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Das weibliche Antlitz Gottes

Der Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung wurde und wird teils mit Unterstützung der Kirche, teils gegen die Kirche geführt. So stritt die mexikanische Nonne Sor Juana Inés de la Cruz bereits im 17. Jahrhundert für das Recht auf (theologische) Bildung. Und auch in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts entwickelten viele Frauen in christlichen Basisgemeinden Selbstbewußtsein und politisches Engagement. Als wohl prominentestes Beispiel mag die guatemaltekische Nobelpreisträgerin Rigoberta Menchú gelten. Gleichzeitig tragen die Kirchen traditionell mit ihrer Frauenpolitik maßgeblich zur Unterdrückung von Frauen bei. Auch die Befreiungstheologie ist weithin eine Männertheologie. Innerhalb dieser konnte sich jedoch in den letzten zwanzig Jahren eine feministische Theologie herausbilden. Ihre Entwicklung läßt sich in vier Phasen darstellen, die sich zum Teil überschneiden beziehungsweise nebeneinander bestehen.

Doppelte Unterdrückung

In der ersten Phase, Anfang der 80er Jahre, begannen lateinamerikanische Frauen, im Rahmen der Befreiungstheologie eigene Vorstellungen innerhalb der Basisgemeinden zu entwickeln. Entscheidendes Stichwort war dabei die „doppelte Unterdrückung“ vieler Frauen, der sie durch ein ungerechtes Wirtschaftssystem und patriarchale Strukturen ausgesetzt sind. Um an der Basis Veränderungen zur ermöglichen, wurden Frauengruppen, Gesundheitsprojekte und diverse Kurse zur capacitación de la mujer, zur Schulung der Frau, ins Leben gerufen.
Auch auf akademischer Ebene nahm für die Theologinnen der Befreiung die kritische Reflexion der gesellschaftlichen Situation von Frauen, besonders aus den armen Schichten, eine zentrale Stellung ein. Damit wollten sie sich auch von der nordatlantischen Frauenbewegung und den bürgerlichen Frauen in Lateinamerika absetzen, denen sie Rückzug in die Innerlichkeit, Individualismus und mangelnde Berücksichtigung sozioökonomischer Bedingungen vorwarfen. Deshalb lehnten sie auch die Bezeichnung „feministisch“ ab und sprachen eher von der weiblichen oder der Frauenperspektive.
In der von einem patriarchalen (Ökonomie-)Diskurs bestimmten Befreiungstheologie wurde die Unterdrückung der Frau jedoch weitgehend auf die Armutsbedingungen in der „Dritten Welt“ zurückgeführt und höchstens als Sonderfall, als Nebenwiderspruch betrachtet.
In dieser Phase wurden vor allem Geschichten aus der Bibel aufgegriffen, die von der Befreiung aus unterdrückenden Verhältnissen erzählen. So wurde Maria als arme und ledige Mutter wiederentdeckt, die besingt, daß Gott die Herrschenden vom Thron stoßen wird, wie auch die ägyptischen Hebammen, die gegen das Tötungsgebot des Pharao den neugeborenen Moses am Leben lassen, oder Hagar, die als Sklavin für die Anerkennung ihres Sohnes kämpft.

Eine „weibliche“ Dimension

Je mehr sich Frauen jedoch als Subjekte der Theologie begriffen, brachten sie ihre „weibliche“ Dimension in den Theologiebetrieb ein. Die brasilianische Theologin Ivone Gebara bezeichnete diesen Prozeß, der Mitte der 80er Jahre begann, als „Feminisierung der theologischen Begrifflichkeiten“. Es galt, die Perspektiven der Frauen in die Theologie und in die Interpretation der Tradition einzuschreiben. Dazu zählte die wiederentdeckte Frauenrealität in der Bibel oder das „weibliche Antlitz Gottes“ als Gegenpol zum mit männlichen Attributen ausgestatteten Gott.
Zudem wurden die seit jeher Frauen zugeschriebene Eigenschaften und Lebensweisen aufgegriffen und positiv bewertet: Natürlichkeit, Schönheit, Emotionalität oder Mutterschaft gewannen an Bedeutung. „Frauen ergreifen das Wort“, „Frau in der Bibel“, „Theologie aus der Perspektive von Frauen“ — das sind typische Titel von Veröffentlichungen und Seminaren aus dieser Zeit. Die Befreiungstheologie spricht nun von einer Theologie des Lebens, die sie einer „Theologie des Todes“ entgegensetzt, da Frauen in besonderer Weise für das Leben eintreten. Die Aufwertung des traditionell „Weiblichen“ lief dabei Gefahr, zur Festschreibung der Geschlechterrollen und nicht zum Aufbrechen patriarchalischer Strukturen beizutragen.

Frauenbündnisse

In einer dritten Phase strebten die Frauen vor allem danach, ihre Partizipation in leitenden Positionen von Kirche und theologischer Ausbildung zu stärken. Die Institutionalisierung der feministischen Theologie gewann in den 90er Jahren vermehrt an Bedeutung. So erhielt Wanda Deifelt an der protestantische Hochschule in São Leopoldo, Brasilien, den ersten Lehrstuhl für feministische Theologie. In San José, Costa Rica ist es sogar möglich, an der Universidad Bíblica Latinoamericana (UBL) im Hauptstudium den Schwerpunkt „Frau und Theologie“ zu wählen. Ferner wird mit der UBL das erste Mal in Lateinamerika eine theologische Hochschule von einer Frau, der mexikanischen Befreiungstheologin Elsa Tamez, geleitet (siehe Porträt).
Trotz Theologiestudium werden Frauen jedoch weder in der katholischen Kirche noch in vielen protestantischen Denominationen als Pastorinnen akzeptiert. Um eine bessere Vernetzung und gegenseitige Unterstützung zu erreichen, schlossen sie sich daher 1993 zur „Vereinigung der Theologinnen und Pastorinnen in Lateinamerika und der Karibik“ zusammen.
In den letzten Jahren hat sich der Diskurs der Befreiungstheologie immer mehr von einer Rede über die Armen zu einer Rede über die (armen) Anderen entwickelt. Darunter werden dann sogenannte “Minderheiten” wie Frauen, Indígenas und Schwarze subsummiert. Diese lassen sich jedoch nicht mehr als Objekt einer Aufzählung abhandeln, sondern entwickeln ihre eigenen Theologien. Die Kritik an der „doppelten“ Unterdrückung ist der einer „dreifachen“ gewichen: lateinamerikanische Theologinnen setzen sich vermehrt mit Aspekten des internen Rassismus auseinander, wie er zum Beispiel gegenüber indigenen Frauen und ihrer Theologie deutlich wird. Um sich über solche Probleme länderübergreifend austauschen zu können und erste Strategien der Zusammenarbeit zu entwickeln, organisierte die Coordinación de la Pastoral Indígena im Juni 1995 ein erstes lateinamerikanisches Treffen indigener Frauen in San José.

Die Welt in neuem Gewand

In der feministischen Befreiungstheologie nimmt die katholische Ordensfrau Ivone Gebara eine besondere Rolle ein, da sie wichtige Fragen frühzeitig aufgreift und so der Debatte entscheidende Impulse gibt. 1992 kritisierte sie die katholischen Basisgemeinden, die immer noch zu stark männerzentriert und hierarchisch organisiert seien, da sie von Priestern und Ordensleuten dominiert würden. Ein Jahr später sprach sie sich öffentlich gegen die Enzyklika von Papst Johannes Paul II aus, in der Geburtenkontrolle und Abtreibung verurteilt werden.Sie hielt dem Papst entgegen, daß jede fünfte Frau in Brasilien durch eine illegale Abtreibung sterbe. Ein Verbot von Abtreibungen treffe vor allem arme Frauen. Deshalb dürfe hier nicht von Sünde gesprochen werden.
Die vatikanische Glaubenskongregation verurteilte sie daraufhin 1995 zu einem zweijährigen Bußschweigen und einem Studium der „rechten“ Lehre in Belgien. In den letzten Jahren haben Ivone Gebara und die Redakteurinnen der in Chile erscheinenden Con-spirando den Ansatz des Ökofeminismus entwickelt: Wie auch viele indigene Theologinnen versuchen sie, die ökologische Dimension in die Befreiungstheologie zu integrieren und so eine ganzheitliche Kosmovison zu entwerfen. Wie auch in Europa geht es nicht mehr allein um die Feminisierung des theologischen Diskurses, sondern um eine grundsätzliche Neuorientierung, die das an Dualismen und Hierarchie orientierte Weltbild überwindet und Mensch und Natur achtet. Ivone Gebara: „Die alten Kleider passen nicht mehr, wir müssen neue suchen – für die Zukunft unserer Enkelkinder.“

Literatur:
FrauenEroberung, hg. v. der Christlichen Initiative Romero, Münster 1992.

Töchter der Sonne. Unterwegs zu einer feministischen Befreiungstheologie in Lateinamerika, hg. v. Bärbel Fünfsinn / L. Carlos Hoch / Christiane Rösener, Hamburg 1996.

Das Seufzen der Schöpfung. Ökofeministische Beiträge aus Lateinamerika, hg. v. Bärbel Fünfsinn und Christa Zinn, Hamburg 1998.

KASTEN

Die erste Rektorin einer Hochschule in Lateinamerika

Elsa Tamez – ein Porträt

Elsa Tamez ist eine der bedeutendsten BefreiungstheologInnen Lateinamerikas. Sie ist kreativ, sympathisch, innovativ, eine gründliche Arbeiterin. Für viele Frauen in Kirche und Theologie – nicht nur der Lateinamerikas – ist sie eine wichtige Orientierungsfigur und Vordenkerin. Sie schafft es immer wieder, Zuversicht zu vermitteln und Visionen von einem gerechteren Leben zu entwickeln.

Am 17. September 1950 in der mexikanischen Provinz Tamaulipas geboren, wuchs sie mit sieben Geschwistern in einem Armenviertel der Industriestadt Monterrey auf. Mit 18 Jahren begann sie das Studium der evangelischen Theologie am Seminario Bíblica Latinoamericana (jetzt Universidad Bíblico Latinoamericano, UBL) in San José, Costa Rica. Ein Jahr verbrachte sie als Austauschstudentin in Westberlin. Nach dem Bachillerato arbeitete sie zwei Jahre in der Vereinigten Bibelgesellschaft in Mexiko. 1975 kehrte sie nach Costa Rica zurück, um die Licenciatura in Theologie sowie in Literatur und Linguistik zu absolvieren.
Die UBL gehört zu den wenigen Hochschulen Lateinamerikas, an denen ein Theologiestudium mit universitärem Abschluß möglich ist. Studierende aus ganz Lateinamerika und der Karibik werden hier zu PastorInnen und TheologInnen ausgebildet. Seit den 70er Jahren hat sich die Hochschule zu einem wichtigen Zentrum ökumenischer Befreiungstheologie entwickelt. Elsa Tamez war und ist daran maßgeblich beteiligt. Seit 1979 unterrichtet sie dort Literatur und Bibelwissenschaft, unterbrochen von einem Promotionsstudium in Lausanne, wo sie mit ihrer Familie von 1986 bis 1990 lebte.
Heute ist sie Rektorin der UBL und damit die erste Frau, die in Lateinamerika eine theologische Hochschule leitet. Seit Jahren vertritt sie lateinamerikanische Theologie und Realität in Gremien der internationalen Ökumene, so im Ökumenischen Rat der Kirchen und der Vereinigung der TheologInnen aus der Dritten Welt (Eatwot). Ferner gehört sie zu den Gründerinnen der Vereinigung lateinamerikanischer Pastorinnen und Theologinnen. In ihren Vorträgen in Lateinamerika und der weltweiten Ökumene geht es um politische Fragen wie Globalisierung, Frauenrechte, Feminisierung der Armut und darum, wie diese im Licht der Bibel interpretiert werden können.
Elsa Tamez ist eine Bibelwissenschaftlerin, die die Sprache liebt und gesellschaftliche Fragen mit biblischen Texten in Verbindung bringt. So schreibt sie über die Erotik im Hohenlied, über die Rechtfertigung bei Paulus, die entgegen der traditionellen Interpretation gerade nicht den Unterdrückern, sondern den Ausgeschlossenen dient, oder fragt mit Hilfe der Propheten, wie man in „Zeiten messianischer Dürre“ vom Glauben sprechen kann. Auf dem umstrittenen Gebiet der Anerkennung der indigenen Religionen durch das Christentum fand sie schon 1992 Wege der Verständigung, indem sie in der spanischen als auch aztekischen Religion herrschafts- und befreiungstheologische Elemente aufzeigte.
Sie ist eine Frau mit visionärer Kraft. So hat sie beispielsweise 1994 die Kampagne „Eine Million Frauen“ ins Leben gerufen, um ihren Traum von neuen Gebäuden für eine von ausländischen Geldgebern unabhängigere Universität zu verwirklichen. Für jeden gespendeten Dollar kann der Name einer Frau dokumentiert werden, die für den Glauben und die Theologie bedeutsam war. Die UBL wird auf diese Weise ein Ort sein, der das Gedächtnis an bedeutsame Frauen wachhält.
Annebelle Pithan

Literatur:
Elsa Tamez: Visionen in Zeiten messianischer Dürre. Eine feministische Befreiungstheologin ergreift das Wort, hg. v. der Christlichen Initiative Romero, Münster.
Elsa Tamez: Gegen die Verurteilung zum Tod. Paulus oder die Rechtfertigung durch den Glauben aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgeschlossenen, Luzern 1998.

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