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Blut statt Wasser

Niemand in Zinacantán ist darauf vorbereitet. Der Ostersamstag hat ruhig begonnen. Die religiösen Oberhäupter der indianischen Gemeinde nahe San Cristóbal de las Casas im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas haben, wie der Brauch es vorschreibt, ein schweres Holzkreuz einmal um den Platz und in die Kirche getragen. Am Abend soll der Judas, eine Pappfigur, die den Verrat an Christus symbolisiert, öffentlich verbrannt werden. Doch der Tag nimmt einen ganz anderen Verlauf. Ein Mädchen, das in einem Restaurant einem Touristenpärchen gerade die Speisekarte bringt, wird von einer Freundin abgelenkt, die angerannt kommt: „Die Zapatisten“ raunt sie atemlos.
Von einer Sirene angekündigt und Sprechchöre rufend, fahren plötzlich etwa zweihundert Fahrzeuge in einer endlos scheinenden Kolonne ins Zentrum von Zinacantán ein. Die Pickups, Lkws und Schulbusse sind vollbesetzt mit Frauen und Männern in indianischer Tracht, deren Gesichter von schwarzen Wollmützen verdeckt sind. Sie lassen nur die Augen erkennen. Trotz dieses martialischen Aussehens scheinen die DorfbewohnerInnen keine Angst zu haben. Neugierig bleiben sie am Straßenrand stehen, um dem kommenden Schauspiel beizuwohnen. Parolen und ein Flugblatt erinnern sie daran, dass der 10. April nicht nur Ostersamstag, sondern auch der 85. Jahrestag der Ermordung von General Emiliano Zapata ist, der Anfang des 20. Jahrhunderts während der mexikanischen Revolution für die ärmsten und entrechtetsten Gruppen in der Bevölkerung kämpfte.
Die ersten Fahrzeuge kommen vor dem Rathaus zu Stehen. Ein Maskierter hält per Megafon eine an den Bürgermeister gerichtete Ansprache: „Wir Zapatisten verlangen“, sagt er, „dass ihr uns respektiert, dass ihr unseren Widerstand respektiert, unseren Kampf. Ihr als Indígenas könnt uns nicht das Recht auf Wasserversorgung streitig machen, oder auf Land, Holz und Strom – wir Indígenas haben ohnehin alle nur wenig davon.“
Der unmittelbare Anlass für die Kundgebung in Zinacantán ist lokaler Natur: Es geht ums Wasser, in der monatelangen Trockenzeit von Chiapas lebenswichtiges Gut. Die Gemeinde hat drei comunidades aus ihrem Einzugsbereich seit Monaten von der Wasserversorgung abgeschnitten. Der Grund: Die BewohnerInnen von Jechvó, Elambó Alto und Elambó Bajo sympathisieren mit den ZapatistInnen und nicht mit der Partei der Demokratischen Revolution (PRD), die den Bürgermeister stellt. Nun fordern die zapatistischen DemonstrantInnen, die sechzehn autonome Gemeinden aus dem umliegenden Hochland vertreten, an Ort und Stelle eine vernünftige Beilegung des Konflikts.
Dann lässt die Kolonne die Motoren an und fährt weiter. Ihr Ziel ist Jechvó, eine der von Wasser abgeschnittenen Gemeinden. Die ZapatistInnen haben hunderte Flaschen und mehrere Container mit tausenden Litern Trinkwasser mitgebracht, um den dortigen Familien über die nächsten Wochen zu helfen. Während auch hier wieder auf dem Dorfplatz eine Ansprache gehalten wird, in Spanisch und Tzotzil, der hier vorherrschenden Indianersprache, tragen MilizionärInnen das Wasser an seinen Bestimmungsort.

Der Hinterhalt
Als die DemonstrantInnen sich wieder auf den Rückweg machen wollen und die ersten Fahrzeuge Jechvó bereits verlassen, schnappt die Falle zu: 30 bis 50 militante PRD-Anhänger aus dem benachbarten Pasté bauen eine Barrikade aus Felsbrocken, die den Fahrzeugen den Weg versperrt.
Zunächst beobachten die ZapatistInnen und warten ab. Als die Blockierer jedoch eher mehr werden, gehen sie zusammen los, um den Weg freizuräumen. Sie werden von einem Steinhagel begrüßt. Zwei lokale Polizeifahrzeuge, die kurz vor der Auseinandersetzung an den Ort des Geschehens gekommen waren, werden in letzter Minute noch hinter der Barrikade quer über den Weg geparkt, um die Blockade zu verstärken. Die Polizisten ziehen sich gemeinsam mit den Angreifern von der PRD zurück. Ihre Streifenwagen werden von den ZapatistInnen weggeräumt und wütend demoliert.
Das Drama erreicht seinen Höhepunkt, als zwei Drittel der Kolonne die Blockade bereits passiert haben und die Angreifer zurückgeschlagen scheinen. Es knallt wiederholt. Zunächst sind es nur Böller, doch dann wird auch scharf geschossen. Die Heckenschützen haben sich hinter Hütten und im Wald versteckt und begleiten das Ende des Demonstrationszugs über mehrere Kilometer. Verletzte bleiben auf dem Weg liegen, bis ihre GenossInnen sie auf einen der Pickups hieven, die jedoch auch nicht richtig vorwärts kommen. Ein Zapatist wird zweimal in den Kopf getroffen, ein anderer in die Lunge. Viele weitere tragen Schussverletzungen an Armen, Beinen und Oberkörper davon. Für Krankentransporte ist kein Durchkommen. Die Spitze der Kolonne kann nicht weiter vorrücken, um die Angegriffenen aus dem Schussfeld zu nehmen, weil vorne drei dicke Baumstämme den Weg versperren, die inzwischen gefällt und über die Straße gelegt worden sind. Doch die ZapatistInnen sind gut vorbereitet: Mit einer Motorsäge werden die neuen Hindernisse entfernt.
In Nachig, dem Ort, wo der Feldweg auf die Panamericana einmündet, die hier die Städte Tuxtla Gutiérrez und San Cristóbal de las Casas verbindet, steht eine Menschenmenge auf der Kreuzung und sieht zu, wie die ZapatistInnen erschöpft und zum Teil blutend aus dem Hinterhalt kommen. Mehrere VertreterInnen der Landesregierung befinden sich darunter, sowie Sicherheitspersonal mit Videokameras.

„Eine ruhige Osterwoche“ – offizielle Reaktionen
Am Abend wird gemeldet, dass die Verletzten je nach Komplikationsgrad in die Landeshauptstadt oder aber in die autonome Klinik von Oventic transportiert wurden. Die linksliberale chiapanekische Koalitionsregierung von Pablo Salazár Mendiguchía bedauert und verurteilt die Vorfälle zunächst, verkündet aber schon Tage später, die Osterwoche sei in Chiapas ruhig verlaufen, die Tourismuszentren seien sicher gewesen und auch in Zinacantán sei alles normal, man habe mehrere Tanklaster mit Wasser dorthin geschickt, um die Wasserversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.
Wie realitätsfern diese Verlautbarung ist, wird vor dem Hintergrund klar, dass noch am Abend des Hinterhalts die Angreifer in die Gemeinden Jechvó, Elambó Alto und Elambó Bajo gezogen waren, dort die frisch angelegte Wasserreserve ausgekippt und mehrere Häuser vollständig zerstört hatten. Die BewohnerInnen, insgesamt 125 Familien, mussten flüchten und hielten sich in den nächsten vierzehn Tagen an einem geheim gehaltenen Zufluchtsort auf.
Die Tanklaster der Regierung dienten lediglich dazu, das Polizeiaufgebot, das nun an den Orten des Geschehen stationiert worden war, mit Wasser zu versorgen.
Ohnehin ignorierte die Regierung den politischen Charakter des Konflikts, indem sie vorgab, es herrsche in Zinacantán Wassermangel, anstatt zur Kenntnis zu nehmen, dass der Zugang zu den vorhandenen gemeinschaftlichen Wasserstellen den zapatistischen Gemeindemitgliedern seit Monaten unter Waffenandrohung verwehrt worden war.
Obwohl die zapatistische Autonomieregierung Junta de Buen Gobierno in Oventic bereits wenige Tage nach dem Hinterhalt mehrere der Angreifer namentlich benannte und Foto- und Videomaterial von dem Angriff existiert, wurde keiner der Betreffenden bisher festgenommen, verhört oder gar verurteilt. Von offizieller Seite heißt es, die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen – ob sie das jemals sein werden, bleibt abzuwarten.
Diese Strategie, politische Konflikte in indigenen Gebieten als lokale oder „sittenbedingte“ Streitigkeiten zu entpolitisieren und auch juristisch zu verharmlosen, hat von Seiten der mexikanischen Regierungen bereits seit langem Tradition. In diesem Fall wurde sie jedoch nicht von der langjährigen Staatspartei PRI (Partei der Institutionellen Revolution) angewandt, sondern von der Regierung Pablo Salazar, die bei ihrem Amtsantritt im Jahr 2000 große Hoffnungen auf einen politischen Wechsel geweckt hatte und es auch seitdem geschafft hat, einen Teil des chiapanekischen Widerstandspotenzials in ihre Programme einzubinden.

PRD und EZLN
Interessant ist auch der Umstand, dass die Angreifer keine rechten oder PRIistischen Paramilitärs waren wie im Fall des Massakers von Acteal 1997, sondern Mitglieder der PRD.
Diese Partei, die allgemein dem linksliberalen Spektrum zugeordnet wird und durch den Aufstand der EZLN 1994 erheblichen Zulauf erhielt, regiert seit 1997 die mexikanische Hauptstadt. Dort muss sie sich derzeit wegen eines Korruptionsskandals verantworten. Zumindest bis 2001, als die zapatistischen comandantes nach Mexiko-Stadt kamen, um vor dem Parlament einzufordern, dass endlich die Ergebnisse des Friedensvertrags in Gesetzesform gegossen würden, galt die PRD als der EZLN wohlgesonnen. Dann jedoch stimmten ihre parlamentarischen VertreterInnen mit den Konservativen für einen Gesetzentwurf, der die wichtigsten Interessen der indigenen Bevölkerung, zum Beispiel das Recht zu bestimmen, was mit den Naturressourcen in ihren Territorien geschieht, bewusst außen vor ließ.
Am 1. Januar 2003, als die EZLN nach einer langen Periode des Schweigens wieder an die Öffentlichkeit trat und 30.000 ZapatistInnen in San Cristóbal de las Casas demonstrierten, sagten verschiedene comandantes in ihren Ansprachen, mit der PRD sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Sie habe sich den unlauteren Gepflogenheiten der politischen Klasse inzwischen vollständig angepasst und sei nur eine Partei mehr, mit der ab sofort die Kommunikation abgebrochen würde.
Sicherlich kann der Hinterhalt von Zinacantán nicht der Partei als Ganzes angelastet werden. Nach Ansicht von Andrés Aubry, einem französischen Anthropologen, der schon mehrere Jahrzehnte in Chiapas lebt, liegt die eigentliche Verantwortung bei einem Transportmonopol im zu Zinacantán gehörenden Nachig, das durch die günstige Lage an der Panamericana zu Geld und Macht gelangt ist und seit Jahrzehnten die politischen Geschicke der Gemeinde aus dem Hintergrund lenkt. Dies würde auch die Aussagen eines zufällig anwesenden Augenzeugen erklären, der in indianischen Gemeinden religiöse Riten verrichtet: Er sei von PRD-Leuten aus dem Ort Pasté, von dem aus der Angriff zunächst gesteuert wurde, zunächst wegen „Zapatismusverdachts“ zusammengeschlagen worden. Später habe er dann den Funkverkehr mitgehört zwischen Pasté und Nachig. Daraus habe er entnehmen können, dass in Nachig zusätzlich zu den eingesetzten Waffen noch Kalaschnikows vorrätig waren, und eigentlich geplant gewesen war, die Spitze der Karawane von diesem Ort aus ein weiteres Mal anzugreifen, was aber auf Grund fehlender zeitlicher Koordination gescheitert sei. „Jetzt können wir sie nicht mehr fertig machen“, will der Mann einen Funkspruch gehört haben, „denn die Ersten sind schon auf die Straße raus und würden es überall erzählen.“
Obwohl diese lokalen Machtfaktoren sicher eine Rolle gespielt haben, brauchte das nationale Leitungsgremium der PRD über eine Woche, um sich von ihrem Bürgermeister in Zinacantán, der auf Grund des Verhaltens seiner Gemeindepolizei direkte Verantwortung für den Überfall trägt, zu distanzieren und zu verkünden, man habe ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet.

Überwachte Rückkehr
Unterdessen sind am 25. April die 125 vertriebenen Familien wieder in ihre Häuser zurückgekehrt, aus denen mittlerweile Hühner, Schweine und andere Haustiere spurlos verschwunden waren. Circa 200 AnhängerInnen der zapatistischen Basis und 100 NGO-Mitglieder und InternationalistInnen waren dem Aufruf aus Oventic gefolgt, die Flüchtlinge auf ihrem Rückweg zu begleiten und zu schützen. Diesmal war das Überwachungsdispositiv der chiapanekischen Regierung überwältigend: Alle, aber vor allem die ausländischen TeilnehmerInnen der Begleitaktion wurden ausgiebig gefilmt und fotografiert. „Es war wie wenn Du in ein Wespennest getreten bist, die waren einfach überall, es gab kein Entkommen,“ schildert eine Betroffene. Eine unmissverständliche Drohgebärde gegenüber der internationalen Solidarität mit der EZLN, da Mexiko 1998 – nach dem Massaker von Acteal – unter Ernesto Zedillo bereits mehrere Dutzend internationale AktivistInnen deportiert hat, weil sie sich in innere politische Angelegenheiten eingemischt hätten.
Die zapatistischen Familien von Jechvó, Elambó Alto und Elambó Bajo sind nun zwar wieder in ihren Hütten, Zugang zu fließendem Wasser haben sie jedoch nach wie vor nicht. Der Konflikt mit den NachbarInnen von der PRD ist ungelöst. Die Präsenz internationaler BeobachterInnen in jedem der drei Weiler bietet ihnen derweil einen relativen Schutz vor weiteren direkten Übergriffen.

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