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Mythos Evita

Alle wollen sie der Mann an ihrer Seite, der Schöpfer des Mythos Evita gewesen sein: “Ich habe Evita gemacht”, verkündete ihr liebender Witwer, der argentinische Präsident Juan Perón nach ihrem frühen Tod 1952. “Letzten Endes war Evita mein Produkt” behauptet ihr langjähriger Friseur Julio Alcaraz. Er sei auf die geniale Idee verfallen, ihr 1948 die Haare zu blondieren, er habe die strenge und schlichte Madonnenfrisur erfunden, mit der Evita zur Ikone wurde. “Ich machte sie zu einer Skulptur von höchster Schönheit”, behauptet Dr. Pedro Ara in seinen posthumen Memoiren. Im Auftrag Peróns war er nach Evitas Tod sechs Jahre damit beschäftigt, ihre Leiche samt innerer Organe zu konservieren. Parallel dazu fertigte ein Bildhauer drei täuschend echte Wachskopien an, die man nur durch Röntgenbilder von der Leiche unterscheiden konnte. Diesem Treiben wurde erst 1955 durch einen Putsch gegen Perón ein Ende bereitet. Aus Panik, die Volksmassen könnten sich der Mumie bemächtigen und sie in Protestzügen durch die Straßen tragen, versuchten die Putschisten, die vier Evitas bei Nacht und Nebel zu verscharren. Als dies mißlang, begann eine Odyssee der Särge durch verschiedene Länder. Jahrelang geisterten Gerüchte über den Verbleib des “Originals” durch die Weltpresse. Schließlich stellte sich heraus, daß die echte Evita unter dem Namen Señora Maggio auf einem Mailänder Friedhof ruhte. Das allerdings nicht lange: 1972 wurde die Mumie General Perón in sein Haus im Madrider Exil überstellt, wo er mit seiner dritten Ehefrau Estela Martínez lebte. Zwei Jahre später begleiteten ihre formalingetränkten Überreste Peróns triumphale Rückkehr nach Argentinien als wiedergewählter Präsident. Heute ruhen Evitas Überreste auf dem elegantesten Friedhof von Buenos Aires, der “Recoleta”. Die Legenden, die sich um fatale Unfälle bei den Leichentransporten ranken, könnten es durchaus mit dem Fluch der Pharaonen aufnehmen.

Aufsteigerin aus der Provinz

Für das Großbürgertum war Eva Perón, ein Emporkömmling. Zeit ihres Lebens sah sich Eva Perón, geborene Duarte, Klassenvorurteilen ausgesetzt: Ihr eigener Vater, ein konservativer Gutspächter, zeugte mit ihrer Mutter, einer Landarbeiterin, fünf Kinder. Das Jüngste, die 1919 geborene Eva, wollte er nicht als seine Tochter anerkennen. Der provinziellen Enge ihrer Umgebung versuchte Evita schon früh zu entfliehen und kam als Fünfzehnjährige nach Buenos Aires – mit dem besessenen Wunsch, wie ihre Idole Norma Shearer und Bette Davis Schauspielerin zu werden.
Unscheinbar, blass und dürr, aber unglaublich energisch soll sie damals gewesen sein. Jahrelang schlug sich die mäßig Talentierte mit Nebenrollen bei Theater und Film durch, bis sie endlich zum Radio gelangte. Als Sprecherin hatte sie Ausstrahlung. So viel, daß man ihr die Hauptrolle in der Serie “Die Amazoninnen der Geschichte” anbot. Eva Duarte war dabei, ihre Rolle im Leben zu kreieren.
Mit den entwaffnenden Worten “Danke, daß es Sie gibt”, ging Eva Duarte 1944 bei einem Wohltätigkeitsball auf den einflußreichen General Perón zu. Das aufstrebende Medientalent schnappte sich ein einflußreiches Mitglied der Militärjunta, einen 49jährigen Witwer. Klingt nach einem gezielten Coup, einer strategischen Allianz. Gleichzeitig bestätigen nicht nur Zeitzeugen, sondern auch die erhaltenen Liebesbriefe, daß Perón und Evita einander geradezu vergöttert haben müssen.
Für Peróns Offizierskollegen stellte Evita eine Schlampe mit dubioser Vergangenheit dar, ein Weibsbild, das unangemessene Courage an den Tag legte. Als sie zufällig mithörte, wie ein Offizier Perón nahelegte, sie nicht zu heiraten, überkübelte Evita ihn mit Hühnersoße. Perón soll sich vor Lachen geschüttelt haben.
Zwei Aufsteiger aus einfachen Verhältnissen gegen das alte Establishment. Perón der kühlere, manchmal zauderne Stratege, Evita die weitaus leidenschaftlichere, dynamischere Kraft: Ihre Politik war die Kommunikation mit den Massen, die direkte Aktion. Sie agitierte erfolgreich auf Demonstrationen, als Perón im Oktober `44 von rivalisierenden Militärs verhaftet wurde und sie unterstützte seine Kandidatur bei den freien Präsidentschaftswahlen im darauffolgenden Jahr.
Eva Peróns Jahre als “la Presidenta” war eine rastlose Folge von Aktivitäten: Obwohl sie nie ein offizielles Amt bekleidete, wurde sie schnell zur Schlüsselfigur: Ihre Eva-Perón-Stiftung verschenkte in großem Stil Sachmittel an Bedürftige – von der Zahnprothese bis zur Wohnung. Viel Show war auch dabei. Bei ihren zahlreichen Touren durchs Land warfen ihre Helfer oft bündelweise Geldscheine aus dem Zug. Was aus heutiger Sicht wie das Helferinnensyndrom einer unausgelasteten Frau an der Seite eines mächtigen Mannes wirken könnte, stellte für das damalige argentinische Establishment eine politische Provokation dar. Das Angebot großbürgerlicher Damen, den Vorsitz in ihrem Wohltätigkeitsverein zu übernehmen, lehnte die Perón brüsk ab. Sie wollte keine mildtätigen Pflaster, sondern soziale Gerechtigkeit und vertrat dies mit Vehemenz und klassenkämpferischem Pathos. So lautete ein Spruch ihrer Gesundheitskampagne: “In Peróns Argentinien haben die Arbeiter vollständige Kauwerkzeuge und können ohne Armutskomplexe lächeln.”
Gleichzeitig spielte Eva Peróns verletzter Stolz eine wichtige Rolle, das Bedürfnis, es denen aus der Oberschicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. Ihre Sucht nach luxuriösen Kleidern sorgte immer wieder für Schlagzeilen. So ließ sie anläßlich eines Balls ein monströs teures Dior-Kleid einfliegen. Die Selfmadefrau bastelte akribisch an ihrem Image: Stimmtraining, Diäten, ein rigides Selbstdisziplinierungsprogramm. Da blieb wenig Raum für die Laszivität und Lasterhaftigkeit, die ihre Gegner ihr unterstellten.

Mutter der Nation

In einer Machogesellschaft kreierte Evita Perón ein Image, das heroisch und stark, gleichzeitig aber von “weiblicher” Wärme geprägt sein sollte. Sie war keine Feministin, setzte sich aber gezielt für konkrete Dinge ein: Gründete eine peronistische Frauenpartei, setzte das Frauenwahlrecht durch, die Legalisierung der Ehescheidung und – was ihr den Zorn vieler bigotter Bürger einbrachte – die Gleichstellung unehelicher Kinder. Fast wäre sie sogar 1951 die erste Vizepräsidentin der Welt geworden: Drohgebärden der Militärs – für deren Machoehre es unerträglich gewesen wäre, eine Frau als stellvertretende Oberbefehlshaberin zu haben – und der Ausbruch ihres Krebsleidens veranlaßten sie allerdings, die Kandidatur zurückzuziehen. Eva Peróns Siechtum nahm den Charakter einer nationalen Tragödie an. Die Mutter der Nation, selbst kinderlos an Gebärmutterkrebs sterbend, strickte schon vor ihrem Tod an ihrem Mythos mit. Als die ersten Druckfahnen des erbaulichen Werkes “Der Sinn meines Lebens”, das Evita auf Anweisung Peróns einem offiziellen Biographen diktiert hatte, auf ihrem Krankenbett landeten, war sie trotzdem erschrocken und nannte das Werk verächtlich eine “Skulptur”. Heimlich machte die Sterbende eigene Aufzeichnungen und versteckte sie unter dem Kopfkissen.

Liebling der Medien

Evitas Beerdigung war ein Medienereignis, pompös und anrührend zugleich. Bereits vor ihrem Tod war der Papst mit Briefen eingedeckt worden, die Evita Wunder zuschrieben und um ihre Heiligsprechung baten. Eine halbe Millionen Menschen küßten während der zwölftägigen Totenwache den Sarg. Einige mußten sogar weggezerrt werden, weil sie sich zu Füßen der Aufgebahrten umbringen wollten.
“Don`t cry for me Argentina”: Im Heimatland von “Evita” war das Musical, mit dem Andrew Lloyd Webber und Tim Rice ab 1978 internationale Erfolge feierten, nie sonderlich beliebt. Für Tomás Eloy Martínez, den Autoren des Buches “Santa Evita”, ist das Opus eine “gesungene Das-Beste-aus-Readers-Digest-Story”. Für besondere Empörung sorgte der historisch haarsträubende, aber dramaturgisch wirkungsvolle Gag des Musicals, Evita mit Che Guevara zusammentreffen zu lassen. Zwei Ikonen made in Argentina, deren tragisch-romantisches Image sich fantastisch vermarkten läßt. Beide starben jung und schön “im Dienst ihrer Sache”: Der Vollblutrevolutionär Che Guevara, der bei einer aussichtslos erscheinenden Guerillamission im bolivianischen Dschungel ermordet wurde. Evita Perón, die von eisernem Willen beseelte Missionarin, die sogar nach Ausbruch ihres Krebsleidens noch bis zu zwanzig Stunden am Tag zwischen verschiedenen Aufgaben rotierte.
“Lebte Evita noch, so wäre sie Partisanin”, sangen argentinische Guerilleros in den Siebzigern während der Militärdiktatur. Als Vorbild der Linken ist Evita allerdings nur begrenzt tauglich: Zu stark war die Faszination Peróns für Mussolini, zu autoritär sein Vorgehen gegenüber Liberalen, Kommunisten und Sozialisten. Evita stattete sogar 1947 dem frankistischen Spanien einen Besuch ab – bei dem sie allerdings ständig ihre Gastgeber mit Hinweisen auf die dortige Armut brüskierte. Eva Perón war konservativ und autoritätsgläubig, gleichzeitig aber eine Gerechtigkeitsfanatikerin.
Am Stoff, aus dem die Mythen sind, stricken auch die Verfasser von Biographien mit. So sind die drei auf deutsch erhältlichen Evita-Biographien voluminöse, ausschweifende Mischungen aus Fakten und Fabeln, Report und Roman. Wer will schon bei Evita so kleingeistig sein, mit Fußnoten zu arbeiten? Mit ironischer Distanz beschreibt Eloy Martínez in seinem brillanten Buch “Santa Evita” sein Lavieren zwischen dem Versuch, den Mythos zu fassen zu bekommen, und dem faszinierten Eintauchen in die verschiedenen Facetten.
Starke, widersprüchliche Frauenrollen sind bekanntlich beim Film Mangelware. Kein Wunder, daß, wenn eine “Evita”-Verfilmung ausgerufen wird, sich die crème-de-la-crème der Schauspielerinnen darum reißt. 1981 verkörperte Faye Dunaway “Evita Perón” in einer US-amerikanischen Fernsehproduktion, bei der Marvin J. Chomsky Regie führte. Bei Alan Parkers Verfilmung des “Evita”-Musicals gelang es Madonna, die Hauptrolle zu ergattern. Die Dreharbeiten in Buenos Aires, Budapest und London gerieten zu einem Medienspektakel.
“Madonna raus! Evita lebt!” stand in großen Lettern auf argentinischen Häuserwänden. Präsident Menem, der sich trotz seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik gerne als Hüter des peronistischen Erbes inszeniert, stellte sich selbst an die Spitze einer offiziösen Kampagne gegen Madonna. Im Brustton der Überzeugung führte der notorische Frauenheld, der für seine operettenhaften Selbstinszenierungen berüchtigt ist, moralische Entrüstung ins Feld. Aber Madonna war cleverer. Während sie in Budapest durch Starallüren auffiel, bedachte sie ihr Gastland Argentinien mit hingebungsvoller Aufmerksamkeit. Stundenlang unterhielt sie sich mit alten Peronisten, tauchte nachts unversehen in schlichten Tangobars auf. Auch äußerlich schien das “Material Girl” von Tag zu Tag mehr der Madonna der Armen zu gleichen. Die öffentliche Meinung kippte: “Madonna ist eine perfekte Evita”, verkündigte Angel Farías, Evitas ehemaliger Leibfotograf nach einem Zusammentreffen mit der Popdiva.
Nichtsdestotrotz lassen die Argentinier es sich nicht nehmen, in diesem Jahr mit zwei eigenen Evita-Verfilmungen aufzuwarten. Die bekannte Fernsehansagerin Susana Giménez, die seit 13 Jahren dieses Projekt verfolgt, erfüllte sich im Alter von 50 Jahren endlich “den Traum ihres Lebens”, Evita in einer dreiteiligen Fernsehserie zu verkörpern.
Eine ernsthafte Konkurrenz zu dem Alan Parker-Film stellt “Eva Perón” von Juan Carlos Desanzo dar. Der Film, dessen Drehbuch der bekannte Schriftsteller und Peronismus-Experte José Pablo Feinmann verfaßte, ist in Argentinien ein Publikumsrenner und wurde von der dortigen Filmindustrie stolz für die Oskar-Nominierung eingereicht. Kritiker bescheinigen der Hauptdarstellerin Esther Gorris, eine fantastische, facettenreiche und widersprüchliche Evita auf die Leinwand zu bringen. “Eva Perón lebt”, jubelte das Intellektuellenblatt Pagina 12.
Die Mumie und ihre drei Wachskopien sind endlich unter der Erde. Jetzt beginnt das Rennen der drei frisch abgedrehten Zelluloidkopien um die überzeugendste filmerische Reinkarnation der Frau, die Evita war – oder gewesen sein soll.

Bücher:
– Tomás Eloy Martínez: Santa Evita, Suhrkamp Verlag 1996, 431 Seiten, 48 DM.
– Alicia Dujoyne Ortíz: Evita Perón – Die Biographie, Aufbau Verlag 1996, 433 Seiten,
– Abel Posse: Evita – Der Roman ihres Lebens, Eichborn Verlag 1996, 408 Seiten.

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