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Das Alter, das Altern und die Alternative

Ihr Lächeln ist schüchtern und kokett zugleich. Sie flirtet mit einer gewissen Verlegenheit. Dabei wirkt der tiefe Ausschnitt eigentlich selbstbewusst. Ihre Augen funkeln. Hinter dem Lachen verbirgt sich eine verträumte Melancholie.
Gloria (Paulina García) ist seit 12 Jahren geschieden. Ihre Kinder sind längst erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Sie brauchen ihre Mutter nicht mehr. Jetzt sucht Gloria ihren eigenen Weg aus der inneren Leere und Einsamkeit. Sie geht auf Single-Parties, flirtet, trinkt, hat Sex und lebt ihr Leben so wie es kommt. Sie sehnt sich nach Zärtlichkeit und ein bisschen Abenteuer. Wer sagt, dass eine 58-Jährige das nicht darf? Als sie den Ex-Marineoffizier Rodolfo (Sergio Hernández) kennen lernt, scheint sie endlich eine erfüllende romantische Beziehung gefunden zu haben. Vielleicht sogar für den Rest ihres Lebens. Doch es kommt anders. Denn im Gegensatz zu Gloria gelingt es Rodolfo nicht, sich von seiner Vergangenheit zu lösen. Obwohl er Gloria verehrt, hängt er am Leben mit seiner Ex und seinen Kindern.
Der Film befasst sich mit einer zunehmend alternden Gesellschaft, nicht nur ein Problem in Chile selbst. Überall in der Welt könnte man sich von diesem humorvollen Spektakel inspirieren lassen: Ende Fünfzig bedeutet nicht, dass man obsolet wird. Auch wenn sich das Leben einem Ende nähern mag, heißt das noch lange nicht, dass es schon zu Ende ist. Sich zu Hause verkriechen war gestern. Gloria zeigt uns, wie man im Alter jung bleibt. Fehler machen, sich gehen lassen -– das gehört alles dazu. Ebenso wie Tanzen, Paintball, Marihuana und Verlieben. Nichts ist tabu. „Die Sex-Szenen zwischen „älteren“ Menschen sollten nicht abschrecken, da es diese Realität schon immer gegeben hat“, so Hernández auf einer Pressekonferenz. Er geht sogar noch weiter: „Ältere Menschen lieben sich wie niemals zuvor im Leben. Ich würde sogar sagen besser.“
Regisseur Sebastián Lelio schafft das komplexe Porträt einer Generation, die die Wucht der chilenischen Geschichte überlebte und sich seither stets neu erfinden muss. Dem/der Zuschauer_in wird eine ganz eigene Welt offenbart, in der Erwachsene wieder zu hilflosen Jugendlichen werden. Man hat nie ausgelernt. Egal, wie alt man ist. Das Publikum begleitet Gloria auf ihrer Reise zu sich selbst und übersteht mit ihr Filmrisse, den hässlichen Kater des Nachbarn und unglückliche Liebschaften. Man singt spanische Schnulzen im Auto lauthals mit. Man lässt sich von ihrer Lebensfreude und hartnäckigen Hoffnung anstecken und fiebert mit. Gloria gelingt eine alternative und erfolgreiche Selbstfindung: Sie entdeckt das Glück in sich selbst und lässt sich von Rückschlägen nicht herunterziehen. Vielleicht vergleicht Lelio sie auch deshalb mit Rocky, „weil sie [wie er] wieder aufsteht“. Paulina García erweckt diese starke Frau durch eine schauspielerische Meisterleistung zum Leben. Man verfällt ihrem bezaubernden Charme, ihrer Kraft und ihrem Lachen. Zu Recht gewann sie den silbernen Bären als beste Darstellerin und wurde sogar die Meryl Streep Lateinamerikas genannt. Gloria kann den Zuschauer_innen, egal ob jung oder alt, als Beispiel dienen, um das gesamte Leben mit all seinen Höhen und Tiefen zu meistern.

Gloria // Sebastián Lelio // Chile/Spanien 2012 // 105 Min.

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