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Autonomie im Aufbau

“Preguntando caminamos“ – „Fragend schreiten wir voran“, so lautet einer der Grundsätze, mit denen die ZapatistInnen in Chiapas im Süden Mexikos ihre Ziele verfolgen. Die zapatistische Bewegung ist eines der wenigen Beispiele nicht-staatlicher Akteure, welche das staatliche Gewaltmonopol infrage stell(t)en und damit einen emanzipatorischen Ansatz verfolgen. Zumindest haben sie es geschafft, eine eigene Infrastruktur aufzubauen und sich durch eigene Strukturen selbst zu regieren. Luz Kerkeling, Dorit Siemers und Heiko Thiele von Zwischenzeit e.V. aus Münster haben den Zapatistas ihren neuen Film gewidmet. Der Aufstand der Würde ist nach Filmen zu Freihandel in der Bekleidungsindustrie, Staudammprojekten und Garnelenzucht in Mittelamerika der vierte Film der Dokumentarfilmreihe über so genannte Entwicklungsprojekte und den Widerstand dagegen. Das Ergebnis ist eine gute Einführung in die autonomen Strukturen, die Probleme und Ziele der Zapatistas.
Der Film beginnt mit einem Ausschnitt aus einer Rede des Rates der Guten Regierung von Oventik, einem der fünf regionalen Verwaltungszentren der ZapatistInnen, am Neujahrstag 2004 zum 10. Jahrestag des Aufstands. Es folgen Bilder vom 1. Januar 1994, von der marcha nach Mexiko-Stadt 2001 und Aufnahmen des ländlich geprägten Chiapas. Diese werden unterlegt mit Erklärungen zum Aufstand, zur Präsenz der ZapatistInnen in diesem südöstlichen Bundesstaat Mexikos, zu ihren Strukturen und der Funktionsweise der zapatistischen Selbstverwaltung. Die ZuschauerInnen erfahren dabei, dass es 29 autonome Landkreise gibt, dass der Aufbau der Autonomie langsam vorangeht („Vamos caminando poco a poco“) und warum die Räte der Guten Regierung in den fünf Regionalzentren doch nicht das letzte Wort haben.

Elemente zapatistischer Autonomie

Im Fokus des Films stehen wichtige Bestandteile der zapatistischen Autonomie: Gesundheit, Bildung und Landwirtschaft. Ein Gesundheitsbeauftragter in Oventik erklärt, warum der Aufbau des Gesundheitssystems so wichtig ist. Vom Bildungsbeauftragten des Verwaltungszentrums Morelia erfährt man, dass die Dörfer ein Mitspracherecht bei der Entscheidung über die Lehrinhalte an den Schulen haben und ein Beauftragter für Agroökologie berichtet von der Umstellung auf eine pestizidfreie Landwirtschaft. Als Teil regionaler Vertriebsstrukturen vorgestellt werden ein Regionalladen und das Restaurant eines Frauenkollektivs, Compañera Lucha, welche, ebenso wie die zapatistische Schuhfabrik in Oventik, an einer der wichtigen Landstrassen des Bundesstaates liegen.
Der Rolle der Frauen in der Bewegung wird, wenn auch kurz und knapp, ein eigener Teil des Filmes gewidmet. Im Fokus stehen hierbei vor allem die auftretenden Schwierigkeiten, mit welchen sich die Frauen auch innerhalb der zapatistischen Bewegung immer noch konfrontiert sehen. Die mexikanische Journalistin Gloria Muñoz, die selbst mehrere Jahre in einem zapatistischen Dorf gelebt hat, erzählt, dass die Situation der indigenen Frauen allgemein besorgniserregend sei, bei den ZapatistInnen aber auch schon beachtliche Fortschritte stattgefunden hätten.
Dass sich die Entwicklung der Selbstorganisation und -verwaltung im Rahmen eines noch nicht beendeten Konflikts abspielt, wird deutlich, wenn schließlich die Militarisierung und der Zusammenprall gegensätzlicher Interessen in der Region thematisiert werden. Onésimo Hidalgo vom Forschungszentrum CIEPAC weist darauf hin, dass auch unter dem Präsidenten Vicente Fox (2000-2006) die Präsenz der Armee nicht abgenommen habe. Das Konzept des Krieges niederer Intensität als Form der Aufstandsbekämpfung wird erklärt und durch Michael Chamberlin vom Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas untermauert, der über entsprechende Aussagen eines ehemaligen Paramilitärs berichtet. Chamberlin erklärt auch, dass der von der Regierung Fox entworfene Plan Puebla-Panamá letzlich gegen die Interessen der Bevölkerung gerichtet sei.
Im letzten Abschnitt des Films werden Ziele und internationale Rezeption der zapatistischen Bewegung behandelt, die Andere Kampagne wird vorgestellt. Neben den Sequenzen am Anfang des Films ist dies der einzige Abschnitt, in dem Subcomandante Insurgente Marcos, der Sprecher und militärische Kopf der EZLN, der Zapatistischen Befreiungsarmee, zu sehen ist. Auch wenn der Fokus auf der lokalen Entwicklung der zivilen zapatistischen Bewegung liegt, wäre eine kurze Thematisierung ihres nicht ausschließlich zivilen Charakters interessant gewesen.
Zum Schluss wird die Vielfalt der internationalen Solidarität deutlich. Neben einem griechischen und einem schweizer Aktivisten kommen auch Sprecher einer deutschen Kaffee-Kooperative zu Wort, bevor schließlich eine junge Frau von ihren Erfahrungen als Menschenrechtsbeobachterin in den zapatistischen Dörfern erzählt.
Der Aufstand der Würde ist eine gute Einführung in die zapatistische Thematik, aber auch Chiapas-Erfahrene kommen auf ihre Kosten. Kritische Stimmen zur Autonomie wären interessant gewesen, sind aber vielleicht ähnlich schwer zu bekommen wie aktuelle Stellungnahmen der mexikanischen Regierung unter Felipe Calderón zur EZLN. Auch eine diffenzierte Auseinandersetzung mit internen Prozessen hätte dem Film noch etwas mehr Spannung verliehen, unter Berücksichtigung der Umstände der Entwicklung der zapatistischen Bewegung (Stichwort Krieg niederer Intensität) fällt diese Leerstelle jedoch weniger ins Gewicht. Die thematische Fokussierung des Filmes ist insofern wichtig und sinnvoll, weil die Autonomie der ZapatistInnen durch die mediale Konzentration auf ihren Sprecher, Subcomandante Insurgente Marcos, häufig unbeachtet bleibt. Es bleibt also nur, den FilmmacherInnen ein breites Publikum zu wünschen.

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