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Das Erbe der Sklaverei – Teil I

Die katholische Kirche hat das System der Sklaverei seit Beginn der Eroberung Brasiliens mitgetragen und war in mehrerer Hinsicht an ihm beteiligt: Sie war zum einen maßgeblich für die ideologische Legitimierung der Versklavung von AfrikanerInnen verantwortlich. Außerdem besaß die Kirche selbst SklavInnen und diskriminierte die schwarze Bevölkerung innerhalb der Kirche. Zudem verurteilte und verfolgte sie allen voran die afrobrasilianischen Religionen und Kulturen. Bis 1966 blieben afrobrasilianische Kulthandlungen gesetzlich verboten. 1953 richtete die neu gegründete Brasilianische Bischofskonferenz (CNBB) ein „Sekretariat zur Verteidigung des Glaubens und der Moral“ unter der Leitung von Frei Boaventura Kloppenburg ein. Er sollte die Koordination einer landesweiten Kampagne gegen den „Spiritismus“ übernehmen. Ein wachsames Auge galt neben dem Protestantismus dem Kardecismus des Candomblé. Boaventura kam zu dem Schluss, dass Toleranz der falsche Weg im Umgang mit den „Häresien“ sei, und forderte den Ausschluss aller „Spiritisten“ von kirchlichen Sakramenten.
In einer Umfrage unter der Bevölkerung der favelas Rio de Janeiros 1958, wurden die dort Lebenden auch zu ihrer Religion befragt. 67 Prozent der Befragten verkehrten in Terreiros und 50 Prozent der praktizierenden KatholikInnen glaubten an Praktiken aus den afrobrasilianischen Religionen, beispielsweise an die Wirkung von Heilungen und an Opfergaben für die Götter (Orixás).

Suche nach verschütteten Wurzeln
Erst in den 60er Jahren begann sich die Haltung der Kirche zur schwarzen Bevölkerung, zu ihren Kulturen und Religionen zu verändern. Eine große Rolle spielte das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65), das den Weg für mehr Toleranz und Achtung gegenüber christlichen und nichtchristlichen Kirchen ebnete.
In Brasilien entwickelte die Kirche in den 70er Jahren in der Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur eine neue Sensibilität für Menschenrechte und für die Unterdrückungssituation der indianischen und afrikanischstämmigen Bevölkerung. Das Entstehen der christlichen Basisgemeinden, deren Stärke in der engen Verbindung zwischen dem Glauben und den sozio-ökonomischen Lebensbedingungen der armen Bevölkerung lag und mit ihr parallel die Entwicklung der Theologie der Befreiung förderten eine „Option für die Armen“, die auch zwangsläufig die Situation der Schwarzen stärker berücksichtigte.
Im März 1983 schlossen sich in São Paulo die Agentes de Pastoral Negros (APN) zusammen. Schwarze Ordensleute, Priester und aktive Laien begannen, die Reflexion über die Situation der schwarzen ChristInnen in die Kirche zu tragen. Ein Dokument, das von der gesamten katholischen Kirche Brasiliens getragen wird, trägt den Titel Ouvi o clamor deste povo, auf deutsch „Ich habe den Schrei meines Volkes gehört“. Es erkennt die historische Mitschuld der Kirche an der Sklaverei an und bittet um Verzeihung für die gewollte und tolerierte Versklavung und die Diskriminierung, die sich bis in die Kirche hinein fortsetzte.
Seit August 1998 hat Salvador, die Stadt mit dem größten Anteil afrikanischstämmiger Bevölkerung Brasiliens, einen schwarzen Weihbischof, Dom Gílio Felício. Er ist der Ökumene-Beauftragte für den Dialog mit den afrobrasilianischen Religionen. Er steht in Kontakt mit den terreiros, den Kultstätten des Candomblé in Salvador, was in den Reihen der Kirche nicht auf Zustimmung stößt. Im September wird er der Gastgeber des achten Treffens der afroamerikanischen Pastorale sein. Auf dieser Versammlung soll die Kirche aufgefordert werden, Initiativen gegen Rassismus, Diskriminierung und sozialen Ausschluss ins Leben zu rufen.

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