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Der Monolith hat Risse

In Paraguay entwickelte sich seit
der Unabhängigkeit 1811 nie eine demokratische Tradition. Es gab zwar zu fast allen Zeiten Wahlen, diese dienten jedoch meist der Legitimation eines Militärputsches mit voraussehbarem Ergebnis. Oft stand ein Militär selbst an der Spitze des Staates.
Getreu diesem Schema ließ sich auch der damalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte Alfredo Stroessner nach seinem erfolgreichen Militärputsch 1954 als alleiniger Präsidentschaftskandidat aufstellen, nachdem er kurzzeitig einen Zivilisten als Interrimspräsidenten eingesetzt hatte. Seine Wahl zu diesem Zeitpunkt wurde von der Bevölkerung getragen, da er nach einem Jahrzehnt politischer Instabilität und Lähmung Stabilität versprach. Für fast 35 Jahre brachte Stroessner dem Land eine Stabilität – die Stabilität einer totalitären Diktatur, die sich auf eine politische Massenpartei, die Asociación Nacional Republicana ANR (besser bekannt als Coloradopartei) sowie natürlich auf die Militärs stützte.
Die Ideologie der Diktatur war einfach: Wer nicht für Stroessner war, war gegen ihn und wurde rücksichtslos verfolgt. Meist gingen die Betroffenen ‘freiwillig’ ins Exil. Stroessner hatte als Oberkommandierender eine Machtbasis unter den Militärs, er behielt diesen Posten auch, bis er im Februar 1989 durch einen anderen Militär, General Andrés Rodríguez, gestürzt wurde.

Deckmantel
Antikommunismus
Die Zeit der Diktatur Stroessners war eine Blütezeit für die Militärs. Unter dem Deckmantel des Antikommunismus floss während des Kalten Krieges reichlich Militärhilfe aus dem Ausland, obwohl die Streitkräfte Paraguays gegenüber denen der Nachbarländer Brasilien und Argentinien eher lächerlich wirkten. Die Ausrichtung der paraguayischen Militärs war während der Zeit der Diktatur stets mehr nach innen als nach außen gerichtet. Intensiv wurde an einem eigenen Geschichtsbild gearbeitet. Einerseits wurde die Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit der Paraguayer – sprich: seiner Streitkräfte – aus der Zeit des Triple-Allianz-Krieges herausgestrichen, wobei die Tatsache, dass die Sieger und die politische wie militärische Elite nach diesem verheerenden Krieg vorrangig aus den auf der Seite der Nachbarländer kämpfenden Paraguayer hervorging, geflissentlich verschwiegen wurde. Andererseits wurde der Sieg im Chaco-Krieg als herausragende Leistung der Militärs und Vorbild für die gesamte Nation hervorgehoben. Eine breite Vielfalt an militärischer Memoirenliteratur entstand, über alle beteiligten Truppenteile und Kämpfe gibt es Darstellungen durch beteiligte Militärs. Die “Liga der Veteranen des Chaco-Krieges” spielte lange Zeit eine große innenpolitische Rolle und sorgte für ein gutes Image für das Militär.
Ideologisch brauchten die Militärs durch Stroessner kaum noch auf Kurs gebracht zu werden, da bereits nach dem Bürgerkrieg 1947 eine Säuberungswelle durch die Armee ging. Die Mitgliedschaft in der Coloradopartei war überhaupt eine der wichtigsten Voraussetzungen, um eine Offizierslaufbahn einschlagen zu können.
Die Ideologie war durch den Kalten Krieg streng konservativ geprägt. Der gepredigte Antikommunismus diente vor allem zur Verunglimpfung aller Andersdenkenden. Dabei spielten tatsächliche ideologische Ausrichtungen kaum eine Rolle. Eine Definition für Kommunismus hätten wahrscheinlich nur die wenigsten geben können. Die aktive Teilnahme und militärische Präsenz im öffentlichen politischen Leben wurde während der Stroessnerdiktatur stark gefördert, wobei Stroessner selbst peinlich genau darauf achtete, dass ihm keine Konkurrenz aus den militärischen Reihen erwuchs.

Einkommen durch
Schmuggel
Um sich der Loyalität der Militärs zu versichern, war Stroessner gern bereit, den “Preis für den Frieden” zu zahlen, wie er es nannte. Die offiziellen Gehälter der Militärelite waren eher bescheiden, andere Finanzquellen mussten also für diese Kreise erschlossen werden. Der Preis war systematischer Schmuggel und Korruption auf allen Ebenen. Die Streitkräfte hatten sich ganze Produktpaletten untereinander aufgeteilt. Ein Teil der Streitkräfte war für den Schmuggel von Zigaretten, ein weiterer für Alkohol oder Autos zuständig. Am Ende des Stroessnerregimes wurde geschätzt, dass der Schmuggel etwa das Fünffache des offiziellen Außenhandelsumsatzes von rund einer Milliarde US-Dollar ausmachte. Diese Summe genügte augenscheinlich lange genug, um das Militär bei der Stange zu halten.
Sagenhafte Karrieren wurden möglich. Der Mann, der Stroessner schließlich stürzte, der General und spätere Präsident Paraguays Andrés Rodríguez, stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Pikanterweise war ein Sohn Stroessners mit der Tochter von Rodríguez verheiratet. Im Jahre 1989 wurde die Villa von Rodríguez in Asunción als “Klein Versailles” bezeichnet, sie galt als schönste der Stadt. Auf die Frage eines Journalisten, woher dieses Vermögen stamme, antwortete Rodríguez, er hätte beim Rauchen gespart. Seine Verwicklungen in den Drogenhandel wurden zwar nie bewiesen, doch gilt es heute als sicher, dass die paraguayischen Militärs am Drogenhandel und -transit mitverdienten und ihn teilweise mitorganisierten. Auch das unglaubliche Vermögen von dem heute so oft in der Presse auftauchenden Ex-General Lino Oviedo soll aus diesen Quellen stammen.
In keinem anderen Teil der paraguayischen Gesellschaft konnte jemand so schnell Karriere machen und ein Vermögen erzielen wie im Militär. Selbst die Führer der politischen Elite der Coloradopartei konnten davon nur träumen, lediglich der Bau des Itaipú-Staudammes schuf eine reiche Wirtschaftselite außerhalb der militärischen Kreise. Am Ende der Stroessnerdiktatur hatte Paraguay mehr Offiziere im aktiven Generalsrang als die Streitkräfte der US-Army. Selbst ein Kommandeur der relativ kleinen und bescheidenen Flusskriegsschiffe der paraguayischen Marine mit nur wenigen Mann Besatzung besaß einen Admiralsrang. Auch dies war ein Preis für den Frieden, da natürlich die jüngeren Dienstränge murrten, wenn sie nicht aufsteigen konnten, da die oberen und lukrativeren Posten bereits besetzt waren. Deshalb waren auch maßgeblich hochrangige Offiziere am Sturz Stroessners beteiligt, die natürlich nach dem Machtwechsel in die Generalsränge aufstiegen.
Es spielte in der Identität der Militärs während der Diktatur kaum eine größere Rolle, dass sie mehr als innenpolitisches Druckmittel denn als Schutz vor äußeren Angriffen wie in der Verfassung festgestellt dienten. Die allgegenwärtige Präsenz der Militärs reichte als Einschüchterung bereits aus. Ihr Einsatz gegen die eigene Bevölkerung war, abgesehen vom Kampf gegen die eher bescheidenen Guerillabewegungen Ende der 50er Jahre und von Aktionen gegen Landbesetzungen im Landesinneren, kaum nötig. Es gab schließlich auch keine wirklich ernsthafte innere Opposition gegen das Regime. Das Konzept der Abschreckung ging auf.

Kindersoldaten
im Straßenbild
Im Selbstwertgefühl gehörte man mit einem Offiziersrang bereits zur paraguayischen Elite. Dass die Streitkräfte intern auch ein anderes Gesicht hatten, zeigte sich vor allem erst nach dem Sturz Stroessners. Obwohl die allgemeine Wehrpflicht erst ab 18 Jahre gilt, findet man im Straßenbild fast nur Soldaten im Kindesalter. Misshandlungen mit Todesfolgen waren und sind keine Seltenheit. Heute werden diese Fälle jedoch fast immer bekannt. Zu Zeiten der Diktatur herrschte darüber Schweigen. Das Bild der Militärs wurde durch solche Skandale nicht “beschmutzt”. Gegen Dissidenten in den eigenen Reihen wurde mit aller Härte vorgegangen, wie beispielsweise Hauptmann Napoléon Ortigoza feststellen musste. Unter falschen Anschuldigungen wurde er zum längsten politischen Gefangenen Lateinamerikas.
Letztlich kann die militärische Elite als Prototyp auch für andere Militärs Lateinamerika während der Zeit der Militärdiktaturen dienen. Ihr Identitätsgefühl und die Darstellung in der Öffentlichkeit war fast immer gleich, obwohl sich die paraguayischen Militärs nie so exponierten wie in anderen Diktaturen. Eine Diskussion über begangenen Menschenrechtsverletzungen wurde deshalb nach dem Sturz Stroessners auch nie geführt. Die Militärs hatten ihn ja schließlich gestürzt und erhielten dafür den Beifall der Gesellschaft und die Absolution.

Ein neuer Platz
in der Gesellschaft
Nach dem Sturz Stroessners und der zunehmenden Demokratisierung der Gesellschaft wurden den paraguayischen Militärs neue Rahmenbedingungen aufgezwungen, die die militärische Elite nur schwer und viele einzelne Militärs gar nicht hinnehmen wollten. Mit der neuen Verfassung von 1991 ist allen Militärs die Mitgliedschaft in politischen Parteien verboten und öffentliche politische Meinungsbekundungen und Betätigungen für aktive Militärs sind untersagt. Die Streitkräfte sollen entpolitisiert und den verfassungsmäßigen Organen unterworfen werden. die häufigen Putschgerüchte und mehrere Putschversuche in den letzten zehn Jahren zeigen, dass dieses Ziel bei weitem noch nicht erreicht wurde. Die Zahl der Offiziere, die seit dem Sturz Stroessners vorzeitig aus dem aktiven Dienst entlassen wurden, dürfte mittlerweile in die Tausende gehen, wobei darunter auch viele Gefolgsleute des Putschgenerals Oviedo sind. Noch immer gibt es Korruption und zahlreiche illegale Machenschaften zur eigenen Bereicherung in der militärischen Elite. Doch demokratische Verhältnisse und eine weitestgehend freie Presse haben Zustände wie zu Zeiten der Diktatur sehr erschwert. Der Block der Militärs ist bei weitem nicht mehr so monolithisch wie vor einem Jahrzehnt. Jeder Verstoss gegen die Gesetze und die Verfassung werden von der Gesellschaft wahrgenommen und führten zu einem stärkeren Gesichtsverlust in der Bevölkerung und damit auch zum Verlust des Elitestatus. Allerdings ist auch erkennbar, dass die augenscheinliche Mehrheit gewillt ist, Verfassungstreue zu halten und ihren Platz in der demokratischen Gesellschaft akzeptieren. Der schnelle Zusammenbruch des letzten Putschversuches im Frühjahr diesen Jahres kann dafür als Indiz dienen.
Peter Altekrüger

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