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Befreiung und Bewegung

Welche Bedeutung hatte und hat die Theologie der Befreiung für die Volksbewegung?

Ich halte ihnen Einfluß für ungeheuer wichtig. Sie hat nicht nur bestimmte Bereiche der katholischen Kirche sondern auch viele Bereiche der Gesellschaft entscheidend verändert. Die Befreiungstheologie hat gezeigt, daß das Christentum nicht eine Religion ist, die Ungerechtigkeiten legitimiert, sondern die Menschen ermutigt, sich zu organisieren und ihre Rechte einzufordern. Für die Christen stellt das Christentum eine soziale Utopie dar, die sie in konkrete Aktionen umzusetzen versuchen. Insofern ist der Einfluß der Befreiungstheologie vor allem in den Basisbewegungen, die im Volk entstehen, sehr groß. In ihnen ist die Zahl derer, die aus den kirchlichen Basisgemeinden (CEB) und der Jugendpastoral stammen, sehr groß. Die CEBs ihrerseits sind tief von der Theologie der Befreiung durchdrungen, stellen sie doch sozusagen die Praxis der akademischen Theologie der Befreiung dar.
Einige sagen, daß die Zeit der Befreiungstheologie schon vergangen sei, daß wir uns heute im Zeitalter der Globalisierung befinden, daß die Befreiungstheologie darauf keine Antworten mehr weiß, daß sie innerhalb der katholischen Kirche zerschlagen wurde. Ich gehöre nicht der akademischen Richtung der Befreiungstheologie an. Ich bin Mitglied der Basispastoral. Für mich hat die Theologie eine stärker pastorale Bedeutung und wir leben mit einem Volk zusammen, das diese Theologie immer wieder neu hervorbringt, aber keine geschriebene, systematische Theologie. Gerade auf diesem Feld ist die Theologie, so denke ich, so lebendig wie nie zuvor.

Du hast gerade gesagt, daß die Befreiungstheologie sich an der Basis nicht in einer Krise befindet. Hat denn nun die Basis, die CEBs und die Volksbewegungen, ihrerseits einen Einfluß auf die eher akademische Befreiungstheologie?

Natürlich gibt es auch in Brasilien in der akademischen Ausrichtung der Befreiungstheologie eine Krise. Ende der 60er/ Anfang der 70er Jahre stellte ja diese Art der Interpretation des Christentums eine Neuheit dar. Assmann, Gutiérrez, danach Boff, Sobrino und Mesters brachten eine gewaltige Kraft der Neuinterpretation des Christentums, der Interpretation der Bibel, der Moral und der Neuinterpretation der Dogmatik. Das hat sich erschöpft. In Europa ist das Interesse an der Befreiungstheologie ein rein akademisches Interesse, das inzwischen stark nachgelassen hat.
Die Christen aber, die durch den Einfluß der Befreiungstheologie ein verändertes Leben führen, wirken dabei mit, die brasilianische Gesellschaft zu verändern, indem sie sich in der Landlosenbewegung, in Bürgerbewegungen, Frauenbewegungen oder der Bewegung der Indígenas engagieren, und in diesem Sinn lebt die Theologie der Befreiung weiter, vielleicht sogar mehr als früher. Wenn man sich mit diesen Menschen unterhält, bemerkt man schnell, daß ihre Prinzipien der Befreiungstheologie entstammen.
Und es gibt einen weiteren Aspekt: In Brasilien hat die Befreiungstheologie einen Dialog mit den Volksreligionen begonnen, zum Beispiel mit den afrobrasilianischen Religionen, den indigenen Religionen. Das bedeutet, daß man innerhalb der Befreiungstheologie alle vorgefaßten Meinungen und Konzepte ablegt, um diesen anderen Ausdrucksformen der Religiosität zu begegnen. Und diese Einstellung offenbart einen großen Respekt. Wir sind derzeit in einer ersten Phase des Hörens, nicht des Produzierens.

Meinst Du, daß die Ernennung eines neuen konservativen Bischofs in Recife eine Krise auslöst, oder ist dies auch eine Chance, daß das Volk selbständiger wird?

Innerhalb der katholischen Kirche und der Gesellschaft gibt es viele Kräfte, die die Theologie der Befreiung zugrunde richten wollen, oder diese theologische Richtung und diese christliche Praxis, die Reflexion aus der Perspektive der Armen und Unterdrückten, domestizieren wollen. Das hat es in der Kirchengeschichte schon oft gegeben, ist also nichts Neues. Man sollte deshalb diese Prozesse nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Prozessen zu verstehen suchen: Beispielsweise ereigneten sich die Attacken gegen Leonardo Boff als Vertreter der Befreiungstheologie und das starke Auftreten des Neoliberalismus und der Globalisierung fast gleichzeitig. In dieser neuen Phase des Kapitals sollten alle Widerstände überwunden werden. Während sich Rom in Osteuropa für die unterdrückte Kirche einsetzte und an der Öffnung und dem Fall des Sozialismus mitwirkte, identifizierte dasselbe Rom die Theologie der Befreiung ironischerweise als theologische Richtung, die genau solche Systeme wie die Osteuropas errichten will und versuchte ihrerseits die Befreiungstheologie zu unterdrücken. An diesem Punkt ließ sich die offizielle Kirche durch die Macht des Kapitals instrumentalisieren, um dessen Interessen aufrechtzuerhalten.
Heute, so scheint es mir, hat die offizielle Kirche eine kritischere Sicht dieser Entwicklung gewonnen. Heute unternimmt gerade auch die brasilianische Theologie große Anstrengungen, die Hegemonie des Kapitals und auch diese magische Macht des Marktes zu entlarven, die wir die „Idolatrie des Marktes“ nennen.
Der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte, das Reich Gottes auf Erden. Die Geschichte ist offen. Das ist auch die Botschaft der Auferstehung: Die Geschichte ist offen, denn die Auferstehung ist die Logik des Lebens selbst. Dadurch bleibt die Hoffnung auf Veränderung bestehen.

Du hast von der Überwindung der theologischen Krise in den Volksbewegungen gesprochen, die sich auch in der wachsenden Zahl der Menschen zeigt, die sich in der Landlosenbewegung engagieren. Wie ist nun das Verhältnis zwischen CEBs und der Landlosenbewegung MST?

Der brasilianische Landarbeiter ist gläubig. Für ihn erscheint es absurd, daß jemand nicht an Gott glaubt. Sein Glaube drückt sich jedoch häufig nicht in der Teilnahme an Gemeinschaften aus. Insofern hat die MST etwas geschafft, was die CEBs nicht erreicht haben, Menschen zum Kampf für Gerechtigkeit zu bewegen, die in den CEBs keine Heimat gefunden hatten. Denn die CEBs setzen sich vorrangig aus Menschen zusammen, die bereits eine gewisse Gemeinschaftskultur hatten. Aber viele Menschen, die heute in der MST mitwirken, hatten keine partizipativen Erfahrungen. Sie fühlten sich den CEBs nicht zugehörig. In den CEBs entdeckten die Menschen den Wert der Organisation, nehmen diese religiöse Mystik der Hoffnung und übertragen diese in die Gesellschaft und entdecken Aspekte wie zum Beispiel die Erde für alle Menschen, die Erde als Mutter, die ihre Kinder nicht hungern läßt. Heute entdecken dies auch die Bauern in der MST, was dazu führt, daß sie sich organisieren. Die ländlichen CEBs nehmen zum großen Teil aktiv in der MST teil. Auch entstammt den CEBs das basisdemokratische und partizipative Organisationsmodell für die MST. Trotzdem kann man nicht sagen, beide seien identisch.
Wenn die Menschen sich in Lagern organisieren, ist etwas von der Religiosität, den Gottesdiensten, der Bibelspiritualität präsent, gerade auch in Spannungen und Konflikten. Wenn zum Beispiel die Polizei ein Lager einkreist, ist eines der ersten Dinge, die die Menschen tun, sich ein Kreuz zu nehmen, in einer Prozession loszugehen, sich den Polizisten entgegenzustellen und das Kreuz vor den Augen der Polizisten aufzurichten. Dann gehen sie in das Lager zurück. Eine zutiefst religiöse Handlung, die den Widerstand der Leute ausdrückt, ihre Bereitschaft zu leiden, ihr Opfer, aber auch die Hoffnung des Sieges. All diese Aspekte sind Ausdruck der Volksfrömmigkeit.
Ein weiterer Aspekt: Wenn den Bauern das Land formell zugewiesen wird, ist einer der ersten Schritte, die Glaubensgemeinschaft zu organisieren. Dies ist ein Zeichen ihrer gewonnenen Fähigkeit zur Organisation. Für viele ist gerade dies völlig neu, da sie ja kaum Erfahrung in der gemeinschaftlichen Organisation des Glaubens haben. Sie besitzen eine Volksfrömmigkeit, die sich darin äußert, daß sie Gott in persönlichen Gebeten und in Opfergaben suchen, nicht aber in der Teilnahme in Glaubensgemeinschaften.
So führte auch der Weg der CEBs auf großen Treffen dahin, sich weniger mit großen politischen Fragen als vielmehr damit zu beschäftigen, wie man mehr Menschen integrieren und damit ihre Ausgrenzung überwinden kann. Deshalb diskutierten die CEBs zum Beispiel längere Zeit die Frage unterschiedlicher Kulturen: afrobrasilianische, indigene, der Caboclos, europäische. Gerade als die CEB’s die Integration der unterschiedlichen Kulturen diskutierten, wurden sie vom Anwachsen der sozialen Krise und des Hungers aufgrund des Neoliberalismus überrascht. Beim letzten Treffen der Basisgemeinden 1997 in São Luis kehrten die CEBs zu den Themen Volksbewegungen, Hunger und vielfältige soziale Probleme zurück, allerdings schon inspiriert und bereichert durch die Diskussion um die Integration der verschiedenen religiösen Formen, die in Brasilien existieren.

Kannst Du die Mystik der Landlosenbewegung noch einmal genauer charakterisieren und ihre Verbindung zur Theologie der Befreiung aufzeigen?

In der Landlosenbewegung entsteht eine Mystik der Laien, wenn man genauer hinsieht, entdeckt man deutliche Parallelen zur Spiritualität der Theologie der Befreiung. Diese Mystik des Widerstandes ist etwas sehr Bedeutsames in der Theologie der Befreiung, denn sie sucht in den Wurzeln des Christentums, unter den einfachen Menschen ihre Legitimation. Darüber hinaus ist in der MST der Sinn für Gerechtigkeit sehr stark ausgeprägt. Wenn zum Beispiel Kleidung im Lager verteilt wird, die zu 70 Prozent schon abgenutzt ist, zu 30 Prozent aber noch sehr gut ist, bekommen nicht etwa die Anführer die besten Stücke, sondern es wird sortiert und auf alle gleich verteilt. Der Gerechtigkeitssinn läßt keine Privilegien zu. Auf dem Gebiet des formell zugewiesenen Landes, auf dem ich lebe, gibt es ein Projekt zur Milchproduktion. Nun haben die großen Firmen wie Nestlé die Angewohnheit, jeden einzelnen Bauern nach Quantität und Qualität zu prämieren. Wer zum Beispiel 500 Liter produziert, erhält 35 Centavos/Liter, wer hingegen nur 20 Liter produziert, erhält nur 18 Centavos/Liter. In unserem Siedlungsprojekt haben die Bauern diese Einteilung nicht akzeptiert. Sie verkaufen die Milch gemeinsam als wären sie ein Erzeuger und erhalten somit eine Durchschnittsprämie. Das sind die Ergebnisse einer Solidarität, die durch christliche Reflexion, die Inspiration der Theologie der Befreiung hervorgebracht wurde.

Kann man also von einem dialektischen Prozeß sprechen, in dessen Verlauf es wiederum zu einer Neuorganisation der CEBs kommt?

Ganz genau. Vor der Besetzung organisieren die Menschen das Lager, und zwar nicht nur Menschen der CEBs. Während der Besetzung leisten alle Widerstand. Und nach der erfolgreichen Besetzung und formellen Landübergabe organisieren sich die Menschen zu CEBs. Die CEBs sind ein Phänomen der katholischen Kirche.
Die Landlosenbewegung umfaßt aber nicht nur Katholiken, sondern auch andere Religionen und Konfessionen wie Pfingstler, Assembleia de Deus usw. So muß die MST Formen finden, in denen alle zusammenarbeiten können. Sie ist eine Volksbewegung und keine religiöse Bewegung.
Anfang der 80er Jahre gab es deswegen einigen Ärger, denn die MST entstand aus der Arbeit der katholischen Landpastoral (CPT). Einige forderten, daß die MST ein Teil der katholischen Kirche sein müsse, eine Organisation, die sich auf religiöse Prinzipien gründet.
Wir hatten eine andere Vision: Die MST sollte autonom bleiben, eine eigene Mystik haben und eine Ethik der Basis. Sie sollte um so mehr vom Christentum beeinflußt werden, je mehr die Praxis der Christen in ihr deutlich würde. Bis heute sind viele christliche Aspekte übernommen worden, sind allgemeiner Konsens für den, der sich am Kampf um das Land beteiligt, unabhängig davon, ob er/sie zur katholischen Kirche gehört oder nicht.

Wie ist das Verhältnis zwischen der offiziellen katholischen Kirche Brasiliens und der Landlosenbewegung?

In Brasilien gibt es einen Spruch, der besagt, daß es in der katholischen Kirche Brasiliens zwei Konsenspunkte gibt: erstens die Notwendigkeit einer Agrarreform und zweitens die Gottheit Jesu Christi. Darin sind sich alle Laien, Priester und Bischöfe einig. Probleme gibt es jedoch, wenn es um die Verwirklichung der Agrarreform geht.
Heute kann man die Position der Kirche so zusammenfassen: Es gibt einige, die die Formen der MST nicht akzeptieren, die sagen, eine Agrarreform müsse vom Staat kommen. Aber die Mehrheit befürwortet das Anliegen der MST. Die katholische Kirche soll die Volksbewegungen unterstützen, aber nicht leiten. Und die Kirche muß Formen der pastoralen Begleitung der Christen entwickeln und den Glauben mit denen feiern, die in den Volksbewegungen mitwirken. Die Kirche soll sich nicht mit den Methoden des Widerstands befassen, das ist die Sache des in den Volksbewegungen organisierten Volkes, das auch die Konsequenzen seiner Entscheidungen zu tragen hat. Die Kirche benennt die Methoden der MST, mit denen sie nicht übereinstimmt und umgekehrt. So hat sich heute ein sehr konstruktiver Dialog entwickelt.

Wo siehst Du bereits Erfolge der Arbeit des MST und wie siehst Du die Zukunft des MST?

Zuerst zu den Erfolgen: Durch die Arbeit des MST hat diese bereits einen Einfluß im politischen Leben. Die Landlosen sind nicht mehr länger Almosenempfänger, sondern begreifen sich als BürgerInnen und Subjekte ihres Handelns. Die Ernteerträge in unseren Siedlungsprojekten sind sehr vielversprechend und auch auf dem Gebiet der Alphabetisierung sind große Erfolge zu verzeichnen. Im Hinblick auf die Zukunft denke ich, daß es keine Lösung ohne eine Agrarreform geben wird. Diese ist jedoch auch abhängig von der Erweiterung der Landlosenbewegung und der Kooperation aller Volksbewegungen. Hierin sehe ich die großen Herausforderungen der nächsten Jahre.

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