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Ansichten eines Anarchisten

Augustin Souchy (1892 bis 1984) gehört sicherlich zu den umtriebigsten Anarchisten des 20. Jahrhunderts. Eines seiner bevorzugten Betätigungsfelder war Mexiko, das ihm 1942 nach seiner Flucht aus Europa Exil gewährt hatte und schon bald zur zweiten Heimat wurde. Ausgestattet mit der mexikanischen Staatsbürgerschaft lebte er dort – mit einigen Reiseunterbrechungen – bis Anfang der 1960er Jahre. Auch nach seiner Rückkehr nach Europa blieb Souchy Mexiko verbunden und kehrte bis in die 1970er Jahre immer wieder dorthin zurück.
In diese Zeitspanne fallen auch seine Mitteilungen“ in denen er sich mit den verschiedensten Themen zu Mexikos Geschichte und Gegenwart auseinandersetzte. Diese Texte, die der Oppo-Verlag unter dem Titel Mexiko – Land der Revolutionen nun erstmals als Sammelband veröffentlicht hat, zeugen von jenen menschlichen Qualitäten, deren politische und journalistische Umsetzung Souchy zu einem der markantesten und sympathischsten Zeitzeugen libertärer Entwicklungen im 20. Jahrhundert werden ließen: Lebenslange Neugierde, Lernfähigkeit, Mut zur persönlichen Intervention und die unbedingte Bereitschaft, sich jederzeit existentiell auf das Ringen um soziale Befreiung einzulassen. Hinzu wird die seltene Gabe offenbar, die Solidarität mit den Unterdrückten als authentische Begegnung auf gleicher Augenhöhe konkret werden zu lassen. Auch in Mexiko findet der in Schlesien geborene Anarchosyndikalist, anti-militaristische Agitator und Weltreisende in Sachen Revolution den Weg in die Herzen der Menschen.
Getragen von einem Urvertrauen in das anarchistische Gesellschaftsideal verdichtet sich die Lebensnähe der eigenen Erfahrungswelt in Souchys Texten zu stilistischer Kraft und inhaltlicher Originalität. Selbst da, wo Souchy in einer Mischung aus revolutionärem Überschwang und Dankbarkeit des geretteten Flüchtlings verschiedentlich zu einer allzu positiven Einschätzung neigt, bewahrt ihn der eigene, stets offene Blick auf die soziale Realität vor ideologischer Verabsolutierung. Breiten Raum räumt er Vorgeschichte, Verlauf und gesellschaftlich-kulturellen Nachwirkungen der gegen den Militärdiktator Porfirio Díaz gerichteten Revolutionsbewegung ein, die ab 1910 so gut wie alle Bevölkerungsgruppen Mexikos in ihren Bann zog. Zu Recht weist Souchy auf die hierzulande kaum bekannte Nachhaltigkeit hin, mit der anarchosyndikalistische Tendenzen Einfluss auf die im Laufe der sozialen Umwälzungen in Mexiko erst entstehende Gewerkschaftsbewegung nehmen konnten. Bei aller Euphorie über die postrevolutionär etablierten Institutionen und Formen politischer Konfliktaustragung verschließt er aber nicht die Augen vor der Ausbreitung von Pfründenwesen, Vetternwirtschaft und Korruption im Herrschaftsapparat der allein regierenden Revolutionären Institutionellen Partei (PRI). In deutlichen Worten beklagt er die mangelnde Initiative und fehlende Selbstverantwortung von Arbeiter- und Bauernschaft, geißelt den ideologischen Einfluss des reaktionären Klerus, kritisiert schonungslos die Ungerechtigkeiten des nach wie vor kapitalistisch verfassten Wirtschaftssystems und die fortbestehende Diskriminierung der indigenen Bevölkerung.
Herausgeber und Verlag ist eine ansprechende Zusammenstellung dieser zeithistorisch bedeutenden Schriften und Zeugnisse gelungen. Das Vorwort sowie der sorgfältig gestaltete Anhang mit ausführlichem Glossar, Zeittafel und Quellenverzeichnis machen diese nun wieder veröffentlichten Texte auch LeserInnen ohne spezielle Vorkenntnisse gut zugänglich.

Augustin Souchy // Mexiko – Land der Revolutionen. Mitteilungen von 1942 bis 1976 // Herausgegeben von Jochen Knoblauch // Oppo-Verlag // Berlin 2008 // 111 Seiten // 16 Euro // www.oppo-verlag.de

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