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Die Einsamkeit eines Torwarts

Niemand ist so alleine, wie der Torwart auf der Linie. In einem Augenblick hängt alles an ihm selbst.“ Es ist kein Wunder, dass der zwölfjährige Mauro sich mit dem letzten Mann auf dem Fußballfeld identifiziert. Schließlich handelt der Film O ano em que meus pais saíram de ferías (Das Jahr, in dem meine Eltern in Urlaub fuhren) davon, wie Mauro sich alleine in einer ihm fremden Welt zurechtfinden muss. Er lernt viel über seine Stärken und dass das Leben nicht immer planbar ist.
Verloren steht Mauro vor einem Mietshaus in São Paulo, als hinter ihm ein Ambulanzwagen vorbeifährt. Unwillig geht er in das Haus hinein und klopft an der Tür der Wohnung, in der laut seinem Zettel sein Großvater wohnt. Doch der öffnet nicht. Ob er sich verspätet hat? Über Stunden wartet der Junge auf dem Flur, spielt mit einem Ball. Doch der sonst so pünktliche Großvater lag in dem Ambulanzwagen, der scheinbar zufällig vorbeifuhr, im Sterben.
Eigentlich wohnt Mauro in Belo Horizonte. Doch weil seine Eltern völlig überstürzt in die Ferien fahren mussten, sollte nun sein Opa in São Paulo solange auf ihn aufpassen. Weinend hatte sich Mauros Mutter von ihm verabschiedet, sein Vater versprach, dass er zur Fußballweltmeisterschaft wieder zurück sein würde. Ohne seinen Opa oder seine Eltern ist Mauro nun völlig verloren. Schließlich entdeckt Shlomo, der eher zurückgezogene Nachbar des Großvaters, Mauro auf dem Flur. Es bleibt ihm keine Wahl, als den Jungen bei sich aufzunehmen.
Zunächst ist der Alte etwas ratlos, was er mit dem Jungen anfangen soll. Bei der jüdischen Gemeinde fragt er um Rat. „Du musst den Jungen aufnehmen, so wie Moses im Bastkörbchen auch aufgenommen wurde“, redet der Rabbi Shlomo ins Gewissen, der schon den Jungen im Waisenhaus loswerden wollte. Und so behält Shlomo Mauro bei sich und fängt an, ihn „Moishele“ zu nennen.

Fremd im Schmelztiegel

Mauro muss sich damit abfinden, nun alleine zu sein. Er vermisst seine Eltern. Aus Furcht, er könne einen Anruf verpassen, verlässt er am Anfang nicht die Wohnung. Doch das wird mit der Zeit langweilig. Er beginnt, das Einwandererviertel Bom Retiro zu erkunden.
Am Anfang ist ihm alles fremd: der jiddisch sprechende Shlomo, der Fisch zum Frühstück isst. Die täglichen Gebeten und Ritualen seiner neuen Bezugsperson, von denen Mauro nichts versteht, obwohl sein Großvater auch orthodoxer Jude war. Die anderen Menschen im Viertel sind so ganz anders als im eher provinziellen Minas Gerais, wo Mauro herkommt. Alle gehören zu einer Gruppe von EinwanderInnen: Shlomo ist polnischer Jude, die Leute von der Kneipe um der Ecke kommen aus Griechenland, der linke Student und Freund von Mauros Vater hat italienische Vorfahren, ChinesInnen, AraberInnen und KoreanerInnen, sie alle leben im Viertel Bom Retiro.
Schließlich findet er auch FreundInnen in seinem Alter. Insbesondere mit Hanna, die im gleichen Haus wohnt, verbringt er viel Zeit. Gemeinsam spielen sie mit den anderen Kindern des Viertels Fußball, und Mauro entdeckt bald, was er werden möchte: Torwart. Im Laufe der Zeit wird er in das Viertel integriert. In gewisser Weise lebt er das Schicksal seiner Vorfahren nach, die sich ja auch als jüdische Flüchtlinge in einer fremden Welt einfinden und integrieren mussten.
Die ganze Geschichte spielt vor dem Hintergrund der Fußballweltmeisterschaft von 1970, die Mauro leidenschaftlich verfolgt. Der Fußballtaumel, in den die BewohnerInnen des Viertels fallen, verbindet sie alle. So ist Fußball eine Metapher für den Integrationsprozess im „melting pot“ Bom Retiro. Mauro darf jeden Tag bei einem anderen Mitglied der jüdischen Gemeinde zu Mittag essen, obwohl er eigentlich ein „Goi“, also kein Jude ist. Der Film stellt humorvoll und nostalgisch dieses Zusammenleben in Bom Retiro dar – überzeugend dargestellt von Michel Joelas (Mauro), Daniela Piepszyk (Hanna) und Germano Haiut (Shlomo). Brasilien wird als das Land präsentiert, wo alle ihre Heimat finden können, solange sie für die richtige Fußballmannschaft jubeln. Nun ist aber die Geschichte nicht sonderlich originell, dass Fußball das ist, was alle BrasilianerInnen vereint – seien sie nun arm oder reich, (politisch) links oder rechts, schwarz oder weiß oder welcher Herkunft auch immer. Dass Fußball zum brasilianischen Nationalmythos gehört, ist ein festes Klischee. Und tatsächlich hat auch der Film seine schwächeren Momente, wenn man immer wieder die verschiedenen BewohnerInnen des Viertels bei einem Treffer Brasiliens jubeln sieht. Dies einmal zu zeigen hätte wohl auch genügt.
Doch lief damals nicht nur die Weltmeisterschaft in Mexiko. Sechs Jahre zuvor hatten die Militärs in Brasilien geputscht und die demokratische Regierung abgesetzt. Gerade das Jahr 1970 gehört zur „bleiernen Epoche“, der Zeit der schlimmsten Repressionen. In Brasilien erinnern sich alle gerne an die Fußballweltmeisterschaft von 1970, als Brasilien zum dritten Mal Weltmeister wurde. Doch die gleichzeitig stattfindende Repression und die Form, wie die Militärdiktatur den Sportsieg propagandistisch ausschlachtete, verdrängen viele BrasilianerInnen lieber. Es ist der größte Verdienst des Films, diese andere Seite des Jahres 1970 zu thematisieren.
Shlomo muss nun auch dazu lernen. Obwohl er sich nie für Politik interessierte, tauscht er nun Nachrichten mit Italo aus, dem linken Aktivisten, der Mauros Vater kennt. Sie versuchen herauszubekommen, wo sich Mauros Vater tatsächlich aufhält – kein ungefährliches Unterfangen.
Schließlich wird auch Mauro klar, dass es keine gewöhnlichen „Ferien“ sind, in die seine Eltern gefahren sind. Als die bittere Wahrheit ans Licht kommt, geht gerade das Finale gegen Italien zu Ende. Brasilien ist Weltmeister, Mauros Traum ist in Erfüllung gegangen, aber zum Jubeln ist ihm nicht zumute. Die Fernsehaufnahmen vom Sieg 1970 werden gezeigt, ohne dass diese Bilder beim Publikum Freude hervorrufen sollen: Das gab es so noch nie im brasilianischen Kino. Regisseur Caio Hamburger versteht es meisterhaft, die beiden Facetten des Jahres 1970 glaubhaft miteinander zu verbinden. Der Mythos, dass 1970 ein perfektes Jahr für Brasilien war, wird so gebrochen.
Am Ende lernt Mauro wie schlimm das Leben in einer Militärdiktatur sein kann und dass manche Wunden vielleicht nie verheilen. Doch als Torwart muss Mauro lernen, auch damit irgendwie umzugehen. Es ist eben wie in dem brasilianischen Sprichwort: „Das Leben des Torwarts ist so hart, dass nicht einmal das Gras dort wächst, wo er steht.“

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