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„Narcos haben ein besseres Image als wir“

Sie setzen sich seit Jahrzehnten für Arbeitsrechte in der U-Bahn ein. Die Gewerkschaft SNTSTC, die dies eigentlich tun sollte, kritisieren Sie dabei stark. Welche Rolle spielt die Gewerkschaft?
Wir leiden unter der Gewerkschaft des öffentlichen Verkehrssystems und ihrem Vorsitzenden, Fernando Espino Arévalo. Er hat seit 34 Jahren das Sagen. Er wurde mittels eines charrazos (direkte Einflussnahme der Regierung auf Personalentscheidungen der Gewerkschaft, Anm. d. Red.) eingesetzt. Die damalige Regierung der Hauptstadt hatte das mit ihm ausgehandelt, um eine demokratisch legitimierte Gewerkschaft zu zerschlagen. Denn damals gab es eine Gewerkschaft, die Arbeitsrechte gestärkt und viele Fortschritte, wie beispielsweise Darlehen, Kinderbetreuung, zusätzliche Urlaubstage oder die Beschaffung der Arbeitskleidung, erzielt hat. Das passte der Regierung nicht und sie unterstützte die gewaltsame Einsetzung von Espino. Unser Bereich, der Fahrkartenverkauf, musste am meisten einstecken. Er wird seitdem am gewaltvollsten unterdrückt. Beispielsweise wird uns seit zwei Jahren versprochen, den Lohn anzugleichen. Denn wir verkaufen mittlerweile nicht nur U-Bahn-Fahrkarten, sondern laden auch die Fahrkarten für den Metrobus und den Fahrradverleih auf. Aber nichts ist passiert. Das Schlimmste ist, dass die Gewerkschaft die Kontrolle über unseren Bereich hat.

Wie gelingt ihr das?
Die Gewerkschaft ist mit der Regierungspartei PRI verbunden und das stattet sie mit Macht aus. Wir kämpfen gegen die Korruption der Gewerkschaft, die sich in die Metro eingenistet hat und über die Besetzung von Arbeitsplätzen alle Bereiche kontrolliert. Die Fahrkartenverkäuferinnen geben Fernando Espino politische Unterstützung. Wenn er mobilisiert, gehen sie demonstrieren. Er hält sie sich mit Versprechen warm. Er bedient sich dabei eines Kodex, der bislang seinen Nutzen erfüllt. Er definiert die Fahrkartenverkäuferinnen und alle anderen Frauen in der U-Bahn als Teil der „Familie Metro“. Die Leute hängen diesem Glauben an. Innerhalb einer Familie mag und versteht man sich. Sie sehen sich als Teil einer Organisation, als Rechtssubjekte. Das funktioniert auch, weil Espino Arbeitsplätze an enorm viele Leute vergibt, die ihm nahe stehen: an Bekannte, Freunde und vor allem Familienangehörige. Die 22 am besten vergüteten Stellen sind durch seine Familienangehörigen besetzt. Die Gewerkschaftsvertreter nutzen auch Vorurteile, die in der Gesellschaft existieren, um unsere Rechte einzuschränken.

Können Sie ein Beispiel geben?
Einige Arbeiterinnen geben den Fahrgästen zu wenig Geld oder Fahrkarten heraus. Sie werden nicht bestraft. Warum? Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass dahinter auch ein politischer Grund steckt. Auf diese Weise bekommen wir ein Stigma auferlegt. Wenn einige von uns die Kunden betrügen, heißt es schnell, dass wir alle das machen. Dann werden uns auch unsere Rechte abgesprochen. Wenn ich die undemokratischen Strukturen der Gewerkschaft kritisiere, muss ich mir anhören: „Warum forderst gerade Du das ein, wo Ihr doch korrupt seid und stehlt!“ Im sozialen Ansehen haben wir einen schrecklichen Abstieg hinter uns. Vielleicht genießen Narcos mehr Ansehen als wir! Sehr wenige können sich vorstellen, dass es unter uns auch Frauen gibt, die für ihre Rechte und Demokratie kämpfen.

Wie geht die SNTSTC mit Angestellten um, die sich nicht unterordnen?
Fernando Espino hat stets mit Gewalt und Unterdrückung reagiert. Ich selbst habe das oft erlebt. 1987 wurde ich zu einer Protestkundgebung eingeladen, auf der die antidemokratischen Tendenzen in der U-Bahn kritisiert wurden. Kollegen überredeten mich dort, an einem Gespräch im Innenministerium teilzunehmen. Ich stolperte regelrecht hinein und betonte mehrmals, dass ich keine Gruppe vertrete. Der Minister und die Gewerkschaft haben es wohl trotzdem als Angriff verstanden. Acht Tage nach dem Gespräch schoss ein Unbekannter durch die Scheibe der Verkaufsstelle auf mich. Als ich schon auf dem Boden lag, gab er noch zwei Schüsse ab. Im Krankenhaus mussten mir Glassplitter aus der Haut und den Augen entfernt werden. Ich habe zwar keine Belege, habe das aber als politisch motivierten Anschlag auf mein Leben begriffen. So als ob mir gesagt wird: „Du mobilisierst, hier hast Du die Antwort!“

Sie haben trotzdem weiter gemacht…
Einige Fahrkartenverkäuferinnen haben sich in der Koordination der Demokratischen Arbeiterinnen organisiert. Als wir 1989 Faltblätter verteilten, kam Fernando Espino mit anderen Gewerkschaftsfunktionären in den Verkaufsbereich. Er ordnete an, uns zu schlagen. Eines Tages haben sie uns von der Polizei abführen lassen, weil wir angeblich eine Arbeiterin zusammengeschlagen und bestohlen hatten. Sie führten uns getrennt ab, schüchterten uns damit ein, dass wir fünf Jahre eingesperrt und unsere Familien nicht wieder sehen würden. Mit Hilfe einer Menschenrechtsverteidigerin, die Kontakt zur Staatsanwaltschaft hatte, wurden wir freigelassen. Am nächsten Tag ließen sie uns die Arbeit nicht antreten und beschuldigten uns, unberechtigterweise nicht zur Arbeit gekommen zu sein. Dann wurden nach und nach Mitglieder unserer Gruppe entlassen.

Sie haben damals mit einem Hungerstreik die Wiedereinstellung erlangt. Die Arbeitsbedingungen sind aber nicht besser geworden…
Nein, überhaupt nicht. Nach dem Hungerstreik hat die Gewerkschaft mit Rebeca Hassan Barrera eine frauenfeindliche Abteilungsleiterin eingesetzt, die das gewerkschaftliche Patriarchat unterstützt. Sie sanktioniert uns regelmäßig mit Lohnabzug. Deswegen haben wir 2011 bei der Menschenrechtskommission von Mexiko-Stadt eine Beschwerde eingereicht.

Worüber genau haben Sie sich beschwert?
Einerseits wollten wir auf die Gewalt durch die Fahrgäste aufmerksam machen. Zum Beispiel, wenn es kein Wechselgeld gibt. Die Leute rasten aus, beschimpfen uns, manche spucken sogar in das Fenster. Anstatt diese Personen zu bestrafen, werden sie umsonst durch das Drehkreuz gelassen. Es wurden bereits Kassiererinnen geschlagen, weil sie zur Toilette gegangen sind und die Leute warten mussten. Es gibt keine Toiletten in unserem Verkaufsraum, nur in der neuen U-Bahnlinie 12 wurden sie eingerichtet. In den anderen Stationen gibt es nur auf einer Bahnsteigseite Toiletten. Nicht immer gibt es eine zweite Verkäuferin, dann müssen wir schließen und in zwei, drei Minuten hat sich eine Riesenschlange angestaut. Wenn sich Fahrgäste über uns beschweren, sanktioniert die Abteilungsleitung das mit Lohnabzug. Wir werden einbestellt und die leistungsabhängigen Anteile des Lohns, gute 2.000 Pesos (105 Euro, Anm. d. Red.), werden uns abgezogen. Wir sind ungefähr 2.000 Arbeiterinnen und damit eine riesige Einnahmequelle. Wir haben die Beschwerde aber auch wegen einer weiteren Form des Lohnabzugs eingereicht. Abends kommen Prüferinnen, um den Tagesumsatz zu zählen. Sehr oft behaupten sie, dass wir Geld unterschlagen haben. Natürlich können einmal Rechenfehler passieren, aber ich unterschlage nichts.

Hat die Beschwerde etwas bewirkt?
Die Menschenrechtskommission hat angemerkt, dass uns die Fehlbeträge angelastet werden, ohne dass Belege für unsere Schuld existieren. Erstmals wurde diese Praxis hinterfragt. Für uns war es schon allein ein großer Erfolg, dass uns jemand angehört und sich ein eigenes Urteil gebildet hat. Die einzige Form, gehört zu werden, besteht darin, das Problem in die Öffentlichkeit zu tragen. Und zwar an die Institutionen im Menschenrechtsbereich, nicht im Arbeitsrecht. Im Arbeitsministerium gibt es viel Korruption. Es folgten ein Artikel in der Wochenzeitschrift Proceso. Dann ein Radiointerview. Natürlich hat uns das auch viele Nerven gekosten. Denn schon vor dem Interview hat mir das Unternehmen die Kosten für einen kaputten Ventilator und eine Tastatur von meinem Gehalt abgezogen. Sie waren durch Abnutzung kaputt gegangen. In einem Monat wurde ich viermal einbestellt, es war ein unglaublicher Druck. Jedes Mal, wenn es Kontrollen gab, wurde ich sanktioniert. Aber nach dem Interview hat der damalige Direktor unserer Koordinatorin Rebeca Hassan Barrera gekündigt. Das war eine Erholung für uns!

Wie hat die SNTSTC auf diese Kritik reagiert?
Nach dem Radiointerview ist die SNTSTC in einer Publikation auf unglaublich vulgäre Weise über meine Mitstreiterinnen und mich hergezogen. „Die Nélidas und Guadalupes haben die Angestellten schlecht gemacht. Sie regen sich über alles und jeden auf, weil sie niemanden haben und allein sind. Deswegen gieren sie danach, dass jemand sie endlich wieder anfasst, etwas wie in eine Handpuppe in sie hineinsteckt.“ An allen Verkaufsstellen, Kantinen, Bahnsteigen klebte das. Wir haben mehrere Gewerkschaftsfunktionäre, u.a. Fernando Espino, wegen Diskriminierung und geschlechtsspezifischer Gewalt angezeigt. Als wir das sahen, wussten wir, dass sich das letztlich nicht nur gegen uns richtet. Das ist das Frauenbild, das in der Gewerkschaft vorherrscht. Es ist ein Extrembeispiel für die machistische Kultur, die in Feminizide mündet. Die Kultur der Erniedrigung der Frau.

Hat diese Klage Aussicht auf Erfolg?
Die Klage ist anhängig. Es gab eine Untersuchung des Dokuments, weil über das Layout und den Druck auf den Urheber geschlossen werden kann. Die SNTSTC streitet ab, dass ihre Mitglieder verantwortlich sind. Wir wissen aber genau, wer diese Art Dokumente veröffentlicht. Den Gutachtern wurde der Zutritt zur Druckerei der Gewerkschaft verwehrt. Hilfreich ist, dass Fernando Espino in den Wahlen 2015 eine Niederlage einstecken musste. Im September wird er dadurch seine Immunität verlieren, die ihn bislang vor Strafverfolgung geschützt hat. Es liegen mehrere Anzeigen wegen Sabotage gegen ihn vor. Denn immer, wenn es einen Konflikt mit dem Unternehmen gibt, funktioniert der Ablauf in der U-Bahn auf wundersame Weise nicht. Wir haben aber auch die Befürchtung, dass der Regierende Bürgermeister Miguel Ángel Mancera, der Präsidentschaftskandidat werden möchte, zu viele Zugeständnisse an die Gewerkschaft macht. Der aktuelle Direktor der Metro, der ehemalige Vorsitzende der Partei PANAL, wird Espino schützen. Das ist ein großer Rückschritt. Die Abteilungsleiterin Rebeca Hassan Barrera hat er auch wieder eingestellt.

Gibt es eine andere Gewerkschaft, die eine Alternative darstellt?
Für die Gewerkschaften ist es sehr wichtig, dass das Unternehmen sie anerkennt, deswegen wollen sie sich nicht zu kämpferisch zeigen. Ich bin in der Gewerkschaft Sindicato Único Democratico, aber nach Austritten hat sie nun den Status als Gewerkschaft verloren. Auch dort fehlte Kampfgeist und die Kraft, um wirksame Aktionen umzusetzen. Gerade hat die neue Unabhängige Demokratische Gewerkschaft (SDI) viel Aufwind. In unserem Bereich hat sie die meisten Mitglieder. Hoffentlich verlassen viele die SNTSTC. Es ist aber sehr schwierig, mit der Herrschaft so vieler Jahre zu brechen. Als wir unsere Gewerkschaft gründeten, waren wir 50 Mitglieder. Aber 50, die sich der Kontrolle der SNTSTC entzogen! Das war ein Schlag für die Gewerkschaft: Sie bot den Dissidenten Arbeitsplätze und Darlehen an und viele kehrten zurück.

Wie sieht es in puncto Frauenrechte bei den anderen Gewerkschaften aus?
Es gibt keine Gewerkschaft, die eine Genderperspektive vertritt. Geschlechtsspezifische Ausbeutung wird nicht anerkannt. Stattdessen herrschen eine maskulin geprägte Sichtweise und eine patriarchale Kultur vor. Die Probleme, die wir als Fahrkartenverkäuferinnen haben, lassen sich besser verstehen, wenn man diese Kultur einbezieht. In diesem Ausbeutungssystem ist es nützlich, uns als konfliktive und verrückte Frauen darzustellen. Es ist ein Wahnsinn, dass die Gewerkschaften nur den ökonomischen Teil betrachten. Natürlich ist es wichtig, dass unsere Arbeit finanziell anerkannt wird. Aber es müssen auch Frauenrechte anerkannt werden. Ich engagiere mich in der Gruppe Intersindicalistas, in der sich Frauen aus verschiedenen Gewerkschaften zusammengeschlossen haben. Die Unabhängige Demokratische Gewerkschaft möchte nun, dass wir uns ihnen anschließen. Dafür muss die Gewerkschaft aber ihr Konzept von Arbeit erweitern und Frauenfragen einbeziehen. Die patriarchale Sichtweise ist sehr eindimensional, die Frauen stehen immer in zweiter Reihe, sind Unterstützung, Mittel, Objekt, damit andere wachsen. Wir müssen aber alle wachsen, wir sind lebendige Frauen, wir denken, glauben, fühlen!

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