlebt haben, dokumentiert. Die schlimmsten körperlichen, seelischen und wirtschaftlichen Schäden könnten über das bereits Geleistete hinaus durch Reparation und Rehabilitierung gelindert werden. Eine substanzielle deutsche Beteiligung an einem Gedenkort, der das gesamte Gelände der Colonia Dignidad umfassen und zu dem das frühere Haus der Colonia Dignidad in Santiago mit seinen gespenstischen unterirdischen Räumen gehören sollte, wäre eine Geste, die in Chile verstanden würde, denn sie gehörte in die Politik des „Nie wieder“.
Was die Transparenz betrifft, ist die Aktenöffnung ein wichtiger Schritt. Hier hat aber auch der chilenische Staat eine Bringschuld. Eine große Anzahl von Dokumenten, die die chilenische Polizei 2005 in der Colonia Dignidad fand, ist bis heute unter Verschluss. Wenn Bundespräsident Joachim Gauck im kommenden Juli nach Chile fliegt, sollte er dort sagen: Wir haben unsere Dokumente geöffnet, öffnet ihr die Euren! Diese Datenmengen müssen systematisch durchgearbeitet werden, und das geht nur mit einer soliden Finanzierung.
Neben den Akten des AA sollten auch die des Bundesnachrichtendienstes erforscht werden. Hier wäre die erste Forderung, das Mandat der Historikerkommission, die die NS-Vergangenheit dieses Dienstes aufklären soll, um das Thema Colonia Dignidad zu erweitern.
Neben der politischen und historischen Aufarbeitung sollte es auch konkrete Hilfen für die verschiedenen Opfergruppen geben. Zudem müssen Orte der Erinnerung geschaffen werden, um die Opfer zu ehren und die Verbrechensgeschichte gegenüber der Gesellschaft sichtbar zu machen. Das ehemalige Stadthaus der Colonia Dignidad in Santiago könnte ein Museum und Dokumentationszentrum beherbergen.
Ausgangspunkt für all diese Schritte sollte eine deutsch-chilenische Verständigungsebene sein: Eine bilaterale Expert*innenkommission könnte die Bedürfnisse der Opfer zusammentragen und konkrete Maßnahmen empfehlen. Ohne eine Kooperation zwischen beiden Staaten, könnte – wie so oft in der jahrzehntelangen Geschichte der Colonia Dignidad – sobald das Thema aus den Medien verschwunden ist, erstmal wieder gar nichts passieren.

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