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Calaveras und Jaguarkrieger

Mit den unterschiedlichen Konzeptionen von Tod und somit von Leben im alten Mexiko und dem spätmittelalterlichen, von der Pest dezimierten Europa mit seinen Totentänzen setzt sich das Buch “Der Tod in Mexiko” von Paul Westheim auseinander. Die darin beschriebenen Motive des aztekischen Gottes der Unberechenbarkeit, Tezcatlipoca und seiner Jaguar-Krieger werden auch in der Aktualität wieder aufgegriffen, nicht zuletzt von den neu auftgetauchten sozialen, teilweise bewaffneten Bewegungen im südlichen Mexiko, in Guerrero und Oaxaca, die sich sehr auf die Jaguar-Symbolik beziehen.
Die Vorstellung einer Hölle im christlichen Sinne ist in Mexiko in jeder Hinsicht Import. Ebensowenig kannten die mesoamerikanischen Völker die “Verheißung” eines Himmels, das einzig Lohnenswerte im Zusammenhang mit dem Tod war es noch, für die Götter zu sterben, das Schicksal der geopferten Kriegsgefangenen.
Dementsprechend ist auch die Konzeption vom Leben vor dem Tod eine andere als in Europa. Was vor allen Dingen fehlt, ist die Vorstellung, durch religiös normgerechtes Verhalten das Schicksal nach dem Abtritt von der Weltbühne beeinflussen zu können. Bei den Azteken war der Tod nichts besonderes, ein alltägliches Geschehen, und es ist fraglich, wieweit es den spanischen Eroberern gelang, ihren Nachfahren die Furcht vor ihm zu lehren, war der Tod doch angesichts der Lebens”qualität”, die die neuen Herren den eroberten Bevölkerungen aufdrückten, oftmals eher die angenehmere Option. Paul Westheim stellt zwei unterschiedliche kulturelle Konzeptionen nebeneinander: Todesfurcht versus Lebensangst. Für die indianische Bevölkerung war von jeher und ungeachtet der sozialen Zugehörigkeit die unmittelbare Lebenserfahrung erst einmal die der Unberechenbarkeit, des potentiellen und unbeeinflußbaren Verhängnisses. Dies besserte sich nicht gerade, nachdem, losgelassen durch ein päpstliches Plazet: “es ist allen erlaubt, zu glauben daß die Erde rund ist”, die Spanier ins Land fielen, die ihre katechistisch unterlegte Überzeugung “man lebt nur einmal” unmißverständlich mit Ausbeutung und Raffsucht manifestierten. Die mesoamerikanischen Völker verstanden den Tod dagegen eher als eine Art temporären Ortswechsel – es gab in Mexiko eine relativ materielle Vorstellung von Wiedergeburt. Hiervon ausgenommen waren lediglich die eher spektakulären “Tode” wie die der Krieger, der geopferten Kriegsgefangenen und der Frauen, die im Kindbett starben. Sie alle vereinten sich ohne Umwege direkt mit der lebensspendenden Sonne. Einer gewissen Klassenhierarchie des Todes stand das grundsätzliche Prinzip der Unzerstörbarkeit der Lebenskraft gegenüber. Die eines “normalen” Todes Gestorbenen reisten – und auch das nur auf absehbare Zeit – nach Mictlan, in das Reich des Totengottes Mictlantecuhtli, der jedoch keine besonders herausragende Stellung im aztekischen Pantheon besaß.

Ein Zauberer und Unheilbringer

Die weitaus schillerndere Figur heißt Tezcatlipoca. Tezcatlipoca ist der Gott des Verhängnisses, ein Zwietrachtsäer und professioneller Bösewicht. Die Wahrscheinlichkeit, es mit ihm zu tun zu bekommen ist relativ gegenwärtig, er lauert so ziemlich überall, nichts besseres im Sinn, als Panik und Verzweiflung zu verbreiten. Sein Name heißt übersetzt: “rauchender Spiegel”, im Zusammenhang zu sehen mit seiner graphischen Darstellung. Ihm fehlt der linke Fuß, an dessen Stelle sitzt ein Spiegel aus Pyrit, mithilfe dessen Tezcatlipoca quasi alles sehen kann, was sich unter den Menschen abspielt. So gibt es kein Entrinnen. Er ist assoziiert mit der untergehenden Sonne, mit Finsternis und dem Abendstern. Sein vorrangiges Zeichen ist der Jaguar, das tückische Raubtier, das seinen Opfern im Hinterhalt auflauert, und das am Tagesende die lebensspendende Sonne verschlingt. Ebenso wie die Erdgöttin Coatlicue, die “Erdkröte”, die Toten zunächst verschlingt. Auch sie ist mit Finsternis assoziiert, aus der jedoch wieder Leben erwächst. Verschlingen und Gebären werden in einen logischen Zusammenhang gebracht. Diese Zeitkonzeption ist eine zyklische, von den linear denkenden Europäern bis heute belächelte.
Tezcatlipoca kann sich jederzeit problemlos in einen Jaguar verwandeln. Er ist unter anderem auch der Gott der Straßenräuber und der Zauberer. Auf ihn ist kein Verlaß, er ist nicht einplanbar. Von daher gibt es in diesem Leben auch keine Sicherheit, das Unglück kommt unvorhergesehen.

Wer sitzt am längeren Hebel?

Tezcatlipoca ist ein “wahrer Teufel”, aber dennoch nicht mit dem gleichnamigen Herrn der christlichen Hölle zu vergleichen. Er ist nicht identisch mit dem Sensenmann, dem personifizierten Tod des spätmittelalterlichen, von der Pest heimgesuchten Europa. Tezcatlipocas Wirkungskreis ist eindeutig das jetzige Leben, das von Unabwägbarkeiten und Leiden geprägt ist. Die Alternative ist nicht eine durch Frömmigkeit zu erwirkende Erlösung, sondern vielmehr die Anerkennung einer unbeständigen und einer von Konzepten wie Schuld oder Unschuld unabhängigen, magischen Realität. “Nicht der Tod ist das Schrecknis dieser Welt, sondern Tezcatlipoca, das Bewußtsein, niemals Herr sein zu können über das Schicksal.” (Westheim). Die beständige Ungewißheit, ob auf das Heute ein Morgen folgt, spiegelt sich im aztekischen Kalender – heute bestens als touristisches Mitbringsel bekannt und beliebt. Alle 52 Jahre schloß sich der Zyklus der aztekischen Zeitrechnung, aus vier Zeichen mal dreizehn Jahreszahlen bestehend, und das gesamte Land zitterte, ob am nächsten Morgen möglicherweise die Sonne wieder aufginge, womit ein neuer Zyklus gesichert wäre. Es war in der mesoamerikanischen Welt verhältnismäßig leicht zu sterben und schwer zu leben. Eine nicht besonders glückliche, auf alle Fälle provisorische Situation; bei den Maya wurde das neugeborene Kind als “Gefangener des Lebens” bezeichnet.

Familienzwist im Pantheon

Tezcatlipoca hat auch engere Verwandte. Er und Quetzalcoatl (der friedliche Gott der Azteken), das ungleiche Brüderpaar, sind weniger “ewige Rivalen”, wie Westheim schreibt, als Widersacher vom Thema her. Sie ergänzen sich, etwa in der Verursachung der Vernichtung und dadurch bedingten Abfolge der vier Welten, die der jetzigen vorausgingen: zwei dieser auf vier Säulen ruhenden Welten werden von Quetzalcoatl, dem Morgenstern zerstört, zwei macht sein Bruder, der Abendstern=Tezcatlipoca nieder. Dies spiegelt zum einen das zyklische Zeitverständnis wieder, zum anderen die unmißverständliche Geschichtsschreibung der Azteken. Tezcatlipoca sitzt am längeren Hebel und überlistet Quetzalcoatl, den Humanisten, den Pazifisten und Gegner der Menschenopfer, Verfechter einer Reformstrategie, die der Theokratie ein Dorn im Auge ist. Er läßt seine List und Tücke walten, und Quetzalcoatl betrinkt sich, begeht Inzucht mit seiner Schwester und räumt, die Konsequenzen aus diesen beiden Todsünden ziehend, per Selbstmord das Feld. Auf Tezcatlipoca ist in mancher Hinsicht doch Verlaß, er ist aufgrund seiner quasi “sportlichen Passion für Vernichtung” (Westheim) der geeignete “man for the job”, die Ablösung des eher harmonischen toltekischen Staatsgefüges durch die kriegerischen Azteken mythologisch zu legitimieren.

Der wandlungsfähige “Tigre”

Der Jaguar verkörpert die Art der Zerstörung und Vernichtung, die keiner moralischen Begründung bedarf. Er steht für die Ungewißheit, nicht angesichts des Todes sondern aufgrund des potentiell tragischen und qualvollen Lebens. In der zwangsbekehrten indianischen Bevölkerung wurde das Motiv des leidenden Christus mit der Dornenkrone mit einer wahren Leidenschaft thematisiert, entsprach es doch der eigenen Lebenserfahrung. Es kam sicherlich ein Einfluß seitens des spanischen Verismus in der Malerei hinzu, jedoch ist der meist von anonymen Künstlern in den Dorfkirchen des 16. Jahrhunderts dargestellte “koloniale Nazarener” (Westheim) eine synkretistische und somit autochtone Schöpfung.
Als die Personifizierung von Lebensangst, ist Tezcatlipoca jedoch gleichzeitig einer der Schöpfungsgötter, er ist der “ewig Junge”, kurz gesagt: er hat Power. Er ist auch nicht umsonst der Herr der Jaguar-Krieger, die “aus dem Herzen der Berge” kommen – auch hier ein Bezug zur Erdgöttin Coatlicue, die ebenfalls dort wohnt.
Der Danza del Tigre, wird in den entlegensten Regionen Guerreros, Oaxacas und in Michoacan vereinzelt heute noch aufgeführt. Es ist ein mit dem Maisanbau zusammenhängender Fruchtbarkeitstanz – die tückischen und unberechenbaren Jaguare dringen auf die frisch bestellten Maisfelder und müssen von den cazadores, den Jägern, besiegt werden, damit der Mais wachsen kann. Der Tanz verliert mehr und mehr an traditioneller Bedeutung. Wozu ein Fruchtbarkeitsritus, wenn die macehualli, die indigenen Kleinbauern, kein Land haben. Die Jaguarmasken werden weiterhin geschnitzt und – auf alt getrimmt, oder auch als Miniatur-Souvenirs – an Touristen verkauft.
Die Jaguar-Krieger töteten nicht, oder nur aus Gründen der Selbstverteidigung. Ihre Aufgabe war es, Kriegsgefangene heranzuschaffen, mithilfe deren ritueller Opferung der Lauf der Sonne und des gesamten Kosmos aufrechterhalten wurde.
Die Symbolik der unberechenbaren und zerstörerischen Jaguare, die jedoch gleichzeitig tapfere und unerschrockene Krieger sind, wird mit dem Erstarken des indigenen Widerstandes im südlichen Mexiko wieder aufgegriffen. Bereits in der seinerzeit vernachlässigten und kaum zur Kenntnis genommenen “Erklärung aus den Bergen von Guerrero” vom Dezember 1994 heißt es in jedem zweiten Abschnitt: “Wir, das Volk des Regens, die Menschen aus dem Herz der Berge, die Jaguar-Menschen … sagen Euch (an die EZLN und ihr Umfeld gerichtet): Ihr seid nicht allein”. Hier wird ein eindeutig anderes und militanteres Bild heraufbeschworen, eine andere Sprache gesprochen als die eines Käfers Don Durito aus dem lacandonischen Urwald.

Vom Totentanz zu den Calaveras

Die mexikanischen Künstler Hernandez, Manilla und – als bekanntester – José Guadalupe Posada – griffen in einer ebenso unerschrockenen Sprache und in satirischen Darstellungen die Motive des europäischen Totentanzes, des “danse macabre” auf. Der Totenreigen der Spätgotik, zunächst als Fresko an den Friedhofsmauern realisiert, entsprach zum einen dem Bedürfnis der pestgeplagten Europäer (1348 ging, glaubt man den entsprechenden statistischen Recherchen, 1/5 der gesamten Menschheit zugrunde), die Angst vor Hölle und Verdammnis geistig abzureagieren, zum anderen war er auch Ausdruck einer Art Profilneurose in einer Zeit des ideologischen Umbruchs, einer aufgewühlten Epoche. Die Höllenvisionen von Bosch, Dürer und anderen symbolisieren die Wert-Unterminierung der traditionellen spätmittelalterlichen Gesellschaft. Der Totentanz unterläuft jedoch auch in Europa einer eigendynamische Entwicklung: aus einem makabren Reigen, in dem sich Edelmänner und Frauen jeweils “tête à tête” ihrem illustren entleibten Partner gegenüberstehen, wird das abstrakte Skelett, das durch die Lande schweift und die “Sterblichen” gleich welcher Klasse, egal bei welcher Tätigkeit sie auch gerade sind, erwischt. Bei den Holzschnitten von Holbein etwa findet, so Westheim, eine Demokratisierung des Todes statt, eine Art Sozialkritik an der immer noch ständischen Gesellschaft. Diese Tendenz greifen die mexikanischen Künstler des beginnenden 20. Jahrhunderts auf. Eine Art “Narrenfreiheit” nutzend, die angesichts des für die Bevölkerung so bedeutsamen Tages der Toten herrscht, verfassen sie Flugblätter, in denen Mißwirtschaft sowie politische Persönlichkeiten angeprangert werden. Der Tod tritt sehr menschlich auf, als berittener Don Quichotte, als Räuber, als Pulque-Trinker – Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind “eher zufällig” bzw. unter dem Deckmäntelchen von Sarkasmus, volkstümlichem Humor und Ironie getarnt. In Mexiko ist der Tod ohnehin ein guter Bekannter, ein vertrauter Gast, ein Gegenspieler in einem durchaus fair ausgetragenen Spiel. Die Konzeption des Todes ist mehr oder weniger die einer anderen Daseinsform. So “trifft man sich” auch am 2. November eher unspektakulär. Es gibt keine Thematisierung einer furchterregenden Wiederkehr der Seelen. Die Toten sind vielmehr eher “auf Urlaub”, geniessen die ihnen dargebrachten Speisen sowie die Aufmerksamkeit, die ihnen zu Ehren errichteten, mit den Totenblumen, den cempazuchiles, geschmückten Altäre und die Kerzenprozessionen zum Friedhof, wo man sie abholt, und verschwinden anderntags ebenso unspektakulär wieder.
Vom 31.10. bis 3.11.1996 findet in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, anknüpfend an die gute Resonanz einer gleichartigen Veranstaltung im letzten Jahr im Haus der Kulturen der Welt, eine dreitägige Reihe zur Thematik des “Día de los Muertos” in Mexiko statt. In den verschiedenen Musik- und Tanzperformances der Gruppe Calaca e.V. und in Vorträgen von José Mendez und Barbara Beck werden die calaveras, die dekorierten Totenschädel, der Tod und die Geburt der Götter sowie die unterschiedliche Bedeutung des Todes in Mexiko und Europa, die Eigen- und Fremdsicht dieser Trauer, die auch Fest ist, thematisiert. Die Intention des Vereins Calaca hierbei ist es, durch eine Veranschaulichung der verschiedenen und doch zusammenhängenden Aspekte dieses Ereignisses, vom gemeinsamen Speisen mit den Toten, dem Opfertisch – in dessen Rahmen auch die an der Festivität in der Kulturbrauerei Teilnehmenden ihren Beitrag loswerden können – wie auch durch Tanzdarbietungen ein Stück Identität und Selbstverständnis der mexikanischen Volkskultur nach außen zu tragen.

Paul Westheim: “Der Tod in Mexico.” 131 S., Verlag Müller und Kiepenheuer, Hanau 1986.

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