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“WAS BIN ICH ALS SUBJEKT?”

Die Casa de la Mujer ist eine der wichtigsten feministischen Organisationen in Kolumbien. Worauf gründet sich die Arbeit der Casa und wie findet sie statt?
Die Casa de la Mujer ist eine soziale, feministische Organisation, die seit 1982 die Rechte kolumbianischer Frauen verteidigt und für ihre Anerkennung als Bürgerinnen und politische Subjekte eintritt. Wir glauben, dass der Aufbau von Demokratie und Frieden Hand in Hand mit sozialer Gerechtigkeit gehen muss. Für uns bedeutet soziale Gerechtigkeit Anerkennung der Diversität der Frauen sowie gleiche Rechte für alle, sowohl im Öffentlichen als auch im Privaten. Auf dieser Vorstellung basieren die Aktionen der Casa de la Mujer; Bildungs- und Sensibilisierungsprojekte, unsere politische Mobilisierung und unser Einwirken auf nationaler und territorialer Ebene („Territorium“ im Sinne von „kultureller Lebensraum“, Anm. d. Red.). Wir bestärken ausdrücklich die Zusammenarbeit mit verschiedenen Frauenorganisationen in diversen Gebieten, um Basisprojekte zu unterstützen, Unabhängigkeit für Frauen zu erreichen und eine weitgreifende Reflexion darüber zu stärken, wie wir uns als Frauen rekonstruieren. Von der Auseinandersetzung mit der Frage „Was bin ich als Subjekt?” ausgehend kann ich meine Rechte erleben und erfahren, dass sie mir anerkannt werden müssen.

Diese Arbeit in den Territorien, sowohl die praktischen Projekte als auch die theoretischen Reflexionen, erweisen sich in Kolumbien ja als besonders komplex angesichts der Diversität der Territorien und der in ihnen lebenden sozialen Gruppen. Hinzu kommt ein um die 60 Jahre andauernder bewaffneter Konflikt, der sich auf diese territorialen Bevölkerungsgruppen ganz unterschiedlich auswirkt. Vor welchen Herausforderungen steht die Casa de la Mujer bei ihrer Arbeit?
Herausforderungen gibt es viele. Der Kontext des bewaffneten Konflikts in Kolumbien ist tatsächlich sehr komplex. In diesem Konflikt interagieren ganz verschiedene bewaffnete Akteure mit verschiedenen Formen und Praktiken, durch die unzählige Rechte verletzt und Frauen zu Opfern wurden. Außerdem sehen wir, dass das in der Gesellschaft tief verankerte patriarchalische System durch den Konflikt intensiviert und durch den Prozess der Militarisierung verschlimmert wird. Wenn Krieg, Gewalt und Konflikt zur Alltäglichkeit werden, schreiben sich Machtbeziehungen und Unterdrückung, in denen psychische und physische Gewalt ausgeübt wird, der Gesellschaft als Richtlinien ein. Grausige Praktiken werden im Konflikt wiederholt und legitimiert – und somit als alltäglich erlernt.

Wie muss man sich das vorstellen?
Ein Beispiel, das besonders unsere Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, ist die Hafenstadt Buenaventura am Pazifik. Auf den Frauen der afrokolumbianischen Gemeinschaft dort lastet nicht nur der Umstand, Frau zu sein, sondern vor allem, Schwarze Frau zu sein. Ihre Rechte werden massiv verletzt. Ein Beispiel sind die Casa de Pique, die sogenannten „Einschlagshäuser”, in denen das Territorium kontrollierende kriminelle Banden massenweise Frauen gefoltert, zerstückelt und dann ermordet haben. Die Antwort des Staates auf diese Vorfälle war eine erhöhte Militarisierung des Territoriums – starke Militärpräsenz und mehr Waffen. In einer Forschung, in der wir die Berichte von Frauen über Gewalt im Alltag auswerteten,  fanden wir heraus, dass im Zuge dieses Militarisierungsprozesses die häusliche Gewalt gegenüber Frauen angestiegen ist, sie hat sich also in patriarchalischen Beziehungen materialisiert.
Es gibt viele Herausforderungen hinsichtlich der Komplexität des Konflikts – indigene Frauen, campesinas, Schwarze Frauen – sie alle erleben den Konflikt auf spezifische Art und Weise und wir arbeiten mit ihnen an Reflexionen hinsichtlich dieser Besonderheiten: Was bedeutet es, indigene Frau in einem bestimmten Territorium zu sein?  Wie können uralte Praktiken, die oft auf tausendjähriger Tradition beruhen, transformiert werden, wenn sie die Rechte der Frauen verletzen? Hier ist ein Dialog essentiell, der die Bedeutung dieser Traditionen anerkennt und dennoch die unangefochtene Übernahme der Traditionen infragestellt. Ich spreche aus der Perspektive einer westlichen, in der Hauptstadt ansässigen Mestizin. Ja, wir beobachten, dass Rechte der Frauen in traditioneller Praxis verletzt werden, aber sie sind eingeschrieben in eine von der indigenen Gemeinschaft anerkannten und für sie essentiellen Kultur. Deshalb ist der Dialog so wichtig, um keinen Schaden anzurichten, Positionen nicht aufzudrängen und keinen Konflikt innerhalb der Gemeinschaften zu stiften. Wir müssen uns gemeinsam darüber auseinandersetzen, was wir anders machen können, wie wir  auf neue Weise in Beziehung miteinander treten können, um am Ende allen Frauen ihre Rechte und die Freiheit von Gewalt zu garantieren.

Am 26. September wurde das Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC unterschrieben — was bedeutet dies für eine Gewährleistung der Rechte? Welche spezifischen Anliegen haben Sie mit Blick auf das Abkommen?
Wir, die Frauen und Frauenorganisationen haben uns in diesem Friedensprozess organisiert, um die Frauen als Subjekte genderspezifischer Gewalt hervorzuheben, aber auch um uns dafür einzusetzen, dass die Frauen in allen Verhandlungspunkten vertreten sind und die Aktionen innerhalb des Friedensaufbaus mit einem differentiellen Fokus gedacht werden müssen, damit sich die Situation der Frauen nachhaltig verändert. Ich denke, dass die Frauenbewegung in Kolumbien eine starke Bewegung ist. Einer der großen Erfolge war der Aufbau einer Subkommission für Genderfragen für die Zeit der Verhandlungen. Diese Subkommission erhielt Empfehlungen, Besuche und veranstaltete Versammlungen mit Frauen, die Opfer des Konflikts sind, aber auch mit Organisationen, um über die Landreform und den historischen Ausschluss der Frauen vom Landbesitz zu sprechen. Denn die Herausforderung im Friedensprozess zwischen FARC und Regierung ist die Gründung einer Agenda, die nicht nur die Abgabe der Waffen und die Reintegration der ehemaligen Mitglieder der FARC in die Zivilgesellschaft sowie ihre politische Partizipation garantiert, sondern auch notwendige strukturelle Veränderungen in der Gesellschaft hinsichtlich sozialer Ungerechtigkeit und Exklusion beachtet. Wir sind sehr zufrieden damit, dass jeder einzelne der verhandelten Punkte die Frauen in spezifischer Weise einbezieht.

Zum Beispiel?
Für jeden einzelnen Punkt hat die Genderunterkommission einen besonderen Fokus in genderspezifischer Gewalt und die Betonung der Rechte der Frauen erreicht. Zum Beispiel wurde beim Thema unzulässiger Drogen die Frage gestellt, wie die Beziehung der Frauen zum Handel und Konsum dieser Drogen ist. Wie sind die Frauen darin involviert, in welcher Form nehmen sie daran teil? Häufig fungieren gerade die Frauen als sogenannte Kleindealerinnen, die aus ökonomischen Gründen am Handel teilnehmen, indem sie mit Drogen ins Ausland reisen. Während der Verhandlungen wurde anerkannt, dass eine allgemeine Behandlung des Themas nicht ausreicht, um diese genderspezifischen Beziehungen zu beleuchten. Diese Unterschiede und Besonderheiten müssen anerkannt und ihre Hintergründe aufgearbeitet werden, damit auch die Wiedergutmachung mit einem diferentiellen Fokus stattfinden kann. Ein weiterer Erfolg ist, dass in der speziellen Strafverfolgung für den Frieden die sexuelle Gewalt als spezielles Delikt anerkannt wird. Es gibt ein Team, das sich die Fälle in aller Einzelheit anschaut.

Für die Aufarbeitung ist für viele Opfer die Anerkennung ihres Schmerzes und dessen, was ihnen angetan wurde, entscheidend …
Dieses Land hat verschiedene Aktionen bezüglich Wahrheit und Erinnerungskultur initiiert, mit dem Projekt Memoria Historica – historische Erinnerung – wurde das nationale Team für Versöhnung gegründet. Auf Basis des “Gesetzes der Opfer”, dem Gesetz 1448, ist der Bericht “Basta Ya” – “es reicht jetzt!” – entstanden, ein komplexer Bericht über die verschiedenen Formen von Gewalt seit 1985 bis jetzt. Die Kommission zur Aufklärung der Wahrheit sowie die Garantie der Nicht-Wiederholung sind einige der Resultate des Friedensabkommens. Aber es ist eine große Herausforderung, die die Gemeinschaften, die Organisationen und die Frauen bewältigen. Sie haben sich anhand von Zeugenschaften und Erinnerungsakten das Erfahrene angeeignet, und diese Aufgabe wird für die kommenden Generationen weiterbestehen: Die Rekonstruktion dieser Erinnerungen, dieser Wahrheiten, die die Opfer in den Vordergrund stellen, vor allem die Frauen. Denn wir Frauen sind immer erzählt worden, für uns wurde immer gesprochen mit männlichen Stimmen, aus patriarchaler Sicht. Wir haben unterschiedliche Arten zu leben, die Welt von der Erfahrung unserer Körper aus zu analysieren, Körper indigener Frauen, Schwarzer Frauen. Durch unsere Körper haben wir eine Art von Gewalt erlebt, die Männer nicht kennen. Deshalb ist es sehr wichtig, den Erzählungen der Frauen Wert beizumessen und eine Art zu finden, auf die die allgemeine Gesellschaft diese Erzählungen aneignen kann als Teil der kollektiven Identität. Auf dem Frauengipfel in Bogotá sagte eine indigene Frau: Für uns ist die Erinnerung etwas anderes, die Erinnerung ist kein geschriebenes Dokument. Wie kann diese Erinnerung mündlich weitergegeben werden?  Wie kann sie in Konversationen zwischen Generationen Platz finden und wie können wir auch alternative Sprachen verstehen, in denen sie zum Ausdruck gelangt?

Die Casa de la Mujer sieht das Friedensabkommen als einen ersten Schritt dahin. Würden Sie am 2. Oktober bei der Volksabstimmung für oder gegen das Friedensabkommen aufrufen?
Ich bin überzeugt, dass am 2. Oktober für ein Sí gestimmt werden muss, weil es die Möglichkeit bietet, eine andere Geschichte zu schreiben. Dieses Land hat genug Jahre des Konflikts und der Gewalt erlebt, und was dieser Prozess des Dialogs, der Verhandlungen, der Einigung mit den FARC öffnet, ist, diesem Krieg ein Ablaufdatum zu setzen und anzufangen, uns auf andere Probleme zu konzentrieren, auf reale strukturelle Probleme in der Gesellschaft, die soziale Ungerechtigkeit, die Akkumulation von Ressourcen, dem Kapital in den Händen einiger Weniger, mangelnde Garantie zu Ausbildung, Unterkunft … Es gibt genug. Genug Krieg! Wir wissen, dass er am 3. Oktober nicht zu Ende ist, wir wissen, dass der Prozess noch viel weiter reichen muss, aber es ist ein Votum für die Hoffnung, die Hoffnung, dass wir anders Geschichte schreiben können. Für uns und für die, die auf uns folgen.

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