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Der “Telenovela-Streit”

Märchen ohne Konkurrenz

In Mexiko produziert der Medienriese Televisa (bzw. sein Vorläufer “Telesistema Mexicano”) seit Ende der fünfziger Jahre Telenovelas und verkauft sie seit Anfang der Sechziger auch in die übrigen Länder Lateinamerikas und in die USA. Televisa konnte durch aggressive Strategien die Medienkonkurrenz in Mexiko ausschalten oder zur Bedeutungslosigkeit verurteilen und hat damit weitgehend eine Monopolstellung. Aus dieser Position heraus konnte die Unternehmensleitung krasse Zensurmaßnahmen vornehmen, durch die die Beschäftigten unter hohen Druck gesetzt werden, die Programme strikt nach den Interessen der Unternehmensleitung zu gestalten. Diese Unternehmenspolitik rief in Mexiko viele KritikerInnen des Fernsehens und seiner Programme auf den Plan.
Anders als in Brasilien hielten die professionellen Kulturschaffenden, die Autor-Innen, RegisseurInnen und SchauspielerInnen jahrzehntelang Abstand von dem kommerziellen Fernsehgiganten, da es als “imageschädigend” galt, bei Televisa zu arbeiten. Erst seit in den achtziger Jahren die Arbeitsmöglichkeiten für KünstlerInnen in Mexiko immer schlechter wurden, gingen mehr und mehr SchauspielerInnen, aber auch einige AutorInnen und RegisseurInnen zu Televisa. Dadurch gab es über viele Jahre hinweg gar nicht erst den Versuch, in Programmen wie den Telenovelas anspruchsvolle Innovationen vorzunehmen. Die Konsequenz war, daß die mexikanischen Telenovelas bis in die achtziger Jahre “immer die gleichen rosaroten Märchen” blieben.

Linke Kritik seit den siebziger Jahren

Ausgehend von den Diskussionen der Siebziger wurden in ganz Lateinamerika die Massenmedien als Agenten des Kulturimperialismus gebrandmarkt, die die kulturelle Autonomie der lateinamerikanischen Völker durch fremde kulturelle Werte zerstören wollten. Daneben wurde in Anlehnung an einige Vertreter der Kritischen Theorie deren negative Bewertung der Massenmedien übernommen. Die Medien, so das gängige Urteil, prägten den schlechten Geschmack und entfremdeten das Bewußtsein der Menschen.
Als Prototyp dafür galten die Telenovelas. Allein die Tatsache, daß sie zusammen mit den ähnlich konzipierten Radio- und Fotonovelas ein Massenpublikum ansprechen und in ihren Bann ziehen können, wurde als Maßstab für den Grad der Entfremdung genommen, dem das Publikum bereits unterlegen war. Ideologiekritische Produktanalysen wurden vorgenommen und die Mechanismen der Bewußtseinsentfremdung hervorgehoben. Zwar gab es Ansätze, über neue Wege kritisches Bewußtsein zu schaffen, doch für viele der KritikerInnen gilt bis heute als Alternative, die “schlechten”, als zu konservativ, zu realitätsfern, zu konsumistisch oder zu liberal bezeichneten Inhalte durch “gute” zu ersetzen, das aber unter Beibehaltung derselben Art der Beeinflussung.

Imagepflege Televisas

In Mexiko fanden die kritischen Positionen ein so großes Echo, daß Televisa reagierte. Das Ergebnis waren einige Telenovelas, die sich um Ereignisse der mexikanischen Geschichte rankten oder in denen aufgefordert wurde, an Alphabetisierungsmaßnahmen teilzunehmen oder Verhütungsmittel zu benutzen. Mit solchen “unterweisenden Inhalten” konnten dazu gewinnträchtige Geschäfte gemacht werden. Für die Propagierung regierungsfreundlicher Geschichtsschreibung und die Unterstützung der Bevölkerungspolitik erließen die jeweiligen Regierungen Steuern und Gebühren. Insgesamt gab es kaum zwanzig Telenovelas diesen Typs, aber Televisa stellt sie bis heute zur Imagepflege in den Vordergrund.
Neben der Produktion von explizit als “bildend” bezeichneten Telenovelas ging Televisa zunehmend dazu über, die schon immer präsentierten Inhalte als “gute Botschaften” zu verkaufen. Das Publikum bekäme Beispiele für “gutes” Verhalten, wie z.B. das Waschen der Hände vor dem Essen. Schlechte Gewohnheiten, wie Alkohol- und Drogengenuß, würden in der Telenovela bestraft und hätten daher abschreckende Wirkung. Das Zurschaustellen von luxuriösen Konsumartikeln würde in den armen Menschen nicht den Wunsch wecken, ebensolche zu begehren, weil sie mit ihren traditionellen Lebensformen zufrieden seien.
Gleichzeitig betonte Televisa immer wieder, daß die Telenovelas nur zur Unterhaltung seien und das Publikum dem Fernsehen lange nicht so stark ausgesetzt sei wie z.B. einem Film im dunklen Kinosaal. Seit Anfang der neunziger Jahre strahlte der Fernsehsender außerdem Spots aus, in denen das Telenovela-Schauen in scherzhafter Form als aufregendes Ereignis in allen Lebensbereichen dargestellt wird. Außerdem wurde seit Ende der achtziger Jahre immer wieder auf die hohe Qualifikation der bei Televisa Arbeitenden verwiesen und die gute Qualität der Telenovelas beteuert.

Telenovelas entfremden die Frauen

Zwischen den Fronten der Telenovela-KritikerInnen, die überwiegend aus intellektuellen Kreisen stammten, und den VerteidigerInnen Televisas verbreitete sich die Diskussion um die Telenovela in den Auseinandersetzungen der Volksmassen. Die Argumente für und wider die Telenovela wurden “popularisiert”. Aus dem Argument der kulturellen Homogenisierung wurde in Mexiko der konservative Vorwurf, daß die traditionellen mexikanischen Sitten ausgehöhlt würden, wie z.B. die Priorität der Familie. Dies galt unter anderem als Kritik an den Frauen, welche durch die Telenovela-Inhalte motiviert würden, die Autorität des Mannes in Frage zu stellen.
Eines der in Mexiko am häufigsten benutzten Wörter bei der Kritik an den Telenovelas ist der Begriff der Entfremdung. Darunter wird in den meisten Fällen eine zeitliche Fremdbestimmung verstanden. Es heißt z.B., die Frauen kümmerten sich nicht genug um Mann und Kinder, weil sie an die Telenovelas gefesselt seien. Dies führe unter anderem zur Verwahrlosung der Kinder. Darüberhinaus kämen ZuschauerInnen nicht mehr in kirchliche und soziale Einrichtungen, weil sie lieber vorm Fernseher blieben. Anstelle des Fernsehkonsums sei das Lesen eines guten Buches, die Beschäftigung mit den Kindern usw. vorzuziehen. Die inhaltliche Interpretation des Entfremdungsbegriffes richtet sich darauf, daß vor allem Jugendliche und Kinder durch Telenovelas zu Delinquenz, Drogensucht und sexuellen Ausschweifungen verleitet würden.
Die harsche Kritik an den Telenovelas wurde vor allem von den Männern gegenüber den Frauen geübt. Besonders für Männer galt es als peinlich, Telenovelas gut zu finden. Seit Anfang der achtziger Jahre versuchte Televisa daher, deren Aufmerksamkeit durch die Hinzufügung von mehr Aktions- und Krimimomenten und durch Erotisierung und Sexualisierung der Liebesbeziehungen zu gewinnen.
Die Geringschätzung eines Fernsehgenres, das zunächst vorwiegend Frauen anzog, ist nicht auf Mexiko beschränkt, sondern findet sich ebenso in den USA und anderen Ländern gegenüber Fernsehserien und anderen vor allem bei Frauen populären Medien.

Niemand schaut Telenovelas

Die Telenovela-Fans mußten angesichts der harschen Kritik an ihrem Fernsehverhalten auf die Angriffe reagieren. Glaubt mensch den Äußerungen, die in Mexiko über den eigenen Telenovela-Konsum gemacht werden, scheint es oft, als würde kaum jemand diese Programme schauen. Andere ZuschauerInnen greifen die Argumente Televisas auf und betonen, sie würden die Serien nur zur reinen Unterhaltung und Zerstreuung und nur für ein Weilchen anschauen, wenn sie ohnehin nichts anderes zu tun hätten. Wieder andere beteuern, sie selber, ihre Kinder oder ihre Eltern würden eine Menge Gutes von den Telenovelas lernen.
Sie würden beispielsweise motiviert, sozial “besser” zu handeln oder Konflikte anders zu verarbeiten. Gleichzeitig betonen alle, nicht von den Telenovelas beeinflußt zu werden. Schließlich taucht oft das Argument auf, die mexikanischen Telenovelas seien von hoher Qualität. So sei es nur recht und billig, sie zu konsumieren.

Anpassung und Subversion

Die hier skizzierte Art der Auseinandersetzung mit Telenovelas ist bis heute in Mexiko häufig anzutreffen, befindet sich allerdings seit den achtziger Jahren in einem Prozeß der Veränderung. Zum einen führte das verstärkte Aufgreifen der Lebensrealität ärmerer Bevölkerungsschichten und Jugendlicher in der Telenovela dazu, daß neue Publikumsgruppen hinzugewonnen und deren Akzeptanz erhöht werden konnte. Zum anderen ist international eine Umbewertung in den Urteilen über Fernsehserien und populäre Geschmäcker festzustellen: Es wird stärker aus der Sicht der Einzelnen über deren Umgangsweisen mit populären Genres im jeweiligen alltagsweltlichen Kontext nachgedacht. In den USA gibt es darüber hinaus zahlreiche Annäherungen an die Frage, welche Bedeutung die Fernsehserien gerade für Frauen haben.
In Lateinamerika führte die Auseinandersetzung mit den sozialen Bewegungen jenseits der traditionellen Formen von kritischen Aktionsformen dazu, daß auch im Bereich der “cultura popular” ein Umdenken stattfand. Populäre Lebensstile werden nicht mehr nur als die Frucht interpretiert, die äußere Mächte gesät haben, sondern als die jeweiligen Aneignungsformen des Vorgegebenen zwischen äußeren Zwängen und eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Dadurch sei es nach Meinung des Mexikaners García Canclini ganz und gar nicht zu einer Homogenisierung der verschiedenen lateinamerikanischen Kulturen gekommen, sondern es gäbe eine Vielzahl von traditionellen und modernen Lebensformen und -stilen, die nebeneinander ständen. Lateinamerika sei in die Postmoderne eingetreten, ohne die Moderne voll entwickelt zu haben.
Sowohl bei den spezifisch weiblichen Umgangsformen mit Fernsehserien, als auch bei den populären Herangehensweisen an Massenkultur wird eine neue Position vertreten. Danach übernehmen die Einzelnen zum Teil die von außen an sie herangetragenen Weltbilder. Auf der anderen Seite ist die eigene Alltagsrealität so bestimmend, daß Fernsehinhalte, die nicht mit den eigenen Werturteilen übereinstimmen, ignoriert werden. In Anlehnung an den Nutzenansatz in der Medienwirkungsforschung fragen seit Mitte der achtziger Jahre viele ForscherInnen in Lateinamerika danach, “was das Publikum mit den Medien macht”. Die Tatsache, daß die Fernsehproduzenten auf eine massenhafte Akzeptanz ihrer Produkte angewiesen sind, führe außerdem dazu, daß die Lebensrealität der Massen in den Telenovelas aufgegriffen und damit wiedergespiegelt und sichtbar gemacht würde.
In diesem Zusammenhang findet der in den letzten Jahren in Lateinamerika häufig aufgegriffene Begriff der “Mediación” von Martín Barbero aus Kolumbien seine Anwendung: die Telenovela ist Vermittlung. Sie ist der Ort, an dem sich Produktion und Rezeption, Rentabilität und kulturelle Heterogenität treffen und an dem diese verständlich werden.
Eine weitere Lesart von Telenovelas, die vor allem aus den feministischen Arbeiten über Soap Operas im englischsprachigen Raum angeregt wurde, betont, daß die scheinbar eindeutigen Botschaften in den Fernsehserien auf vielerlei Weise gedeutet werden können. Ein anderer Impuls kommt aus Brasilien, wo die Zurückdrängung US-amerikanischer Programme durch die Expansion nationaler Fernsehproduktion und der weltweite Export der Telenovelas hervorgehoben wird. Die Schwellenländer seien nun in die Lage gekommen, dem US-Kulturimperialismus etwas entgegenzusetzen.
Die Diskussion über Telenovelas im besonderen und Massenmedien im allgemeinen verläuft nicht in allen Ländern Lateinamerikas gleich, sondern bewegt sich mit unterschiedlicher Gewichtung der hier skizzierten Positionen: zwischen Ablehnung, dem Feiern der Telenovela als Spiegel gesellschaftlicher Realität und der Betonung der Ambivalenzen im Umgang damit. Während die Akzeptanz der Telenovelas in Brasilien in den letzten Jahren erheblich zunahm, gibt es in Mexiko weiterhin sehr viel Skepsis ihr gegenüber. Überall bleibt die Diskussion über sie jedoch in Bewegung.

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