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„Der illegale Bergbau soll nun geahndet werden“

Der Bergbausektor in Peru produziert fortwährend negative Schlagzeilen – woran liegt das?
In Peru gibt es eine große Angst, Investitionen zu verlieren, da werden soziale und umweltpolitische Defizite in Kauf genommen.

Aber angesichts der großen Nachfrage und der hohen Investitionsvorhaben von mehr als 30 Milliarden US-Dollar hat die Regierung doch beste Chancen, den Sektor zu regulieren?
Genau das ist der Regierung aber nicht klar, sie weiß das einfach nicht. Zudem ist ein weiteres Problem, was unter dem Tisch verhandelt wird – ich meine die Korruption.

Auf der anderen Seite stehen diesen Interessen zunehmende Widerstände gegenüber. Die Bevölkerung wirft der Regierung immer öfter vor, zum Vorteil der Gesellschaften zu entscheiden und in deren Interesse zu agieren.
Wir sprechen immer von der Regierung, aber tatsächlich sind es Sektoren, das Bergbau-, das Gesundheits-, das Umweltministerium und so weiter. Da gibt es Widersprüche und auch Widerstände, aber reale Macht hat vor allem das Bergbauministerium.

Der Bergbau gilt als Lokomotive der ökonomischen Entwicklung Perus und er ist durchaus in der Lage, Geld für den Ausbau der Infrastruktur des Landes, für die Bildung und die Entwicklung der produktiven Basis zu generieren. Faktisch wird aber kaum in die Köpfe investiert…
Ja, das ist ein zentrales Problem, denn der Bergbau oder die Bergbauunternehmen investieren nur sehr selten in Bildungsprogramme. Die soziale Entwicklung steht nicht gerade im Fokus der Unternehmen.

Gleichwohl behaupten Unternehmen wie Yanacocha oder Xstrata, dass sie der ganzen Region Entwicklung bringen werden – ein Widerspruch?
Ja, aber letztlich ist es der peruanische Staat, der dirigieren und regulieren muss. Doch es fehlt am Konzept, um das Orchester der Bergbauunternehmen zu dirigieren. Das ist das Dilemma. Hier in Madre de Dios tut sich zumindest etwas. Im Februar wirkte der Staat noch recht konzeptionslos, heute, Mitte April, sieht es schon ein bisschen anders aus. Derzeit kristallisiert sich eine Linie der Kontinuität heraus, es gibt erstmals klar definierte Normen, die festlegen, was illegaler Bergbau ist. Das ist ein Fortschritt und erstmals wird genau definiert, unter welchen Bedingungen Bergbau möglich ist, in welchen Zonen er verboten ist, und dass man eine Lizenz braucht, um nach Gold zu schürfen. All das sind Neuerungen und es muss sich noch zeigen, ob sie das Papier wert sind, auf dem sie formuliert sind. Neu ist aber auch, dass der illegale Bergbau fortan geahndet wird, einen Straftatbestand erfüllt und dass die Polizei derzeit im Einsatz ist und illegale Bergbauaktivitäten unterbindet – durch die Zerstörung der Ausrüstung. Aber auch diejenigen, die den mineros das Material zur Verfügung stellen, machen sich fortan strafbar. Das gilt für den Tankwart, der Benzin liefert, für logistische Dienstleistungen und so fort aber auch für Funktionäre, die das erlauben oder dulden.

Klingt konsequent…
Ja, und es wird aufgeräumt mit sehr widersprüchlichen Normen und Bestimmungen, das ist ein wichtiger Schritt, und es ist klar, dass auf viele Delikte fortan Gefängnis steht. Neu ist auch, dass derzeit die neuen Bestimmungen durch die Präsenz von Polizei und Militär durchgesetzt werden. Derzeit vergeht kaum ein Tag, wo nicht der Polizeihubschrauber im Einsatz ist und illegale Goldschürfer hochnimmt. Dort geht es darum, den Bergbau zurückzudrängen und konsequent die Konzessionen zu überprüfen. Es werden Motoren, Pumpen, dragas – so werden die Schwimmbagger genannt – zerstört und Camps geräumt.

Wie reagieren die Bergleute, die werden wenig begeistert sein nach Jahren der Gesetzlosigkeit?
Es gibt zwei verschiedene Reaktionsmuster und so etwas hat es hier noch nie gegeben, denn das erste Mal, dass etwas vergleichbares passierte, war Ende 2010, als Umweltminister Antonio Brack Egg einige dragas in direkter Nähe des Naturreservats von Tambopata abräumen ließ. Damals reagierten die mineros damit, ihre Maschinen schnell zu verstecken. Das ist heute auch der Fall. Große Pumpen werden in Plastik verpackt und in den Flüssen versenkt. Heute ist es anders, denn die beiden Kontrahenten stehen sich wie im Krieg gegenüber. Die einen bergen die Motoren und die anderen verlieren ihre Arbeitsgrundlage. Derzeit herrscht so etwas wie ein Wettlauf zwischen Polizei und mineros – die einen wollen ihr Geräte in Sicherheit bringen, zum Beispiel in der Zone wo der Bergbau gestattet ist, die anderen wollen den Umzug verhindern. An diesem Punkt gibt es ein zusätzliches Problem. Die mineros dringen in Gebiete ein, wo Bauern ihre Parzellen haben, und ein weiterer Konflikt entsteht. Das ist die derzeitige Lage nach den Protesten, den Demon­strationen und dem Bergarbeiterstreik von Mitte März, wo drei mineros getötet wurden. Derzeit scheint die Strategie, Investitionen zu retten, Geräte zu bergen und zu sehen, wie es weitergeht – wie kann ich zu einer legalen Lizenz kommen, scheinen sich viele Unternehmen zu fragen.

Gibt es dafür ein Zeitfenster?
Ja, zwölf Monate hat das Ministerium für Bergbau und Energie in Lima festgelegt – aus meiner Sicht eine zu lang bemessene Übergangsfrist. Es ist ein Rückschritt und ich hätte eine Frist von maximal drei Monaten begrüßt.

Aber ist die Regierung denn überhaupt in der Lage, die nötige Armee- und Polizeipräsenz für diese zwölf Monate aufrecht zu erhalten – ist das nicht ein Kraftakt?
Die Infrastruktur existiert faktisch kaum und niemand ist darauf vorbereitet. Das sind zusätzliche Kosten und schließlich sind auch Beamte, Staatsanwälte und Experten im Einsatz. Finanziell wäre es vielleicht deutlich einfacher gewesen, den Ausnahmezustand über dem Departamento zu verhängen, denn dafür wären Finanzreserven vorhanden gewesen. So müssen alle Kosten für die Operationen durch Umschichtungen im Etat vorgenommen werden – das ist kompliziert. Die Regierung scheint Bedenken zu haben, den Ausnahmezustand zu verhängen, obwohl wir faktisch unter militärischer Präsenz leben.

Gibt es mittlerweile mineros, die abziehen?
Es gibt in Puerto Maldonado deutlich mehr Menschen, die rumstehen und abwarten. Rund um den Markt sind kleine Gruppen von Männern zu sehen, die zu dritt rumstehen. Man erkennt sie daran, dass sie oft von der Sonne verbrannt sind. Sie leiden unter Pilzerkrankungen an den Füßen und Händen durch die Arbeit im Wasser. Es gibt Tendenzen von Abwanderung, denn wenn es hier keine Arbeit gibt, dann gibt es vielleicht welche nahe von Cuzco oder oben in Puno – dort wird schließlich auch nach Gold gesucht. Es ist recht leicht, die Maschinen hin und her zu schieben.

Halten Sie die getroffenen Maßnahmen für ausreichend auf nationaler Ebene? Wird die Regierung die neue Leitlinie durchhalten?
Es gibt eine recht klare politische Linie, das ist positiv, aber noch ist nicht klar, ob der Staat als Staat sich wirklich in der Verantwortung sieht, denn es ist keine Sektorpolitik gefragt, wo ein Ministerium dem anderen den schwarzen Peter zuschiebt. Wir haben es mit einer großen Unbekannten zu tun – dem Thema der Korruption. Es gibt Gerüchte, dass auch Mitarbeiter aus dem Bergbauministerium beim Waschen des Goldes beteiligt sind – aus illegalem Gold wird so legales. Das ist ein Phänomen, welches auch beim Holzexport zu beobachten ist.

Da scheint Aufklärungsarbeit auch auf internationaler Ebene nötig.
Ja, denn kaum jemand weiß davon, wie hier gefördert wird und wie das Material auf den Markt kommt. So ist zum Beispiel der Vertrieb von Quecksilber und Zyaniden ein gutes Geschäft. Quecksilber kommt aus Spanien, aus Brasilien, aber auch aus Peru, denn die Goldmine Yanacocha ist auch ein großer Quecksilber-Produzent und vertreibt das Material landesweit. Das wird kaum kontrolliert.

Wie stellt sich die Situation der kleinen Assoziationen, der Genossenschaften dar?
Schwierig, denn die Signale sind widersprüchlich. Es gibt allerdings ein zunehmendes Interesse an sozialer Arbeit in der Region – zum Beispiel wird mehr und mehr Interesse gezeigt, mit den jungen Prostituierten zu arbeiten, die es in den Bergbaucamps gibt. Aber bisher gibt es kaum Aufnahmeeinrichtungen und keine Konzepte, wie die Präventionsarbeit aussehen könnte. Der Staat hat keine Aufnahmeeinrichtung, keine Heime, keine Frauenhäuser, keine Anlaufstellen. Die kirchlichen Häuser sind hingegen brechend voll.

Es gab doch Polizeiaktionen, wo mehrere Dutzend minderjährige Prostituierten aufgegriffen wurden?
Es gab eine Operation 2008 in Delta Uno, wo fast zweihundert Minderjährige aufgegriffen wurden. Aber auch im letzten Jahr gab es eine große Operation mit Polizeikräften aus Lima, wo mehrere Hundert Zwangsprostituierte aufgegriffen wurden. Die hiesigen Polizeikräfte habe da nicht das große Interesse.

Wie sieht es mit Alternativen aus?
Da gibt es zum Beispiel die kleinen Gruppen von Genossenschaften, die sich für den fairen Handel, für den Schutz der Umwelt und für alternative Technologien einsetzen. Dort gibt es in aller Regel keine sozialen Probleme und es sind vielleicht vier Organisation mit jeweils nicht mehr als einhundert Mitgliedern. Aus der Gruppe der kleinen alternativen Genossenschaften sind Vorschläge für Gesetze eingegangen, die den lokalen Bergbau hier durchaus verändern könnten.

Inwiefern?
Die Genossenschaften haben mittlerweile Kontakte in die Ministerien aufgebaut und plädieren für Pilotprojekte in der Region, um zu zeigen, dass auch ein anderes Goldschürfen möglich ist. Das sind neue Optionen und vielleicht wird die Regierung darauf eingehen.

Agieren die Leute der Genossenschaft mit Konzessionen?
Im Fall der Genossenschaft Apaylom, im Südosten Perus, sind es beispielsweise rund zwanzig Familien. Die meisten haben individuelle Konzessionen und sie arbeiten ausschließlich im Fluss, nicht an den Ufern und setzen kein großes Gerät ein. Sie sieben letztlich den Flusssand nach Gold durch, arbeiten nicht in der gegenüberliegenden Reserva, dem Naturschutzgebiet Tambopata, und passen auf, dass sich dort keine Eindringlinge breit machen. Obendrein gibt es in den Camps einen Gesundheitsposten und keine Bordelle, keine Trinkhallen und so weiter.

Gibt es Kontakte zu Fair Trade-Organisation?
Ja, auf einer Bergbau-Konferenz in Bonn haben wir Kontakte knüpfen können. Aber natürlich fehlt es noch an Technologie und auch an Organisation. Da gibt es noch viel zu tun, aber es ist ein Anfang und die Leute aus Apaylom sind sehr motiviert und wir wollen ihnen dabei helfen.

Infokasten:

César Ascorra
ist Biologe und leitet seit sieben Jahren die Caritas in Puerto Maldonado im Bundesstaat Madre de Dios im Südosten von Peru. Dort arbeitet er schwerpunktmäßig zu den ökologischen Problemen, die im Zusammenhang mit informellem Kleinbergbau zusammenhängen. Gleichzeitig setzt er sich für Projekte und neue Ansätze nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen des Regenwaldes ein.

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