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Aus dem Kloster an die Narcofront

Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen von Spannungsliteratur, dass am Ende die Auflösung des jeweiligen Falls steht. Wer allerdings einigermaßen realistisch über den mexikanischen Drogenkrieg schreiben will, kann einen derartigen Schluss nicht bieten. Und so endete Tage der Toten, das epochale Werk des US-Amerikaners Don Winslow von 2005 zwar mit der Verhaftung des meistgesuchten Drogenbosses. Doch die Verbrechen gingen nahtlos weiter. „Etwa fünfzehn Minuten lang stockte der Drogenfluss, als Adán gefasst war. Dann war der Nachwuchs zur Stelle, und die Drogen flossen reichlicher als je zuvor.“ Adán, das ist Adán Barrera, seines Zeichens Chef des Sinaloa-Kartells. Über weite Strecken des Buches lieferte er sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit Don Keller von der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde DEA. Der eigenwillige Drogenfahnder selbst war es, der Barreras Onkel „Tio“ einst unwissentlich dazu verholfen hatte, die verschiedenen mexikanischen Kartelle als „Federación“ zu vereinen. Winslow gelang damals nicht nur ein genial konzipierter Thriller. Akribisch recherchiert rekapitulierte er 30 Jahre Geschichte des so genannten Krieges gegen die Drogen und schilderte eindrücklich die korrupte Verquickung von Politik und Drogenhandel.
Zehn Jahre später hat der gefeierte Autor, der bereits mehrere seiner Thriller im Drogenmilieu angesiedelt hat, mit Das Kartell nun eine Fortsetzung vorgelegt. Darin zeichnet er eben so gut recherchiert die dramatische Eskalation des Drogenkrieges im vergangenen Jahrzehnt nach.
Durch einen Trick lässt sich Barrera von einem US-Gefängnis nach Mexiko verlegen und kann dadurch sein Kartell vom Luxusknast aus leiten. Keller, auf den Barrera ein Kopfgeld ausgelobt hat, beendet daraufhin seine selbstgewählte Isolation in einem Kloster. Er heuert wieder bei der DEA an, macht erneut Jagd auf seinen Erzfeind und überschreitet dabei wie gewohnt jegliche Kompetenzen. Barrera selbst sieht sich in einem brutalen Krieg mit anderen, alten und neuen Kartellen.
„Ich dachte, ich hätte das Schlimmste schon geschrieben“, sagt Winslow über seinen neuen Roman, „doch ich habe mich geirrt“. Tatsächlich ist das Buch nichts für schwache Gemüter. Keller erkennt schmerzlich, dass der Drogenkrieg mittlerweile von einer völlig entfesselten Gewalt geprägt ist. Bereits in Tage der Toten beschrieb Winslow die Gewalt der Kartelle so realistisch, dass es fast übertrieben wirkte. In der Fortsetzung geht er noch weiter: Grausame Folter, abgetrennte Köpfe, abgezogene Haut. Winslow erspart seinen Leser*innen nichts. Doch im Gegensatz zu anderen harten Thrillern dient die Gewalt hier nicht dem Selbstzweck. Eingeflochten in eine temporeiche, spannungsgeladene Handlung erklärt Winslow die Hintergründe und Zusammenhänge des Drogenkrieges. Er benennt Profiteure und Korrupte in Mexiko und den USA, beleuchtet die ausdifferenzierten Beziehungen zwischen den einzelnen Kartellen, thematisiert die Bedrohung der Presse und den Widerstand gegen die Narcos aus der Bevölkerung. Damit bringt Winslow gegenüber Tage der Toten teilweise neue Facetten mit ein, auch wenn der Vorgänger erzählerisch vielschichtiger wirkt als Das Kartell. Aber der Autor zeigt wieder einmal eindrücklich, was im Genre der Spannungsliteratur möglich ist. Dass Don Keller den Drogenkrieg trotz thrillertypisch inszeniertem Showdown im guatemaltekischen Petén auch dieses Mal nicht beenden wird, versteht sich von selbst.

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