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// DOSSIER: WASSERKRAFT IN LATEINAMERIKA

In den 1960er und 1970er Jahren galten große Wasserkraftwerke als Voraussetzung für eine gute wirtschaftliche Entwicklung in Lateinamerika. Nach über 50 Jahren Erfahrung fragen GegenStrömung und die Lateinamerika Nachrichten in diesem Dossier nach den Folgen der Wasserkraftnutzung in der Region. Dabei wollen wir vor allem auf die unbekannteren Auswirkungen dieser Technologie eingehen.

(Download des gesamten Dossiers)

 

Der Staudamm Belo Monte am Fluss Xingu in Brasilien (Foto: Christian Russau)

„Erneuerbare Energien sind zweifellos die nachhaltigste Antwort auf den wachsenden weltweiten Energiebedarf. Die Wasserkraft spielt eine entscheidende Rolle bei der nachhaltigen und umweltfreundlichen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und ist weltweit die größte erneuerbare Quelle für die Strom­erzeugung.“ So steht es in einer Pressemitteilung des deutschen Konzerns Voith Hydro, der zu den Marktführern bei der Produktion von Turbinen und anderer Ausstattung für Wasserkraftwerke gehört.
Die Argumentation erscheint schlüssig: Wasserkraft ist eine grüne Energiequelle, da kein Erdöl, Gas oder Kohle zur Stromgewinnung verbrannt werden. Auch der Einsatz radioaktiver Elemente ist für den Betrieb eines Wasserkraftwerks nicht notwendig. So erscheint Wasserkraft als älteste regenerative Energiequelle.
Gleichzeitig kann man mit Wasserkraftwerken weitestgehend zuverlässig enorme Mengen Energie erzeugen. Von den weltweit zehn größten Kraftwerken sind neun Wasser­kraftwerke. Insbesondere für Länder des Globalen Südens, so die Fürsprecher*innen der Wasserkraft, biete diese Energiequelle eine attraktive Möglichkeit, günstig umweltfreundlichen Strom zu erzeugen.
Gerade angesichts der Herausforderungen des Klimawandels erscheint so Wasserkraft als eine notwendige und wichtige Technologie. Diese Sichtweise propagiert auch die International Hydropower Association (IHA), in der sich Konzerne und Investor*innen aus aller Welt organisieren, die im Geschäft mit der Wasserkraft aktiv sind. Auf dem diesjährigen Kongress der IHA, der im Mai in Addis Abeba stattfand, bezogen sich viele Diskussionen sowohl auf die UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (SDG) als auch das Pariser Klima­abkommen. Beide beinhalten die Verpflichtung, den Zugang zu Elektrizität und Wasser unter Be­rücksichtigung des Klimawandels zu verbessern und die Wasserkraftindustrie ist darum bemüht, ihre Technologie als Lösung beider Probleme darzustellen.

Zentral- und insbesondere Südamerika sind Vor­zeigeregionen für die Wasserkraft. Von den zehn größten Wasserkraftwerken der Welt stehen vier in Südamerika. In Brasilien und Venezuela werden über 80 Prozent der genutzten Elektrizität mit Wasser­kraft generiert. Seit den 1960er Jahre investieren lateinamerikanische Länder massiv in Wasser­kraftwerke, da sie als Voraussetzung für eine angestrebte wirtschaftliche Entwicklung galten. Vorreiter war und ist vor allem Brasilien, das die Entwicklung dieser Technologie nicht nur im eigenen Land, sondern auch in den Nachbarstaaten, vorantreibt. So steht das zweitgrößte Wasser­kraftwerk der Welt, Itaipú, auf der Grenze zwischen Brasilien und Paraguay und wird von einem binationalen Konzern kontrolliert.
Wasserkraft in Brasilien – Eine Erfolgsgeschichte? Viele deuten dies so. Die Industrie der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas hängt von der Energie aus Staudämmen und Laufwasser­kraft­werken ab. Und der deutsche Konzern Voith Hydro verweist auf seiner Webseite stolz darauf, dass er einen Teil der Turbinen von Itaipú geliefert habe. Iatipu deckt knapp 17 Prozent des brasilianischen und 75 Prozent des paraguayischen Strombedarfs. Das Kraftwerk hat zur industriellen Entwicklung im Ballungsraum São Paulo beigetragen. Deshalb wird gerade Itaipú als das Paradebeispiel für einen erfolgreichen Staudamm präsentiert, dem die beteiligten Staaten Brasilien und Paraguay viel zu verdanken hätten.
Doch die Darstellung der Wasserkraft als un­eingeschränkt positiv zu bewertende Technologie blendet ihre zahlreichen negativen Seiten aus. So zeigen jüngere wissenschaftliche Studien, dass der so hochgelobte Itaipú-Staudamm wahrscheinlich niemals seine Baukosten wieder einbringen werde. Vor allem Paraguay hat schwer unter der Schul­denlast, die das pharaonisch anmutende Projekt verursacht hat, zu tragen. Die linksgerichtete Regierung von Fernando Lugo strebte während ihrer Amtszeit (2008-2012) deshalb auch eine erneute Verhandlung mit Brasilien über die Aufteilung der Schulden an.
Staudämme können also nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes stärken, sondern auch für massive finanzielle Probleme sorgen. Ein Forschungsteam der Universität Oxford unter Leitung des dänischen Wirtschaftsgeographen Bent Flyvbjerg hat 2014 eine Studie publiziert, die genau dieser Frage nachging: Wie sinnvoll sind Staudämme für die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern des Globalen Südens? Sie haben 245 Staudämme, die seit 1934 gebaut worden sind, untersucht. Heraus kam, dass der Bau diese Dämme im Durchschnitt 96 Prozent mehr gekostet hat, als ursprünglich veranschlagt. Bei zwei von zehn Dämmen stiegen die Kosten um mehr als 100 Prozent, bei einem von zehn Dämmen sogar über 300 Prozent vom ursprünglich veranschlagten Wert.
Hauptgrund für die hohen Kosten sind Verzögerungen beim Bau. Bei acht von zehn Projekten dauerte der Bau eines Staudamms oder eines anderen Wasserkraftwerks länger als geplant – im Durchschnitt etwa acht Jahre länger, aber oft weit mehr als zehn. Ein aktuelles Beispiel ist das Alto-Maipo-Projekt in Chile, dessen Bau sich immer wieder verzögert und dessen Kosten deshalb explodieren (siehe Artikel).
Aus diesem Grund sind große Staudammprojekte – die meist von Staaten finanziert werden – oft der Grund für die massive Verschuldung von Ländern des Globalen Südens, den sogenannten Entwicklungsländern. Dem Wissen­schaftler Flyvbjerg zufolge belastete die Schul­denlast, die aus dem Itaipú Staudamm entstand, die brasilianischen Staatsfinanzen für Jahrzehnte. Der Bau war damit für die Hyperinflation in den 1970er und 1980er Jahren mindestens mitverantwortlich.
Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu fahrlässig, wenn ohnehin verarmte Länder große Staudammprojekte planen. Doch das ärmste Land Südamerikas, Bolivien plant genau das. Die Kraftwerke El Bala und Chepete sollen, in den Worten von Regierungsvertreter*innen, Bolivien zum „energetischen Herzen Südamerikas“ machen. Der Strom soll nach Brasilien und Argentinien exportiert werden. Dabei würde das Projekt die Schulden des Staates fast verdoppeln – wenn sich die Baukosten im geplanten Rahmen bewegen. Die Regierung will das Projekt durchbringen, obwohl alles danach aussieht, als ob das Geschäft mit dem Stromexport niemals lukrativ genug sein wird, um das Projekt zu rechtfertigen. Wir sprachen mit dem bolivianischen Aktivisten Pablo Solón über die Ungereimtheiten dieses Projektes (siehe Artikel).
Auch Peru will zum Stromexporteur werden. Dort sind über 20 Staudämme am Marañón, dem wichtigsten Quellfluss des Amazonas, geplant. Doch die ökologischen Folgen wären enorm: Sedimente würden nicht mehr ins amazonische Tiefland transportiert, was die Fruchtbarkeit der dortigen Böden verringern würde. Fische könnten nicht mehr zu ihren Laichplätzen migrieren, viele Arten würden womöglich aussterben – und Fisch ist die Nah­rungs­grundlage für den Großteil der Bevölkerung im Amazonasgebiet. Über die zu erwartenden ökologischen Folgen dieser Projekte sprachen wir mit der Biologin Dr. Claudia Koch (siehe Artikel).
Befürworter*innen der Wasserkraft führen gerne ins Feld, dass die positiven Entwicklungs­mög­lichkeiten die negativen ökologischen Effekte der Wasserkraft aufwiegen würden. Doch von Ent­wicklungsmöglichkeiten spürt die lokale Bevöl­kerung um die Wasserkraftwerke meist wenig. Wir durften ein Interview mit dem brasilianischen Wissenschaftler und Aktivisten Assis Oliveira nachdrucken, in dem der von der Situation in Altamira berichtet. Seit auf dem Gemeindegebiet das Laufwasserkraftwerk Belo Monte gebaut wird – das nach Fertigstellung das zweitgrößte Wasserkraftwerk der Welt sein wird – haben sich die Lebensbedingungen dort eher zum Schlechten entwickelt. Viele Arbeiter*innen sind nach Beendigung des Großteils der Bauarbeiten ein­kommenslos, die Kriminalität grassiert (siehe Artikel).
Von der Energie, die in den Kraftwerken erzeugt wird, profitieren meist Andere. Oft geht der Strom an extraktivistische Industriezweige, wie Bergbau oder Ölförderung, die zusätzliche Umweltprobleme verursachen, wie etwa das bereits genannte Beispiel Alto Maipo zeigt (siehe Artikel).
Doch Staudämme sollen mitunter nicht nur der Energieproduktion dienen. Ein anderer Effekt ist, dass man mit ihnen Flüsse anstauen kann, damit sie zu Wasserstraßen werden. Ein Beispiel dafür sind die geplanten Staudämme am Tapajós-Fluss in der brasilianischen Amazonasregion. Auf den Zu­sam­menhang zwischen Expansion der Agrarindustrie, Zerstörung des Regenwaldes und großen Infrastrukturprojekten wie Staudämmen und Eisenbahnen gehen wir in einem weiteren Artikel ein.
Große Staudämme werden meistens von staatlichen Institutionen gebaut und betrieben. Doch Klein­wasserkraftwerke, die oft von privaten Investoren gebaut werden, um die Energieversorgung von Bergwerken zu gewährleisten, sind meist nicht weniger konfliktbeladen. Oft kommt es zu Wasserkonflikten zwischen den Kraft­werks­be­treiber*innen und lokalen Gemeinden. Doch die Gemeinden organisieren bisweilen erfolgreichen Widerstand, wie etwa in den süd­mex­i­kanischen Bundestaaten Oaxaca und Puebla (siehe Artikel).
Doch derartiger Widerstand wird oft kriminalisiert oder gewaltsam unterdrückt. Bekanntestes Beispiel ist sicher der Fall von Berta Cáceres, die im März vergangenen Jahres ermordet worden ist, was für weltweite Empörung sorgte. Grund für den Mord an ihr war, dass sie den Widerstand gegen das geplante Kleinwasserkraftwerk Agua Zarca organisierte (siehe Artikel). Doch auch in anderen Ländern werden Staudämme gewaltsam gegen den Willen der lokalen Bevölkerung durchgesetzt. Betroffen sind meist indigene Gemeinden und so reproduzieren sich in den Konflikten um Wasserkraftwerke koloniale Gewaltverhältnisse, wie der Konflikt um das Projekt Oxec II in Guatemala zeigt (siehe Artikel).
Sowohl am Kraftwerkprojekt Oxec II als auch Agua Zarca sind europäische und deutsche Akteure beteiligt. Europäische und deutsche Konzerne finanzieren, versichern und beliefern Wasser­kraftwerksprojekte in ganz Lateinamerika. So wird auch das hochumstrittene Staudammprojekt in Panama, Barro Blanco, dass das Territorium der indigenen Ngöbe Bugle bedroht, von der Deutschen Ent­wic­klungs­gesellschaft mbH, einer Tochter der Kreditanstalt für Wiederaufbau, mitfinanziert (siehe Artikel).
Staudammbefürworter*innen leugnen meist diese negativen Konsequenzen der Wasserkraftnutzung nicht, sagen aber, dass die positiven Seiten die negativen überwiegen. Ein Aspekt, der gerne zugunsten der Wasserkraft aufgezählt wird, ist ihre Verlässlichkeit. Doch angesichts des Klimawandels wird die Zuverlässigkeit der Wasserkraft immer fragwürdiger. Immer mehr Studien beschäftigen sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserkraft. Durch den Klimawandel werden sich sowohl Starkregenereignisse, die die Sicherheit der Wasserkraftwerke gefährden, häufen, als auch Dürren, die dann zum Ausfall der vermeintlich zuverlässigen Energiequelle führen. Bestes Beispiel ist Venezuela, wo aufgrund von Dürren die Stromversorgung, die fast ausschließlich vom Guri-Staudamm abhängt, mehrmals ausgefallen ist (siehe Artikel).
Doch Wasserkraft wird nicht nur vom Klimawandel beeinflusst, sondern wirkt sich auch auf das Klima aus. Befürworter*innen der Wasserkraft verweisen gerne darauf, dass Wasserkraftwerke nicht das Treibhausgas Kohlendioxid ausstoßen. Doch in den Reservoirs von Staudämme oder in langsam fließenden Flüssen, deren Fließgeschwindigkeit durch Wasserkraftwerke gebremst wird, verrotten organische Materialien zu Methangas. Methan ist nach Angaben des deutschen Umweltbundesamts ein 25mal stärker wirkendes Treibhausgas als Kohlendioxid. Aus diesem Grund emittiert das Wasserkraftwerk Balbina im bra­silianischen Amazonasgebiet mehr Treib­haus­gase, als ein modernes Gaskraftwerk, wie der ame­rikanische Wissenschaftler Philipp Fearnside berechnet hat. Mit diesem Dossier wollen wir die Diskussion um die Wasserkraft bereichern und auf die weniger bekannten problematischen Aspekte dieser Technologie aufmerksam machen. Es lohnt sich, diese Technologie, die in der Vergangenheit oft überschwänglich als „grün“, „verlässlich“ und „nachhaltig“ tituliert wurde, neu zu bewerten.

 

 

 

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