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Arbeit statt Almosen

Donald Duck macht Feierabend. Es ist Samstag Mittag im schweizerischen Bellinzona. Der Wochenmarkt ist vorbei und viel Geschäft nicht mehr zu machen. Die weiße Ente mit dem blauen Anzug watschelt langsam in eine Seitengasse. Erst dann nimmt sie den Kopf ab. Darunter erscheint Luis Alberto Morales. Er schwitzt, trotz der niedrigen Temperaturen. „Man bekommt nicht viel Luft hier drunter. Aber im Winter ist es schön warm.“ Es war ein guter Vormittag für den 57-jährigen Ecuadorianer. Als Donald Duck verkleidet pustet er für Kinder lange Luftballons auf und verwandelt sie in bunte Blumen oder kleine Schwerter. Er verkauft die Figuren nicht. Wer mag, gibt eine Spende. Luis Alberto hat das Disney-Gewand extra aus Lateinamerika einfliegen lassen. Der Mann mit dem Schnurrbart ist stolz auf seine Idee. „Ab und an muss man sich etwas Neues einfallen lassen. Die Leute sind es irgendwann leid, uns ständig mit der Gitarre oder einer Rassel in der Hand zu sehen“, erzählt Luis Alberto.
Seit einigen Jahren gehören er und einige hundert andere indigene Ecuadorianer_innen zum Stadtbild in der Schweiz. Man sieht sie vor Supermärkten oder vor den Kassenautomaten der Parkhäuser spielen. Auf Märkten verkaufen sie ecuadorianisches Kunsthandwerk und chinesischen Plastikkitsch. Einige bieten auch professionelle Straßenshows in traditionellen Trachten dar. Jedes Jahr kommen mehr. Wie viele es genau sind, ist schwer zu schätzen.
Das Alpenland erscheint den Migrant_innen in Zeiten der Wirtschaftskrise in Spanien wie eine Rettungsinsel. Einst waren sie in der Hoffnung nach Europa gekommen, dort Arbeit und ein Einkommen zu finden, das ihnen und den daheimgebliebenen Familienangehörigen ein besseres Leben ermöglichen sollte. Doch Arbeit auf Feld und Bau ist inzwischen rar geworden, immer mehr Migranten_innen buhlen um die immer schlechter bezahlten Jobs.
Jetzt in der kalten Jahreszeit gibt es in Spanien nichts mehr zu tun. „Wir haben keine Arbeitslosenversicherung. Irgendwas müssen wir machen, um etwas zu essen zu haben“, sagt Luis Alberto. Schon im Herbst kommen deshalb viele von ihnen in die Schweiz. Einige bleiben sogar mit wenigen Unterbrechungen das ganze Jahr über hier. Mit dem spanischen Visum im Pass können sie sich drei Monate legal in der Schweiz aufhalten. Als Tourist_innen. Arbeiten dürfen sie damit offiziell nicht. Viele Einheimische werfen ihnen vor, mit dem Mitleid zu spielen. Vor allem, wenn sie dabei noch ein Kind auf dem Arm halten. „Das ist kein Betteln“, entgegnet Luis Alberto Morales. „Wir arbeiten sehr hart für unser Geld.“
Vor rund zwölf Jahren ist er zum ersten Mal nach Europa gekommen. In Spanien erhoffte sich der Indigene eine bessere Zukunft. Eines Tages möchte er in sein Heimatdorf Carabuela nördlich der Hauptstadt Quito zurückkehren. Eine Hoffnung, die sich bislang nicht erfüllt hat. Die jüngste Tochter Mishel musste gerade von der Schule abgehen, weil Schulbücher, Stifte, Hefte und der Bus zu teuer wurden. Jetzt hilft die 15-jährige ihrem Vater beim Geldverdienen. „Bildung ist für mich eigentlich der einzige Ausweg aus diesem Leben“, sagt Luis Alberto nachdenklich. Er selbst ist nur ein paar Monate zur Schule gegangen; Lesen und Schreiben hat er sich eigenständig beigebracht. Er weiß, dass es auch seine Kinder schwer haben, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. „Ich hoffe aber, dass zumindest meine Enkel eines Tages ein anderes Leben haben“, so der fünffache Großvater.
Kurz vor Weihnachten holen sie die Kinder aus der Schule oder aus dem Kindergarten in Spanien zu sich in die Schweiz. Luis’ Schwiegertochter Elsa wartet auf die Ankunft ihres Sohnes Wayra. „Wir wollen Weihnachten zusammen feiern. Aber wir müssen auch arbeiten. Es gibt also keine Alternative.“ Wayra ist gerade in die erste Klasse gekommen. „Vor einiger Zeit sagte er zu mir: ‚Mama, ich will nie wieder frieren‘. Manchmal verzweifle ich daran, dass er nun wieder hier sein wird.“ Bislang hatte eine Freundin auf den Jungen aufgepasst. Doch auch sie macht sich nun auf zu den Weihnachtsmärkten Europas und kann sich nicht mehr um ihn kümmern. Deshalb wird Wayra nun mit dem nächsten Lieferwagen aus Spanien ankommen. Für Mutter Elsa eine schöne und gleichzeitig beängstigende Vorstellung. Zu frisch ist die Erinnerung an das, was vor vier Jahren passiert ist. Am 27. Dezember 2008 kamen auf einem Tessiner Autobahnrastplatz zwei Ecuadorianer in ihrem Lieferwagen ums Leben. Marta und Enrique sind nicht erfroren. Die Abgase aus dem Generator, der die Batterien aufladen und gleichzeitig das Auto wärmen sollte, hatten sie im Schlaf ums Leben gebracht. „Seitdem benutzen wir keine Heizungen mehr“, sagt Elsa. „Wir schlafen eng aneinander und mit vielen Decken.“
Heute Nachmittag steht für die Familie Morales ein Weihnachtsmarkt auf dem Programm. Gleich sechs der rund 20 Stände werden hier von den Ecuadorianer_innen betrieben. Für einen Stand bezahlen sie etwa 50 bis 100 Franken (40 bis 80 Euro). Dazu kommt das Geld für Benzin. Wenn es gut läuft, verdienen sie rund 100 Franken pro Abend. Wenn es schlecht läuft, zahlen sie drauf. In diesem Jahr zahlen sie oft drauf. „Die Krise macht sich auch hier langsam bemerkbar. Die Leute kaufen weniger“, sagt Luis Alberto. Vielleicht hat man ihr Angebot auch schon zu oft gesehen. Man hat sich an die Anwesenheit der Ecuadorianer_innen gewöhnt. Sie gehören fast dazu – und doch sind sie unsichtbar. Die Behörden haben mehr oder weniger resigniert. Platzverweise, Strafzettel und selbst das Angebot, den Rückflug nach Südamerika zu bezahlen, haben die Ecuadorianer_innen nicht stoppen können. Man lässt sie gewähren. Aber die Schweiz ignoriert dabei, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen sie im Tessin vor allem zur Winterzeit leben. Auch bei Minusgraden schlafen sie in ihren Lieferwagen, kochen auf abgelegenen Wiesen auf kleinen Gaskochern die einzige warme Mahlzeit am Tag und waschen sich notdürftig auf den Toiletten von Einkaufszentren. Erst der Tod von Marta und Enrique hat einen ganzen Kanton kurzfristig aus der Apathie geweckt. Innerhalb kürzester Zeit wurden Spenden von rund 40.000 Franken (etwa 33.000 Euro) gesammelt, die vor allem dazu dienten, die Särge zurück nach Ecuador zu transportieren. Doch was ist mit den Lebenden? Sie wollen keine Almosen, sie wollen Arbeit. „Wir sind sehr dankbar dafür, wie gut die Menschen zu uns hier sind. Wir bekommen oft Essen, Kleidung oder Spielzeug für die Kinder geschenkt“, erzählt Luis Alberto. Doch dadurch ändert sich ihre Lebenssituation nicht wirklich. „Mein größter Wunsch wäre es, wenn wir uns besser organisieren könnten, um Arbeitsvisa zu bekommen oder eine Kooperative aufzubauen.“ Jetzt scheint sein Wunsch wahr zu werden. Ein Anwalt half ihnen, in Spanien die Gründung eines eingetragenen Vereins zu beantragen. Seither ist Luis Alberto Präsident von Runa Llacta. Über diesen Namen haben die 14 Mitglieder lange nachgedacht. „Runa Llacta“ bedeutet auf Quechua „das Volk der Erde“ und steht für alle indigenen Völker. Aufklärung über ihre Rechte, bessere Zusammenarbeit mit den Behörden, mehr Gemeinschaftsgefühl untereinander, das sind die Ziele. Noch ist nicht klar, wie der Weg dorthin aussehen soll. Sie hoffen auf Unterstützung von Menschen, die sich mit diesen Themen auskennen. Aber sie wissen, dass niemand diesen Weg für sie gehen kann. In diesem Winter wollen sie gemeinsam einen Katalog entwerfen, in dem sie ihre Produkte beschreiben. Damit möchten sie sich um die Aufnahme als Kooperative in eine der vielen Fair-Trade-Organisationen bewerben. Ziel ist, die positiven Aspekte der Globalisierung zu nutzen: weltweiter Vertrieb ohne physische Präsenz. Eines Tages sollen die Produkte von Runa Llacta in allen Eine-Welt-Läden Europas zu haben sein. Dann könnten sie ihr ungewolltes Nomadenleben aufgeben und in die Heimat zurück. Doch bis dahin werden noch Jahre vergehen.
Auch heute Nacht werden Luis Alberto und seine Familie wieder einen Platz in der Nähe einer Tankstelle suchen. Sie werden den Motor noch einige Zeit laufen lassen, damit es im Innern etwas warm wird. Dann werden sie sich in Decken einwickeln und warten, bis der Schlaf sie überkommt. Und darauf vertrauen, dass sie am Morgen wieder erwachen.

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