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“WISSENSCHAFT FÜR DAS LEBEN”

Das Treffen sei auf Wunsch der zapatistischen Basis organisiert worden, dort gebe es einen großen Wissensdurst nach tiefgründiger Bildung, so EZLN-Sprecher Subcomandante Moisés, es gehe um „eine Wissenschaft für das Leben, nicht für den Kapitalismus”. Besonderes Charakteristikum des Kongresses war, dass ausschließlich 100 zapatistische Schülerinnen und 100 zapatistische Schüler unterschiedlichen Alters Fragen an die Vortragenden stellen durften. Die Aufgabe dieser 200 Delegierten ist, ihre Eindrücke in ihren Heimatgemeinden weiterzugeben. Weit über 1.000 Interessierte aus Mexiko und aller Welt nahmen darüber hinaus am Treffen teil und tauschten sich aus. Viele neue Kontakte entstanden.
Neben der Wissensvermittlung prangern viele der Vortragenden die fehlende Ethik der Wissenschaft an. Sie stehe meist im Dienste der Eliten und nicht des Allgemeinwohls, wie die Mathematikerin Pilar Martínaz hervorhob: „Viele Wissenschaftler sind fest überzeugt, die Wissenschaft werde in einem neutralen Umfeld praktiziert. Doch Konzerne wie Bayer und Monsanto verbreiten genetisch modifiziertes Saatgut, das von Leuten wie uns entwickelt wird, um die ursprünglichen Sämereien zu verdrängen. Unser Wissen wird auch zur Produktion von Waffen verwendet. Viele Wissenschaftler kümmern sich mehr um ihre Publikationen als um die Studierenden. Die Zapatistas haben uns mehrfach gesagt, dass die kapitalistische Hydra alles zerstören wird. Wir haben hier dazu wissenschaftliche Erkenntnisse beigetragen. Die Zapatistas brauchen eine kritische Wissenschaft, um die Arche zu konstruieren, die uns retten kann.“
Beim feierlichen Kongressabschluss im Auditorium fasste eine Schülerin die Eindrücke der Zapatistas zusammen: „Viele Worte, die wir in diesen Tagen gehört haben und durch die wir gelernt haben, haben mehr Fragen als Erkenntnisse aufgeworfen. Eure Worte haben große Zweifel und Beunruhigung erzeugt. Eure Worte sind sehr groß, aber wir empfinden sie als sehr hart. Nicht, weil sie beleidigen, sondern weil es uns nicht immer gelingt, sie zu verstehen.“ Die patriarchale Praxis im Mainstream kritisierte sie hart: „In der sogenannten wissenschaftlichen Community werden die Beiträge und Forschungen der Frauen nicht anerkannt. Hier regiert der Machismo.“ Die Sprecherin betonte gleichzeitig, dass vieles in diversen Fachbereichen gelernt werden konnte und auch konkrete Vorschläge zur Verbesserung des Status Quo gemacht wurden.
Das Treffen endete in konstruktiver Stimmung, den Vortragenden wurde herzlich gedankt. Subcomandante Moisés kündigte an, dass ein langer gemeinsamer Weg begonnen habe und es weitere Treffen geben wird, um wirklich unabhängige, kapitalismus- und herrschaftskritische Wissenschaften zu fördern und zugänglich zu machen, zum Beispiel durch den Aufbau autonomer Hochschulen. Ende 2017 wird der nächste Wissenschaftskongress stattfinden.

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