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Der Unterhaltungswert des Terrors

Erfolg scheint manchmal vorbestimmt zu sein. So im Fall des neuen Romans von Mario Vargas Llosa, Das Fest des Ziegenbocks. Es gibt wohl keinen lateinamerikanischen Autor, dem zurzeit so viel mediale Aufmerksamkeit zuteil wird wie ihm. Bereits ein halbes Jahr vor der Veröffentlichung bei Suhrkamp kürte der Spiegel den Roman zum Bestseller, die Neue Zürcher Zeitung nannte ihn einen Klassiker und die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobte ihn als einen „meisterhaften, neuen Dikatorenroman“. Ihr Urteil stützt sich auf die Originalausgabe, die im Frühjahr 2000 bei dem renommiertesten spanischen Verlag, Alfaguara, herausgekommen ist. Seit Erscheinen auf dem deutschsprachigen Markt nun überschlagen sich die Besprechungen. Woher dieses große Interesse?

Marktgerecht

Gründe dafür gibt es viele. Kaum ein Schriftsteller lässt sich so gut vermarkten wie Vargas Llosa: Sowohl politisch als auch literarisch sorgte er immer wieder für Aufsehen, und an – literarischen – Auszeichnungen mangelte es ihm nie. Doch in den letzten Jahren hat Vargas Llosa die KritikerInnenbedürfnisse nach einem „großen“ Roman nicht so recht befriedigt. Mal verlor er sich in erotischem Geplänkel (Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto, 1997), mal driftete er in politische und ästhetische Gefilde ab, die kaum auf Interesse bei einem breiteren Publikums stießen (Ein trauriger, rabiater Mann. Über George Grosz, 2000; Nationalismus als Bedrohung, 2000). Nun also endlich wieder ein historischer Roman, noch dazu einer, der sich wegliest wie ein Krimi.

Der letzte Tag des Tyrannen

Im Mittelpunkt des Romans steht der Diktator Rafael Leónidas Trujillo, der über mehr als 30 Jahre die Dominikanische Republik beherrschte, bis er am 30. Mai 1961 bei einem Attentat ums Leben kam. Vargas Llosa geht der Frage nach, wie wohl der letzte Tag des Tyrannen ausgesehen haben mag, und schaut ihm vom Aufwachen bis zum Tod über die Schulter und ins Herz. Die Darstellung umfasst sowohl seinen von kaltem Kalkül geprägten Arbeitstag, der mit verschiedenen Gesprächen mit seinen Ministern angefüllt ist, als auch die dem Alter geschuldete Angst vor einem Versagen der Prostata und die schmachvolle Erinnerung an seine Impotenz bei der letzten sexuellen Begegnung. Am Abend dieses Tages soll ein Treffen mit einem jungen Mädchen in seinem Lusthaus ihm Gelegenheit geben, seine Männlichkeit erneut unter Beweis zu stellen.
Ein zweiter Erzählstrang konzentriert sich auf eine Gruppe von Widersachern, die sich verschworen haben, den Diktator auf seiner Fahrt zum Lusthaus umzubringen. Während der langen, bangen Zeit des Wartens auf Trujillo erinnert sich jeder von ihnen, wie seine persönliche Motivation zu diesem Coup entstanden ist. In der Mitte des Romans treffen beide Erzählstränge zusammen: Der Tyrann ist tot. Doch damit hat der Terror kein Ende; eine gewaltige Hetzjagd auf die Attentäter setzt ein, bei der nur ein einziger überlebt. Die meisten werden gefasst und sterben unter den grausamen Foltermethoden von Trujillos Erben, andere wählen den Freitod.

Die Allwissenheit des Autors

Neben dieser politischen Geschichte vom Schurken und seinen heldenhaften Gegnern erzählt ein dritter Strang aus dem – fiktiven – Leben eines Opfers. Urania, deren Vater für Trujillo gearbeitet hat, ist kurz vor dem Tyrannenmord in die USA gezogen und kehrt erst 30 Jahre später in ihre Heimatstadt zurück. Sie besucht ihren durch einen Schlaganfall paralysierten Vater, um ihn endlich mit seinem Verrat an ihr zu konfrontieren und so vielleicht endlich das traumatische Erlebnis verarbeiten zu können, das sie damals ins Ausland getrieben hat: Ihr Vater war damals, 1961, bei Trujillo in Ungnade gefallen und hatte, um dessen Gunst zurück zu erlangen, dem „Wohltäter“ seine Tochter zur Entjungferung angeboten. Dieser Abend mit Trujillo ist das schreckliche Geheimnis, unter dem Urania die letzten drei Jahrzehnte gelitten hat und das der Leser erst auf den letzten Seiten des Romans enthüllt bekommt, als Showdown sozusagen.
Literarisierte Geschichte ist immer wieder ein beliebter Ersatz für trockene Geschichtsbücher, und als ein solches wird auch Das Fest des Ziegenbocks von vielen gelesen. An eben dieser Schnittstelle zwischen Fiktion und Realität wird jedoch meines Erachtens dieser Roman problematisch. Tatsächlich kommt Vargas Llosa diesmal seiner Vorstellung von einem „totalen Roman“ sehr nah: Akribisch genau, bis in intimste Details malt er seine Figuren und ihre Umgebung aus, so dass vor dem Auge des Lesers eine real anmutende, scheinbar nur literarisch dokumentierte Welt entsteht. Doch soviel Detailkenntnis macht mich misstrauisch. Ähnlich wie Jörg Drews von der Süddeutschen Zeitung habe ich mich bei der Lektüre immer wieder gefragt, woher der Erzähler das denn alles weiß. Bezeichnender Weise heben viele KritikerInnen in ihren Rezensionen hervor, dass Vargas Llosa sehr gründlich recherchiert habe und über präzise Kenntnisse verfüge. Und woher wissen die das? Sind sie alle Spezialisten der dominikanischen Geschichte, dass sie die im Roman verarbeiteten Informationen auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen könnten? Ich jedenfalls traue mir das nicht zu.

Nervenkitzel?

Vargas Llosa betonte in einem Gespräch mit Harald Jung vom ZDF, dass ihm nie daran gelegen sei, nur die Geschichtsschreibung zu reproduzieren; vielmehr sei sein Roman ein Baum, dessen Wurzel aus den historischen Daten bestehe, Stamm und Blattwerk jedoch aus reiner Fiktion. Woher weiß ich als Leserin dann, welche Ereignisse statt gefunden, welche Personen existiert haben und welche nicht? Hat sich zum Beispiel Trujillo tatsächlich die jungen Töchter seiner Untertanen zur Entjungferung zuführen lassen, wie es Vargas Llosa mit seiner – fiktiven! – Protagonistin Urania vorführt? Die in der dominikanischen Geschichte versierten Gesprächspartner des Spiegel-Reporters Carlos Widmann wollten das beispielsweise nicht bestätigen. Offen bleibt also, ob diese Praktik nur aus Vargas Llosas Feder stammt und literaturstrategischen Zielen dient, oder ob der Autor ein extrem tabuisiertes Thema berührt hat, das DominikanerInnen abwehren.
Die Vermischung von Phantasie und Dokumentation ist natürlich allen historischen Romanen gemein, doch sie wird problematisch, wenn es sich bei der historischen Figur um einen Tyrannen wie Trujillo handelt und der Roman so lesefreundlich, sprich: spannend daher kommt wie Das Fest des Ziegenbocks. Die Gefahr ist groß, dass die „Physiographie der Macht“ (Klappentext), die auch immer Schrecken und Leid beinhaltet, trivialisiert wird zu einem Nervenkitzel. Es mutet regelrecht makaber an, wie spannend sich der Roman liest – ähnlich einem Krimi oder Thriller. Besonders problematisch erscheint mir die detaillierte Beschreibung der Foltermethoden, die die Attentäter nach der Ermordung des Tyrannen erleiden. Denn gerade durch die realistische Darstellung reduziert sich die Wirkung auf einen Gruseleffekt à la Das Schweigen der Lämmer.

Realistisch erzählte Wirklichkeit

Letztlich ist es die handwerkliche Meisterschaft des peruanischen Autors, seine allzu deutliche erzählerische Sicherheit, die die Qualität dieses Diktatorenromans mindert. Die Erzählregister die er zieht, sind zu konventionell, um die Ausmaße der Repression unter Trujillo spürbar machen zu können. Die sehr realistische, detail- und bilderreiche Erzählhaltung, die Innen- und Außenansichten der Protagonisten verknüpft – wodurch stellenweise sogar Sympathie für Trujillo evoziert wird –, vermittelt den LeserInnen das Gefühl, auf sicherem Posten zu stehen und alles nachvollziehen zu können. Von der Angst, die Trujillo so systematisch gestreut hat, dass sie die DominikanerInnen selbst nach seinem Tod noch lange Zeit nicht los gelassen haben, ist nichts zu spüren. Jörg Drews hat dazu sehr treffend bemerkt: „Was fehlt, ist die Spur von Irritiertheit angesichts eines Phänomens wie Rafael Trujillo, einer Irritiertheit, die sich niederschlagen müsste in komplizierteren Erzählstrategien.“
Aufgrund dieser Trivialisierung des Terrors bietet sich Das Fest des Ziegenbocks trotz seines brisanten Themas nur als spannende Feierabend- oder Urlaubslektüre an. Es stimmt schon, der Roman hat das Zeug zum Bestseller. Ein Klassiker wird er jedoch nicht. Dazu ist er zu glatt.

Mario Vargas Llosa: Das Fest des Ziegenbocks. Aus dem Spanischen von Elke Wehr. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, 580 S., 49,80 DM
(Taschenbuch ca. 13 Euro)

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