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Auf der Suche

Riesige Hochhäuser ragen in die Höhe. Sie sind kaputt, Fenster und Türen fehlen, zum Teil sind ganze Haushälften abgerutscht, Betonpfeiler und Zimmerdecken hängen in bedrohlichen 90-Grad-Winkeln hinunter, Kabel und Rohre ragen hilflos ins Leere. Der Anblick hat etwas Gespenstisches. Die Ruinen wirken seltsam deplaziert in der sonst so idyllischen Küstenlandschaft. Aber sie bieten die perfekte Kulisse für Marité Ugás‘ zweiten Spielfilm El chico que miente („Der Junge, der lügt“), über einen Jungen, der in einer Welt aus Lügen heranwächst und sich das Lügen zu eigen macht, um seinen Weg zu gehen.
Der Junge wohnt mit seinem Vater und noch ein paar anderen in den Ruinen, die übrig sind von der großen Schlammlawine, die 1999 seinen Ort überrollte. Der seltsame Trupp ist nach der Katastrophe nicht in die Notunterkünfte für die Überlebenden umgesiedelt und sucht nun in einer unendlichen Sysiphosarbeit übrig gebliebene Gegenstände aus dem Sand. Manche davon können sie für ihre behelfsmäßigen Wohnungen verwenden, andere, wertvollere, symbolisieren einfach nur vergangene Zeiten. An den Wänden der Ruinen stehen die Namen der Toten geschrieben: Ein riesiger Ort der Erinnerung.
Auch die Mutter des Jungen wurde von der Lawine mitgerissen. Was genau passiert ist, weiß er nicht, denn es spricht niemand mit ihm darüber. Schon gar nicht sein Vater, der in seinem Schmerz zu ertrinken scheint. Er stößt den Jungen immer weiter von sich, um nicht mal durch die Nennung seines Namens an seine Frau erinnert zu werden.
Der Junge wiederum ist nicht von der Hoffnung abzubringen, dass seine Mutter vielleicht überlebt, nur ihr Gedächtnis verloren hat und irgendwo auf ihn wartet. Also bricht er auf und macht sich auf die Suche. Hier setzt der Film ein und begleitet seinen großartigen Hauptdarsteller von einem malerischen Strand der venezolanischen Karibikküste zum nächsten. In jedem Dorf erzählt der Junge eine neue Geschichte, wie er seine Eltern bei der Katastrophe verloren hat. Die ZuschauerInnen erfahren seine Vorgeschichte durch locker eingestreute, in sepiafarbenen Rückblenden erzählten Erinnerungsfetzen.
Marité Ugás hat ein gutes Händchen bewiesen in der Auswahl des jungen Iker Fernández, der den Jungen ohne Namen mimt. Er wurde unter 500 Bewerbern ausgewählt und hat nie vorher als Schauspieler gearbeitet. Die zweite große Hauptrolle spielt das Meer sowie die Landschaft der Karibikküste und seine BewohnerInnen, die von Ugás liebevoll porträtiert werden. Es scheint sich außerdem fortzusetzen, dass die besonderen Perlen der Berlinale im Generationen-Programm zu finden sind. Vielleicht technisch keine radikal neuen Filme, aber oftmals feinfühlig gezeichnete Charakterstudien ihrer HauptdarstellerInnen, die gleichzeitig gekonnt ein Bild der Probleme einer Gesellschaft zeichnen.

El chico que miente („Der Junge, der lügt“) // Marité Ugás // 99 Min. // Venezuela/Peru 2011 // Auf der 61. Berlinale zu sehen bei Generation 14plus

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