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Ausgeschlossen in der Favela

Der im Januar diesen Jahres aus dem Gefängnis geflohene Eduíno Eustáquio de Araújo Filho, kurz Dudu, wollte im April mit seinen GefährtInnen vom „Roten Kommando“ (Comando Vermelho) die Favela Rocinha stürmen. Das wohl berühmt-berüchtigste Armenviertel Lateinamerikas gilt als der Hauptumschlagsplatz der Drogenszene Rio de Janeiros. Ziel der Invasion war die Rückeroberung des Drogenhandels, dessen Kontrolle Dudu an seinen Rivalen Lulu, Luciano Barbosa da Silva, mit seiner Verhaftung verloren hatte. Der Bandenkrieg um den Chefsessel hatte eine tagelange Explosion der Gewalt zur Folge. Während des Feuergefechts, bei dem über 1.300 Polizisten tagelang die Favela besetzten, kamen neben dem Drogenboss Lulu weitere 13 Menschen ums Leben.
Die Schusswechsel der letzten Tage sind für die BewohnerInnen von Rios Favelas brutaler Alltag. Sie sind die Geiseln der Drogenbosse und stehen immer zwischen allen Fronten, wenn die verschiedenen Banden wieder einmal ihr Revier neu abstecken oder die Polizei auf Gangsterjagd geht. Die Medienberichterstattung und die Diskussionen allerdings drehen sich nahezu ausschließlich um die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Das Leben, die soziale Situation und die Sicherheit der BewohnerInnen der Favelas finden dabei kaum Beachtung. Sie werden allenfalls als Komplizen des Verbrechens wahrgenommen. Mit den Favelas und ihren BewohnerInnen will man nichts zu tun haben. Spiegelbild dieser Haltung ist die absurde Idee des Vize-Gouverneurs des Bundesstaates Rio de Janeiro, Luiz Paulo Conde, der vorschlug, eine Mauer rund um die Favela Rocinha zu errichten.

Leben im Hochsicherheitstrakt
Doch Mauern müssen nicht erst neu gebaut werden. Diese existieren bereits in vielfacher Form. Ein Streifzug durch brasilianische Städte zeigt hochgerüstete Häuser, mit vergitterten Fenstern, hohen Mauern, Stacheldraht, Elektrozaun und scharfen Wachhunden. Die Neuwagen sind mit Gangsperre, verdunkelten Scheiben, einer Alarmanlage bis hin zu kugelsicheren Scheiben ausgestattet. Die Reichen ziehen es vor, ihre Kinder in bewachte Privatschulen zu schicken, in umzäunten Shopping Zentren ihre Freizeit zu verbringen und in sogenannten „Condomínios fechados“ zu residieren. Das sind in sich abgeschlossene Wohnsiedlungen, umgeben von einer Mauer, Wachtürmen und einem bewaffneten Sicherheitsdienst, der diese „exterritorialen Räume“ rund um die Uhr bewacht. In diese Wohnghettos der Privilegierten darf nur hinein, wer dort lebt oder dessen Zugang autorisiert wurde.
Die riesigen urbanen Ballungsräume Brasiliens wie Rio de Janeiro mit seinen weit über zehn Millionen EinwohnerInnen beherbergen heute extreme Armut und unfassbaren Reichtum zugleich. Innerhalb der letzen 20 Jahre hat sich die Anzahl reicher BrasilianerInnen mehr als verdoppelt. Zählte das brasilianische Institut für Geografie und Statistik (IBGE) im Jahr 1980 noch 507.600 Familien mit einem monatlichen Einkommen von über 10.982 Reais (3.138 Euro), waren es im Jahr 2000 schon 1.162.164 reiche Familien. Der Anteil dieser Familien am Nationaleinkommen stieg innerhalb der vergangenen 20 Jahre von 20 Prozent auf 33Prozent. Das heißt, dass heute allein 2,4 Prozent aller Familien ein Drittel des brasilianischen Gesamteinkommens beziehen. Diese Daten stammen aus der im April diesen Jahres von der Stiftung Getúlio Vargas veröffentlichten Studie „Atlas des sozialen Ausschlusses – die Reichen in Brasilien“. In dieser wurde berechnet, dass in einem Land mit mehr als 177 Millionen EinwohnerInnen, allein die 5.000 reichsten Familien oder 0,001Prozent aller brasilianischen Familien ein Vermögen von ungefähr 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Brasiliens eines Jahres auftürmen. Das oberste Zehntel der Gesellschaftspyramide vereint drei Viertel aller Reichtümer des Landes auf sich.

Die Armen vor dem Tore
Auf der anderen Seite hat eine Mitte April veröffentlichte Studie ans Licht gebracht, dass ein Drittel der BrasilianerInnen weniger als 79 Reais (22 Euro) monatlich zur Verfügung stehen. Brasilien befindet sich mit den afrikanischen Ländern Namibia, Botswana und Sierra Leone in der wenig rühmlichen Spitzengruppe der Länder mit der höchsten Einkommenskonzentration der Welt. Im Falle der Favela Rocinha ist diese extreme Ungleichheit mit bloßem Auge sichtbar. Das Armenviertel liegt eingebettet zwischen den reichsten Stadtteilen Rios, Ipanema und Copacabana. Mit einem Stundenlohn von durchschnittlichen 2,10 Reais (60 Cent) verdienen die BewohnerInnen der Rocinha mit den selben Merkmalen bezüglich Hautfarbe, Geschlecht, Alter und Schulbildung bis zu 90 Prozent weniger als ihre direkten NachbarInnen in den noblen Wohngegenden und müssen dafür auch noch vier bis fünf Stunden mehr arbeiten. Auf dem Arbeitsmarkt haben die favelados/as allein auf Grund ihrer Herkunft kaum Chancen. Oft verleugnen sie daher ihre Adresse.
In nur drei Jahrzehnten nach Beginn der Urbanisierung in den siebziger Jahren schufen die brasilianischen Metropolen in ihrem Inneren all jene soziale Ungleichheit, die in den Jahrhunderten zuvor in den ländlichen Regionen vorherrschte. Während in São Paulo im Jahr 1970 lediglich ein Prozent seiner EinwohnerInnen in den Elendsvierteln am Rande der Stadt hauste, stieg deren Anteil schon im Jahr 1993 auf 19,4 Prozent. Auch ganz ohne Mauern ist die große Mehrheit der Bevölkerung ausgeschlossen und steht am Rande der Gesellschaft.

Im Kreislauf der
Gewalt gefangen
Für Millionen von BrasilianerInnen ist selbst ein simpler Kinobesuch ein unerreichbarer Luxus. In den seit Jahrzehnten unaufhaltsam wachsenden Elendsgürteln, die sich rund um die brasilianischen Metropolen schnüren, sammelt sich ein wachsendes Heer von Hoffnungslosen. Chaotische und illegale Ansiedlung ohne Infrastruktur, enorm hohe Arbeitslosigkeit in Verbindung mit der Abwesenheit der öffentlichen Hand verwandeln die Stadtränder zunehmend in eine Hölle aus extremer Armut und grausamster Gewalt. Der „Atlas des sozialen Ausschlusses“ identifiziert 13 der 32 Bezirke Rio de Janeiros als in hohem Maße von regulärer Beschäftigung, Alphabetisierung und Beschulung ausgeschlossen. In diesen 13 ärmsten Bezirken der Stadt, die einen sehr hohen Grad an Gewalt und Armut aufweisen, wohnen 38,5 Prozent der Bevölkerung.
Auf Grund der Abwesenheit des Staates in den Elendsvierteln der Stadtperipherie sind die BewohnerInnen der Favelas der alltäglichen grausamen Gewalt der Banden und Drogendealer machtlos ausgeliefert. Angesichts der übermächtigen und bis an die Zähne bewaffneten Banden verfügen diese von allem Ausgegrenzten nicht über die Möglichkeiten und Mittel sich zur Wehr zu setzen. Nahezu die Hälfte der Marginalisierten sind Kinder und Jugendlichen bis 19 Jahre. Sie trifft es am härtesten. Die Heranwachsenden werden weder von Polizeischutz, noch von Sozialprogrammen erreicht. Allein in São Paulos Armenviertel Vila Jacuí fehlten im Jahr 2003 nach der Studie der katholischen Universität 27.000 Kindergartenplätze. Auf dem regulären Arbeitsmarkt haben sie allein auf Grund ihrer Herkunft kaum Chancen. Von den Medien und der Bevölkerung werden sie stigmatisiert und mit den Drogenbossen und Revolverhelden in einen Topf geworfen. Die Kinder wachsen mit Drogen, Gewalt, Mord und Prostitution auf. Ohne Zugang zu guten Schulen, ohne Chancen auf eine reguläre Beschäftigung, ist eine große Zahl von Jugendlichen gefährdet den Verlockungen der Kriminalität zu erliegen. Die Drogenbosse brauchen immer Nachwuchs und versprechen das schnelle Geld, Autos, Macht und Frauen. So schließt sich der Teufelskreis und lässt oft kaum einen Ausweg zu.

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