«

»

Artikel drucken

Auf Maracatu-Wurzeln gebaut

Der Name meines Albums Na Pressão wird immer mit ‘unter Druck’ übersetzt, ‘under pressure’. Scheiße! So kann man das nicht übersetzen, das ist viel zu negativ. Es heißt ‘in the pressure, inside of the pressure’. In Brasilien trinkst Du ein Fassbier na pressão. Schhhh. Da kommt es, energisch. Oder wie eine Erektion“, lacht Lenine. So kommentiert er die internationalen Wogen, die sein neuestes Album schlug. Auf der internationalen Berliner Musikmesse WOMEX im Oktober 1999 war er mit dem kurz zuvor erschienenen Na Pressão bereits der gefeierte Star. Es ist das insgesamt vierte Album Lenines: 1983 erschien Baque Solto, das mit Lula Queiroga entstand, 1994 Olho de Peixe mit dem Pandeiro-Spieler Marcos Suzano und 1997 das erste Soloalbum O Dia Em Que Farmos Contato, mit dem Lenine in Brasilien bereits zwei Grammies abräumte.
Doch die Geschichte seiner Musik hat ihren Anfang eigentlich abseits von Medienrummel und einem breiten Publikum: Mit 18 Jahren zog Lenine aus seiner Heimatstadt Recife im brasilianischen Nordosten nach Rio de Janeiro. Anfang der 80er Jahre bearbeitete er dort mit einer Gruppe junger Leute riesige, rostige Fässer und intonierte dazu die traditionellen trance-artigen maracatu-Lieder aus dem Karneval seiner Heimat im Nordosten. Publikum und Medien waren damals noch überfordert. Die rostigen Fässer hat er mittlerweile gegen gängige Studioelektronik eingetauscht, aber Lenines Musik liegt immer noch ein paar Schritte neben den heute modischen Mustern. Er versteht sich dabei selbst als Verarbeiter der Einflüsse und Signale seiner Umgebung. Na pressão, mit energiegeladenem Druck mischt er einen eigenen Ton und Takt – von dem schnellen, ausgelassenen, afrobrasilianischen Rhythmus coco bis Drum ‘n Bass und Trip Hop ist dabei alles vertreten. Wie ein roter Faden zieht sich die gelungene Mischung von Gegensätzen wie Akkordeon- und Gitarren-Sounds oder traditionellen und synthetischen Rhythmen durch seine Arbeit und das neueste Album, das in vielen Songs auch sehr rockig und grungig daherkommt.
Der Opener Jack Soul Brasileiro ist eine Hommage an Jackson do Pandeiro, ein Meister des coco mit unglaublichem Rhythmusgefühl, der auch die embolada, eine dem coco ähnliche Liedform aus dem Nordosten, faszinierend beherrschte. Lenine nähert sich hier den wie in der embolada-typischen Zungenbrecher-Texten, in denen es von Alliterationen nur so wimmelt. Die alten Helden der brasilianischen Musik sind also ebenso präsent wie Sprechgesang aus Recife, das Akkordeon von Dominguinho und die vielfältigen Rhythmen von Marcos Suzano und Nana Vasconcelos, die sich durch die CD ziehen. Mit dem an den indigenen Namen Tupí angelehnten Titel Tubi Tupy versteht Lenine sich, wie er selbst sagt, als ein „Chronist“: „Niemand hat hier irgendwas entdeckt! Aber wir feiern fünfhundert Jahre. Diese Frage hat mich angeregt, ein Lied zu schreiben, um zurückzufordern, was wir von den Indios haben. Mein Name ist Tupí! Die Frage ist eben nicht ‘to be or not to be’, wie Shakespeare sagt, sondern ‘Tupí or not Tupí’.“
In Rua da Passagem (Trânsito) führt Lenine seine ZuhörerInnen über Geräusche und Straßenmusik durch beinahe riechbare Straßenzüge und skizziert den öffentlichen Lebensraum.
Seinen auf traditionellen Wurzeln gewachsenen Druckkessel Na Pressão der verschiedensten Stile, Klänge und Rhythmen fasst Lenine im Refrain des letzten Songs zusammen: „Und ich werde in irgendeine Richtung gehen / und zurückkehren, ich bin mein eigener Kopf.“

Lenine, Na Pressão, BMG Brasil LTDA, CD 74321 68235 2.
www.bmg.com.br

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/auf-maracatu-wurzeln-gebaut/