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„Das geht gegen jede Logik“

Ich bin Laura Conte. Wir hatten einen Sohn, der älteste meiner fünf Söhne. Er hieß Augusto María Conte MacDonald. Er verschwand. Er war in den 70er Jahren politisch-sozial aktiv. Er gehörte zu den Montoneros.
So sachlich fängt sie an. Doch nach einer Stunde, mit dem kalten Kaffee vor sich, überschlägt sie sich, stolpern die Wörter über das, was ihr noch immer kaum über die Lippen kommt. Da ist sie bei ihrer ganz persönlichen Geschichte angekommen – dem Terror, dem Verlust ihres Sohnes und der 30 Jahre langen Suche nach ihm.

Frau Conte, Argentinien hatte viele Diktaturen. Was unterschied die letzte von den anderen?

Die Putsche von früher waren nichts. Da ist man ins Regierungsgebäude einmarschiert und das war es. Nun aber ließen sie Leute verschwinden und warfen sie lebend ins Meer – eine Methode, die wir alle nicht kannten. Wir wussten nicht, dass diese Leute ausgebildet waren, um zu entführen, zu foltern, zu morden, zu rauben. Niemand hätte jemals gedacht, dass Argentinier anderen Argentiniern das antun könnten. Terrorismus ist immer schlimm, aber Staatsterrorismus ist ohnegleichen, denn er geht mit der absoluten Macht einher. Und so wird alles, was eigentlich zum Schutz der Bürger geschaffen wurde, zu einer Waffe, um sie zu unterdrücken.

Sie sind durch Ihren Sohn mitten ins politische Geschehen gestoßen worden. Wie kam es dazu?

Bis 1976 waren die Jugendlichen offen tätig, ohne Untergrund, ohne Geheimnistuerei. Augusto arbeitete in einem Armenviertel. Jeder wusste, dass er dort aktiv war. Die Jugend in den 1970er Jahren war sehr speziell. Sie hatte gute Vorsätze. Eine Generation, die wirklich das Land verändern wollte. Und es hat sie das Leben gekostet. Augusto erhielt damals seine Einberufung zum Militärdienst. Wir zweifelten, ob er sich überhaupt melden sollte. Freunde von ihm waren schon verschwunden. Deswegen wollten wir ihn außer Landes bringen, aber er ging nicht. Er fühlte sich denjenigen verpflichtet, die kein Geld hatten, um ins Exil zu gehen.
Die Militärs kamen zu uns nach Hause, um ihn zu holen, als er gerade auf dem Weg zur Kaserne war. Sie glaubten uns nicht und zerstörten das ganze Haus. Erst dann riefen sie in der Kaserne an, wo Augusto schon angekommen war. Damals erschraken wir uns fürchterlich. Aber es war undenkbar, was dann geschah. Wir verspürten die Angst, die wohl jeder hat, der in einem Land aktiv ist, in dem die Armee ausreichend Macht hat, um dich leiden zu lassen, indem sie deine Kinder einsperrt und verhört. Aber wir haben nie mit diesem Staatsterrorismus gerechnet. Als wir den zu spüren bekamen, hatten wir unseren Sohn schon verloren. Er verschwand am 9. Juli 1976 im Dienst und ist nie wieder gesehen worden.

Haben Sie je etwas über den Verbleib Ihres Sohnes erfahren?

Nein, nie. Wir erfuhren nur sehr früh, dass er umgebracht worden war. Mein Mann sprach bei allen hohen Militärs vor. Dabei traf er auf jemanden vom Innenministerium, der ihm mitteilte, wir sollten nicht weiter suchen, denn sie hätten Augusto getötet. Aber man sagte uns nie wie, wo und warum oder wo sein Leichnam sich befand. Und so suchen wir bis heute.
Über diese Suche kamen Sie zu den Menschenrechtsorganisationen.
Eigentlich war mein Mann der wirkliche Vater der Plaza de Mayo. Aber er ging nie zu den öffentlichen Runden, weil es für die Männer zu gefährlich war. Sie agierten im Hintergrund, gingen zu den Gerichten und versuchten, die Leute aus den Polizeiwachen zu holen. Viele von ihnen wurden fast so etwas wie Anwälte dadurch. Und sie wachten darüber, dass wir Mütter heil nach Hause kamen.
Ich selbst begann als Psychologin bei der Menschenrechtsorganisation CELS zu arbeiten. Die Leute, die zu uns kamen, waren verzweifelt, völlig zerbrochen an ihren Depressionen, Angstzuständen oder sie wurden paranoid. Ich fing an, mich um sie zu kümmern. Denn wir konnten ja nicht ins Krankenhaus gehen oder anderweitig um Hilfe bitten. Die UNO unterstützte unsere Arbeit bei CELS finanziell. Die Mittel wurden dann auch anderen Menschenrechtsorganisationen zur Verfügung gestellt. Dann kamen verängstigte Kinder dazu, die daher schlecht in der Schule waren, und denen die Eltern nicht alles erklären konnten. Und später nach 1983, nach dem Übergang zur Demokratie, kamen all die Heimkehrer aus dem Exil dazu. Viele Generationen sind nachhaltig von der Diktatur geschädigt worden.

Wie haben Sie das alles ausgehalten?

Eigentlich bin ich darin ausgebildet, mit Schmerz und Trauer umzugehen. Aber darauf war auch ich nicht vorbereitet. Es geht hier nicht um eine Naturgewalt oder Krankheit, sondern es sind andere Menschen – also deinesgleichen -, die dir die Kinder wegnehmen, dich brechen und ängstigen und schließlich noch abwerten. Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann verstehen, was das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen bedeutet.

Was fühlen Sie, wenn Sie Militärs gegenüberstehen?

Laura Conte schweigt lange. Dann sagt sie: Alles in mir sträubt sich noch immer dagegen. Aber ich denke, das Land ändert sich. Das Militär wird immer mehr diskreditiert. Nicht, weil es den Militärs an Macht fehlt. Irgendetwas passiert mit ihnen, etwas zutiefst Menschliches. Denn letztendlich haben sie Kinder, und diese fragen: „Papa, ist es wahr, dass Du…“ Weder das Leben, noch die Religion, noch die Philosophie gibt ihnen Recht. Nichts. Da ist es undenkbar, dass es ihnen nicht schlecht ergeht, sie nicht ausgeschlossen werden. Denn letztendlich sammeln wir Menschen nicht Monster, sondern suchen nach anderen Dingen.

Werden Sie die Suche nach Ihrem Sohn je aufgeben?

Ich habe alle Daten zusammen, die ich sammeln konnte. Ich weiß ziemlich sicher, wo und wann der Mord an meinem Sohn geschah. Mir fehlt nur noch der letzte Schritt: Zu den Anthropologen zu gehen. (Diese helfen bei der Suche und Bestimmung von Überresten und/oder können aus „fremden“ Überresten Schicksale von Verschwundenen rekonstruieren, was oft der letzte Beweis ist, was genau mit jemandem geschah; Anm. d. Verf.). Es gibt Mütter, die haben so die Überreste von ihren verschwundenen Söhnen und Töchtern gefunden. Und ich rate all meinen Patientinnen das zu tun. Aber ich… ich kann nicht, weil… Nicht, weil ich nicht will, sondern weil ich es nicht schaffe. Wenn sie mir nach der Untersuchung sagen, ja, sie haben ihn ins Meer geworfen oder der und der hat ihn umgebracht… Ich weiß nicht, wie ich mir dann wieder einen Lebenssinn aufbaue. Bisher hat mir die Suche nach meinem Sohn einen Sinn gegeben. Die Solidarität in unserer Organisation und unser gemeinsames Ringen gegen das Vergessen. Zu sehen, wie sich dadurch unsere Kultur geändert hat, darin sehe ich einen Sinn. Aber dass sie mir sagen, so ist es passiert, damit umzugehen… Ich weiß nicht. Ich habe andere Mütter auf diesem Weg begleitet, darunter Freundinnen. Aber ich, ich hoffe, ich schaffe es, bevor ich sterbe. Aber ich habe Angst, dass ich das Gefühl bekommen könnte, als ob mir plötzlich die Beine zum Laufen abgetrennt würden oder mein Herz stehen bleibe. Das könnte ich nicht ertragen.

Kasten: von Jürgen Vogt

Der letzte 24-Stunden-Marsch der Madres de Plaza de Mayo

Die Bilder der Verschwundenen der Militärdiktatur hüllen die kleine Pyramide auf der Plaza de Mayo ein, im Hintergrund strahlt die Casa Rosada, der Präsidentenpalast, im Sonnenlicht.
Hebe de Bonafini, die Vorsitzende der Organisation der Mütter der Plaza de Mayo, hatte für den 25. und 26. Januar diesen Jahres den 25. und letzten 24-Stunden-Marsch des Widerstands angekündigt: „Der Präsident hat die Türen geöffnet, er hat Dinge getan, die niemand mehr erwartet hatte. Deshalb hören wir mit diesen jährlichen Protestmärschen auf.“ Der Anlass ist auch ein Jubiläum. In der Nacht marschieren sie gleichzeitig in den 1.500sten Donnerstagsmarsch hinein. „Sagen Sie nicht, wir drehen uns im Kreis“, hatte de Bonafini vor Jahren einmal gesagt, „wir marschieren auf ein Ziel zu. Wir fordern, dass man uns hört und uns Auskunft über den Verbleib unserer Kinder gibt.“
León Gieco hat die kleine Bühne betreten. Er ist der Erste einer Reihe von MusikerInnen und KünstlerInnen, die ihre Teilnahme am Widerstandsmarsch zugesagt haben. „Memoria“ klingt über den Platz: „Alles ist in der Erinnerung aufbewahrt. Der Traum vom Leben und der Geschichte“, singt Gieco, während die Mütter marschieren. Im April 1977 hatten sich zum ersten Mal Mütter von Verschwundenen auf der Plaza getroffen. 1979 gründeten sie ihre Organisation. Seit 1981 gab es die jährlichen 24-Stunden-Märsche
De Bonafini ließ zunächst noch einmal alles Revue passieren: Erst hatten die Madres Vertrauen zu Ex-Präsident Rául Alfonsín, dann erließ er plötzlich die Amnestiegesetze. Kaum kam Carlos Menem an die Regierung, wurde in 45 Tagen elf Mal in das Haus der Madres eingebrochen und alles Bildmaterial über die Militärs gestohlen. Danach kam De la Rúa, der sie nicht einmal aus der Nähe sehen wollte und schon gar nicht im Präsidentenpalast. Mit Néstor Kirchner hat sich dies geändert, mittlerweile sind die Amnestiegesetze aufgehoben worden, der Präsident hat sich öffentlich für den Staatsterrorismus der Diktatur entschuldigt, die Madres sind in der Casa Rosada empfangen worden. Für de Bonafini ist das Ziel der 24-Stunden-Märsche erreicht.
Der Marsch geht weiter. Die Madres legen unterdessen eine Verschnaufpause ein. Maria de Gutman ist 78 Jahre alt: „Viele von uns sind bereits über 80 und wir marschieren immer noch.“ Hebe de Bonafini ist 77. Es ist kein Geheimnis, dass auch das Alter der Mütter eine Rolle bei der Entscheidung gespielt hat. Der Marsch geht weiter durch die Nacht, hinein in den 1.500sten Donnerstag des Protests. „Und dass es ja keine Missverständnisse gibt: Wir werden auch weiterhin jeden Donnerstag marschieren,“ sagt María de Gutman.

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